stimme: "Wo sind die Kinder?"
In dem Augenblicke, wo der Hausherr erschien, hatte jede der drei dienenden Damen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Geistesgegenwart irgend ein Stück Arbeit ergriffen; die Köchin tat, als habe sie sich ein Haushaltungsbuch geholt, das Stubenmädchen fuhr mit der Schürze leicht über den Tisch, und die gewissenhafte Hüterin der Kinder nahm etwas Wäsche aus einem neben ihr stehenden Korbe.
"Die Kinder waren im Augenblicke da," sagte die Letztere mit ziemlich gleichgültigem Tone, "sie werden im Salon oder Schlafzimmer sein."
"Sie werden sein!" entgegnete heftig der junge Mann. "Ist das auch eine Antwort: s i e w e r d e n s e i n ? Sind Sie vielleicht dazu da, um mir so unbestimmte Antwort über das Ihnen Anvertraute zu geben?"
Die also Angesprochene zuckte die Achseln; die Köchin sah ihren Herrn mit einem unfreundlichen blick an, und das Stubenmädchen eilte naserümpfend hinweg, und man hörte sie draussen auf dem Gange sagen: "Es ist doch in dem haus keine Ruhe, jetzt haben wir schon wieder Aerger und Lärmen!"
"Anna sass vor der tür auf der kalten Treppe," sprach der Vater des kleinen Mädchens, indem er sich gewaltsam bezwang, "und mein Bube läuft ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herum. Heisst das vielleicht Ihre Pflicht erfüllen?"
"Die Kinder sind erst vor ein paar Sekunden fort gegangen. Anna kann sich kaum niedergesetzt haben und Oscar muss da unten vor dem haus sein."
"So gehen Sie augenblicklich und holen ihn; schliessen Sie die Glastüre zu und behalten hier die Kinder bei sich im warmen Zimmer. Ich sage Ihnen, Frau Bendel, nehmen Sie sich ja in Acht oder es geht mit uns Beiden auf eine sehr unangenehme Art auseinander."
"Ich tue was ich kann," entgegnete die person weinerlich; "aber ich weiss, Sie mögen mich nicht leiden, und wenn Madame nicht so mit mir zufrieden wäre, so hätte ich schon lang dieses Hans verlassen."
Der Hausherr gab weiter keine Antwort, doch ballte er die rechte Faust heftig zusammen, seufzte tief auf und trat anscheinend ruhig in das Zimmer seiner Frau.
Obgleich es bereits elf Uhr war, hatte Madame doch eben erst ihren Kaffee getrunken. Sie war eine junge und hübsche Frau mit stark blondem Haar, welches noch vollkommen unfrisirt unter einer zerzausten, aber mit Blumen besetzten Haube stak. Der übrige Anzug passte hiezu: sie trug einen wohl feinen und eleganten Morgenrock, doch hatte sie ihn weder um ihre schlanke Taille zusammen gezogen, noch oben gehörig befestigt, und hatte, um die hierdurch entstandenen Blössen zu bedecken, darüber eine Sammtmantille geworfen, die, nur für die Strasse bestimmt, jetzt an der Rücklehne und auf dem Sitz grausam zerknittert wurde.
Madame erhob nicht den Kopf beim Eintritte ihres Gemahls, ja sie gab dem kleinen Fauteuil, in welchem sie sass, durch einen heftigen Ruck eine solche Richtung, dass sie dem Eintretenden den grössten teil ihres Rückens zuwendete.
"Ich bin es, mein Kind," sagte der junge Mann mit ziemlich sanfter stimme.
Er erhielt keine Antwort.
"Ich bin so eben von dem Begräbniss der fräulein von M. zurückgekehrt; du warst noch nicht auf, als ich ging. Wie befindest du dich, hast du gut geschlafen?"
Madame zuckte statt aller Antwort die Achseln und öffnete phlegmatisch ein Buch, das in ihrem Schoosse lag.
"Ich möchte wissen, wie du geschlafen hast," fuhr der junge Mann mit etwas stärkerer stimme fort.
Worauf sie abermals die Achseln zuckte, den Kopf halb herum warf und mit moquantem Tone entgegnete: "Was kümmert dich meine Nachtruhe, überhaupt meine Ruhe? Man hat ja vor dir doch keinen Frieden, nicht bei Tag, nicht bei Nacht."
"Wie, du hast vor mir keinen Frieden?"
"Oh!" entgegnete Madame mit aufgeworfener Oberlippe, "es war recht ruhig, so lange du fort warst, aber kaum betrittst du das Haus, so beginnt gleich wieder dein Schelten mit den armen Dienstboten."
"Mit den armen Dienstboten!" erwiderte er, indem sein sonst so sanftes Auge anfing aufzuflammen. "Ah! mit den armen Dienstboten! Hat Jungfer Babett wieder rapportirt? es ist übrigens gar nicht einmal der Fall, dass ich besonders heftig geworden bin, obgleich ich, bei Gott im Himmel! die gegründetste Ursache gehabt hätte."
Es erfolgte keine Antwort, vielmehr schien sich Madame eifrig in die Lectüre ihres Buches zu vertiefen.
"Du weisst natürlicher Weise nicht, wo die beiden Kinder sind?"
"In sehr guten Händen, hoffe ich; die Kindsfrau hat mein volles Vertrauen."
"Nun denn, als ich eben nach haus komme – es hat beiläufig gesagt zwölf Grad Kälte – sitzt Anna in einem dünnen Kleidchen vor der Haustüre, und Oscar läuft in der Nachbarschaft herum, die drei Frauenspersonen aber sitzen drüben in dem Zimmer, plaudern auf's Eifrigste und tun nicht, als ob überhaupt Kinder für sie in der Welt wären."
"Und das wundert dich?" sagte Madame nach einer peinlichen Pause.
"Wie verstehe ich deine Frage?"
"Anna wird an die Treppe gelaufen sein, ihren lieben Papa zu empfangen, ihm ihren guten Morgen zu bringen, ihm zu schmeicheln. Es könnte das eigentlich komisch erscheinen; die Kinder werden ja förmlich dressirt