1854_Hacklnder_152_56.txt

, dich als erste, ja ich möchte sagen, als einzige person im haus zu betrachten."

"Und wer dressirt die Kinder so, um mich deines Ausdrucks zu bedienen?"

"Nun, wahrscheinlich du."

"Und wenn dir nun meine Dressur zuwider ist, warum übernimmst du nicht einmal diese Mühe? Es wäre doch wahrhaftig deine Pflicht als Mutter, die Kinder zu unterweisen. – Aber," setzte er achselzukkend hinzu, "dann müsstest du sie freilich ein paar Stunden des Tages um dich haben, und das wäre zu viel verlangt."

"Ich sehe die Kinder, so oft es notwendig ist," entgegnete Madame gereizt.

"Heute Morgen schien es dir also noch nicht notwendig, denn wie mir Anna sagte, hast du noch nicht ein einziges Wörtchen zu ihr gesprochen. – O Berta! Berta!" setzte er mit weicherer stimme hinzu, "es ist fast schon die Hälfte des Tages vorüber und du hast deine Kinder noch gar nicht gesehen. Ich muss dir gestehen, ich begreife das nicht, mir ist es am Morgen der süsseste und liebste Anblick, wenn ich die lieben und unschuldigen Gesichtchen sehe."

"Ha! ha! ha!" lachte Madame überlaut, "natürlicher Weise dein süssester Augenblick, du hast mich ja vorher gesehen, und darauf brauchst du begreiflich eine Erholung. – Aber der kleinen Katze," fuhr sie fort und nickte heftig mit dem kopf, "werde ich's doch noch ernstlich und fühlbar vertreiben, beständig meine Angeberin zu machen. – Ein anderer Mann freilich würde auf das Gerede der Kinder nichts geben, aber du bist glückselig, sobald es dir gelungen ist, eine gelegenheit zum Zanken vom Zaune zu brechen."

"Hat das Kind Unwahrheit gesprochen, hast du ihm vielleicht schon heute Morgen ein freundliches Wort gesagt?"

Es erfolgte wieder einmal keine Antwort, vielmehr schlug Madame eifrig ein paar Blätter des Buches um.

Der junge Mann wiederholte gelassen seine Frage zwei bis dreimal, dann schwoll aber die Ader seiner Stirne und er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. "Du wirfst mir immer vor," sagte er endlich mit gepresster stimme, "ich bräche die gelegenheit, mit dir zu zanken vom Zaune. Dass es Zank und Streit in diesem haus genug gibt, es ist nur zu wahr; der Friede ist leider aus diesen Gemächern und hier aus diesem Herzen gewichen, aber freilich nicht meine anhänglichkeit an dich, meine innige Liebe zu den Kindern."

Madame zuckte verächtlich mit den Achseln.

"Diese anhänglichkeit und Liebe," fuhr er mit erhöhter stimme fort, "halten mich wie Ketten an dich, an dies Haus, das mir schon oft zur Hölle, zu einem Orte der fürchterlichsten Marter geworden ist. dafür sind es aber auch wirkliche Ketten, die ich tragen muss; ich bin leider nicht Mann genug, sie zu brechen, und sie machen mich zum Sklaven deiner Laune, die fürchterlich unerträglich ist."

Madame blickte finster in die Höhe.

"Ich habe gesagt, deiner L a u n e , denn ich will dir zu meiner eigenen Beruhigung nicht einmal wirkliche Fehler zuschreiben, sondern es sollen meinetwegen nur Launen sein, die dich veranlassen, deine Kinder den Dienstboten zu überlassen, und wenn ich, dein Mann, mich über die Nachlässigkeit deiner Dienstboten beklage, ihnen noch Recht zu geben. – Es soll Laune sein, Berta, wenn deine fürchterliche Gleichgültigkeit gegen Alles, was mir, den Kindern im haus geschieht, mich zur Verzweiflung bringt. Es soll Laune sein, wenn aus deinem mund Tage, Wochen lang kein angenehmes, liebreiches Wort kommt, wenn du Alles mit verdriesslichem, moquantem blick betrachtest, wenn dich im reichsten Sonnenscheine des Lebens jener Glanz nicht freut, der dich umgibt, sondern dich jede Fliege ärgert, die um dich summt, wenn du das tausendfach Gute und Schöne, was dir Gott verliehen, nicht sehen willst, und du dagegen emsig nach einer kleinen Wolke spähst, damit du einen Vorwand hast, mir ein verdriessliches Gesicht zu machen."

"Phrasen! Phrasen! unausstehliche Phrasen!" entgegnete achselzuckend Madame, "Reden? die ich schon zum Uederdruss gehört."

"Und ich nenne ferner Laune," fuhr unerschütterlich der Gemahl fort, "wenn duja, ich will sageneine junge schöne Frau, die in der Nettigkeit ihres Anzugs dem ganzen haus ein Muster geben sollte, um elf Uhr Morgens so erscheinst – – – wie du hier vor mir sitzest."

Einen Augenblick schien Madame über diese letzte Rede, wie sie es schon einige Mal vorher getan, mitleidig lächeln zu wollen. Doch warf sie verstohlen einen blick in den Spiegel, und da sie vielleicht finden mochte, dass ihr Gemahl nicht so ganz Unrecht, ja vielmehr vollkommen Recht habe, so flog eine tiefe Röte über ihr Gesicht, sie presste die Lippen heftig auf einander und öffnete sie alsdann wieder, als wolle sie etwas zornig erwidern, doch siegte ihr angebornes Phlegma, jene Gleichgültigkeit, von der ihr Mann sagte, dass sie ihn zur Verzweiflung brächte, über diese Aufwallung. Sie warf ihm einen finsteren, verdriesslichen blick zu, dann senkte sie den Kopf auf ihr Buch herab und vergrub sich tief in den Fauteuil.

Der junge Mann war, wie er vorhin sagte, in der Tat der Sklave seiner Frau; und seine Sklaverei war von der härtesten Art. Hätte er ihr Gemüt besessen