! Hat sie nicht meine Frau, so oft sie uns besuchte, mit – mit – wie soll ich sagen? – ja, mit wahrer Freundschaft behandelt!"
"So oft sie zu uns kam!" versetzte spöttisch der Herr mit der Brille. "Aber welches waren die Veranlassungen zu diesen Besuchen?"
"Nun," entgegnete der alte Herr, indem er die hände von sich streckte, "die Veranlassungen waren die edelsten und besten; sie veranstaltete Sammlungen zur Ausstattung armer Mädchen und zur Unterstützung hülfsbedürftiger alter –"
"Schnappstrinker."
"Wa–s?" fragte der alte Herr, der dies Wort nicht recht verstanden hatte. – "Und abgesehen von diesen Besuchen begegneten wir ihr nie am dritten Orte, ohne dass sie ein charmantes Lächeln, eine freundliche Begrüssung für uns hatte."
"Und für unsere Kasse," warf der Andere ein. "Sonst aber liess sie uns, wie ich es auch begreiflich finde, auf der Stufe stehen, zu der wir gehören, und wenn sie auch gnädiger Weise zu uns herabstieg, so konnten wir doch verschlossene Türen finden, wenn wir es uns einfallen liessen, einmal eine Treppe höher anzuklopfen."
Der alte Herr zuckte die Achseln und sagte: "Das finde ich ganz in der Ordnung; streng geschiedener Rang und Stand ist durchaus notwendig, und dass das auch in meinem haus so gehalten wird, darein setze ich meinen Stolz."
"Namentlich Mama," sagte träumerisch der andere junge Mann mit dem blonden Haar.
"Allerdings; deine Mutter ist von strengen grundsätzen, und das ist ein Segen, der im ganzen Hauswesen sichtbar wird."
"Nur bei Einem dieses Hauswesens," bemerkte lachend der mit der Brille, "ist von diesem Segen nicht viel zu sehen. Artur hat von den grundsätzen Mama's nie viel profitirt."
"Artur ist leider ein Künstler," entgegnete der alte Herr, "und kommt hiedurch in Kreise und Berührungen, die freilich nicht besonders gut auf ihn einwirken, aber –"
"Lasst doch die Geschichten gehen!" meinte der mit dem blonden Haar. "Ich weiss nicht, Alfons, dass du nie mit deinen Neckereien und Sticheleien aufhören kannst; wahrhaftig, das wird am Ende unerträglich, und du kannst keine Stunde damit still sein. Ich möchte nicht deine Frau sein."
"Und ich nicht der Mann deiner Frau," entgegnete Alfons mit einem unangenehmen Lächeln.
Bei welchen Worten über das Gesicht des andern jungen Mannes etwas wie ein leichter Schmerz zuckte. Er biss sich auf die Lippen, reichte dem dicken Herrn die Hand und sagte: "Ich muss einen Augenblick nach haus, komme aber später. Adieu Papa!"
Das Zwiegespräch der beiden jungen Leute war ziemlich leise geführt worden, und der alte Herr, der einen Schritt voraus war, hatte es nicht so recht verstanden. Er reichte dem Abschiednehmenden die Hand und rief ihm dann nach: "Vergiss nicht zu Tische zu kommen, Eduard; du weisst, Mama hat euch eingeladen."
Darauf ging er mit dem Herrn, welcher die Brille trug und der sein Schwiegersohn war, die gerade Strasse hinab, der Andere dagegen, sein wirklicher Sohn, bog links ein und schritt langsam einem grossen haus zu, in dessen erstem Stock er wohnte.
Es war, wie wir wissen, Winter, und ein ziemlich kalter und rauher Morgen. Auf der Treppe des Hauses sass ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, in einem eleganten feinwollenen Kleidchen, aber es sass auf dem kalten Steine und seine Aermchen und Nakken waren ganz rot vor Kälte.
Der junge Mann trat erschrocken näher, hob das Kind auf und fragte: "Was tust du hier, Anna? Warum bist du nicht droben im warmen Zimmer? – Wer hat dich so allein auf die Strasse gelassen? – Ist Oscar droben oder wo ist er?"
Das kleine Mädchen, ein hübsches Kind mit klaren braunen Augen, lächelte über die hastigen fragen des Papa's. "Ich bin herunter gegangen," entgegnete es, "die tür war offen, Oscar ist freilich auch mit gegangen, aber er ist um die Ecke gelaufen, und will sich um einen Sechser Bindfaden kaufen."
"Und Mama ist oben?"
"Ich glaube wohl," erwiderte das Kind gleichgültig, "habe sie aber schon lange nicht mehr gesehen."
Der junge Mann biss die Zähne über einander, nahm seine Tochter auf den Arm und stieg hastig in den ersten Stock des Hauses, vor dem dies kleine Zwiegespräch geführt wurde. Eine breite und hohe Glastüre, die von der Treppe auf den gang führte, stand offen; links befand sich Küche und Kinderzimmer, und aus dem letzteren erscholl ein lautes und lustiges lachen. Der Hausherr setzte das Kind auf den Boden und schritt rasch auf die tür zu, hinter welcher es so fröhlich zuging. Er öffnete sie heftig und sah, was er auch nicht anders erwartet, seine sämmtliche Dienerschaft, Köchin, Stubenmädchen und Kindsfrau in heiterer Unterhaltung begriffen, während draussen die tür offen stand und während eines seiner lieben Kinder fast unangezogen in der Kälte vor der Haustüre sass, und das andere, ein Bübchen von vier Jahren, ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herum lief. Man hätte es dem Vater nicht verdenken können, wenn er in diesem Augenblicke seinen Spazierstock zu einem andern Zwecke benutzt hätte; doch bezwang er sich und fragte mit ernster und fester