1854_Hacklnder_152_57.txt

, hätte er Gleichgültigkeit mit Gleichgültigkeit erwiedern können, so würden die Beiden eine Ehe geführt haben, wie leider so viele andere. Ja, oder wäre sie bei seinen Reden ebenfalls heftig geworden, hätte ihr volles Herz ausgesprochen, hätte ihre Ansichten, ihre Ideen, ihre Gründe für dies und das mitgeteilt, so wäre nach einem kleinen, oft wohltätigen Sturme Alles wieder im gleichen Geleise gegangen. Da sie aber das nicht tat, da sie bei jeder Veranlassung die Gekränkte und Misshandelte spielte, wenn er, ein offener, ehrlicher Charakter, ein rasches Wort dazwischen warf, und da sie dies Spiel mit ausserordentlicher Gewandteit fortsetztees war auch wohl ihr wirkliches Gefühlso glaubte er am Ende fast beständig, er sei zu weit gegangen, und hot also wieder die Hand zur Versöhnung.

Auch heute ging er, die hände auf den rücken gelegt, eine Zeit lang unmutig auf und ab, wobei er es aber nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit einen blick nach seiner Frau zu werfen und dann jedesmal zusammen zuckte, wenn sie so ruhig und teilnahmlos in ihrem buch weiter las.

"Ah! Berta," sagte er endlich nach einem längeren Stillschweigen, "es kann wahrhaftig nicht so fortdauern, das musst du einsehen. Glaube mir, unser ganzes Hauswesen geht dabei zu grund."

Es erfolgte natürlicher Weise keine Antwort.

"Unsere Kinder, die armen, kleinen, lieben Kinder leiden sehr darunter Not, wenn du, ihre Mutter, dich nicht um sie bekümmerst."

Keine Antwort.

"Es sollte dir ja ein Vergnügen sein," fuhr er zitternd vor Aufregung und doch mit erzwungener Ruhe fort, "ihre kleinen Spiele zu überwachen, sie zu beaufsichtigen, oder wenn du das nicht willst, nur deinen Dienstboten einzuschärfen, dass sie ihre Pflicht tun. Es ist das ja eine Kleinigkeit."

Madame schien eifrig und mit grosser Aufmerksamkeit zu lesen.

"Ueberhaupt," fuhr er wärmer fort, "wäre es deine Pflicht und Schuldigkeit, nach deinem Hauswesen, deinen Dienstboten zu sehen; ich will dir ja gewiss nicht verwehren, zu tun, was jede Frau deines Standes tun darf: Besuche zu machen, zu lesen; aber es muss doch auch eine Zeit geben, wo du begreifst, dass du nicht bloss dazu auf der Welt bist."

Madame zog ihre Augenbrauen in die Höhe, als interessire sie eine Stelle in dem buch ausserordentlich.

"Dann kann ich dich auch versichern, Berta, dass du eine grosse Beruhigung in der Erfüllung deiner Pflichten finden wirst, dass das dein an sich etwas trauriges Gemüt erheitern wird, und dich der Wahn verlässt, als seiest du eine unglückliche Frau. – – Ja ein Wahn, ein schrecklicher Wahn, mein Kind," setzte er etwas heftiger hinzu; "du bist von Gott begünstigt wie wenige, du lebst nicht nur behaglich, sondern sogar glänzend; dein Mann, deine Kinder sind gesundsage, was willst du mehr? Hast du kein beneidenswertes los, hast du keine glückliche Existenz getroffen? – Und doch beständig traurig, beständig verdriesslich! – Oh! das ist unerträglich!" rief er ausbrechend, "ganz unerträglich, und wenn ich es auch schon lange in Geduld ertragen, so wird dieselbe doch bald zu Ende sein, denn ein solches Leben führe ich länger nicht mehr!"

Nachdem der junge Mann an der tür, wohin er geeilt, noch einen Augenblick gewartet, ob sie nicht vielleicht doch noch ein versöhnendes Wort von sich hören liesse, ein einziges kleines Wort, ja nur einen sanften oder freundlichen blick, der ihmwir sagen leider! – Veranlassung gegeben hätte, wieder gegen die Frau einzulenken, nachdem er so eine Zeit lang vergebens gewartet, ging er in erneuertem Zorne durch die tür und stiess sie hinter sich ziemlich unsanft in's Schloss.

Auf seinem Arbeitszimmer angekommen, warf er sich in seinen Schreibstuhl und blickte, tiefes Weh im Herzen, rings in dem elegant, ja reich möblirten Gemache umher. Hier war für jede Bequemlichkeit des Lebens gesorgt, hier standen Luxusgegenstände aller Art, und die ganze Einrichtung verkündigte einen reichen Besitzer. Er stützte die arme auf die beiden Lehnen des Sessels und liess den Kopf tief auf die Brust herab sinken. Wie hatte er seine Frau geliebt! Wie hatte er sich ein häusliches Glück so schön und zart ausgemalt, einen Familienkreis mit lieben Kindern, eine behagliche Existenz in seinen vier Pfählen, unberührt vom Sturme des Lebens. Ach! und wie war die Wirklichkeit geworden! Hier in seinem inneren sauste der Sturm und riss die schönsten Blüten ab, und wenn er ja einmal Frieden haben wollte, musste er sein Hans verlassen, um unnatürlicher Weise Ruhe und Frieden im Gewühl der Welt zu suchen und zu finden. Wie hatte er sich jene Abende so freundlich und schön ausgemalt, an dem grossen runden Tische sitzend, beim hellen Schein der Lampe, mit ihr so vergnügt und freundlich zu plaudern, Beide traulich in die Ecke des Sopha's geschmiegt, während draussen die Feinde aller Geselligkeit, Wind und Regen, an die Fenster schlugen. – Ach! auch das hatte er nicht gefunden, und wenn zu haus die Lampe angezündet wurde, so verliess er meistens seine wohnung und suchte in einem Kreis von Bekannten, was er zu Haus nicht fand. –

Lange sass er so vor seinem Pulte in tiefe Träumereien versunken, um endlich achselzuckend in die Höhe zu fahren und sich selbst