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kleinen Händchen niederstrecken und sie mit sich empor ziehen.

Das sind übrigens Ansichten und Phantasieen, und das Wahre all der Sache ist, dass das Kind, wie wir bereits wissen, in einem Winkel beerdigt wurde, während der Leichenconduct der Stiftsdame sich über den schönsten teil des Kirchhofes verbreitete, und dort bei der Begierde, die vortreffliche Rede zu hören, von manchem stillen, bescheidenen Grab Immergrün und Epheu schonungslos niedertrat.

Der Zug war in jeder Hinsicht imposant zu nennen. Da waren alle Schichten der Gesellschaft vertreten, da fuhren glänzende Wagen in der königlichen Livree, denen der Prinzen, der hohen Würdeträger bei Hof, der Minister, des niederen Adels, der reichen Bürgerschaft, der Beamtenwelt, kurz, wer eine Equipage hatte, die sich anständiger Weise hinter die lange Reihe anschliessen konnte. Da sassen die Kutscher der höchsten Herrschaften gravitätisch auf ihrer Bokkdecke, die Peitsche hoch, das wettergebräunte Gesicht und die roten Nasen mit einem leichten künstlichen Anflug von Schwermut schattirt; da kamen ihre minder vornehmen Collegen mit minder vornehmer Haltung, aber in ihren reichsten Anzügen; ihnen folgten endlich die Kutscher der Anverwandten in der schwarzen Trauerlivree, Florepaulettes auf den Schultern, ganz in schwarzes Tuch gekleidet und mit ziemlich zerknirschter Miene. Dass die meisten Wagen leer fuhren, versteht sich von selbst; ihnen schloss sich erst eine unendliche Reihe Fussgänger aller Stände an, würdevoll einher schreitend, den blick zu Boden, die eine Hand vielleicht in die Brust des Paletots vergraben, und in leisem Gespräch, natürlicher Weise handelnd von den Tugenden der Verblichenen. Wenn man aber auch über andere Dinge sprach, so gab man sich doch das Ansehen, als sei man mit Leib und Seele bei dem traurigen Geschäfte, und es wurde vielleicht über einen Process, ein Avancement, über die Fünfprocentigen oder die Preise von Baumwolle und Käse nur mit hoch emporgezogenen Augenbrauen gesprochen, begleitet von ernstem, würdigem Kopfnikken und salbungsvoll herabhängender Unterlippe.

Die Gefühle der meisten Leidtragenden, wenn sie nicht gerade den nächsten Verwandten angehören, treten in ihren Contrasten während des Hin- und Herweges am schärfsten bei einem militärischen Begräbnisse hervor. Wie dumpf und schauerlich wirbeln die Trommeln, wie klagen die Hörner in einzelnen schwermütigen Accorden auf dem Hinwege, wie abgemessen und langsam ist der Schritt der Colonne, die mit dem Kameraden geht, und wie ernst und düster die Haltung, mit der sie um das Grab stehen, bis es zugeschaufelt ist. Sobald dies aber geschehen, hebt der kleine Tambour seine Trommel in die Höhe, schraubt das Kalbfell schraffer und spuckt auch gelegentlich und verstohlen in die hände, um seine Schlegel recht behend und flink rühren zu können, denn kaum haben sie dem Kirchhof den rücken gekehrt, so schwingt der Tambour-Major schon mit einer ganz anderen Miene seinen Stock, und die Trommeln, auf denen es vorhin klang: drumdrrumdrrrrrumdrrumdrumdrrrrum! schallen jetzt Rataplanrataplanrataplanplanplan, und darauf fällt die Musik ein, aber lustig, heiter und schmetternd; der Choral ist vergessen und irgend ein klingender Marsch führt die Truppen, nun um einen stillen Mann weniger, nach der Kaserne zurück.

Bei bürgerlichen Begräbnissen ist das, wenn auch mit weniger Geräusch und weniger auffallend, die gleiche geschichte. Die würdigen Kutscher wenden ihre Wagen nach der Ceremonie um und suchen einer an dem andern vorbei in vollem Trabe nach haus zu kommen, wobei es denn nicht selten eine Bemerkung, ein Wort setzt, das durchaus nicht passen will zu der ernsten Haltung von so eben. Von den Fussgängern sind manche draussen vor dem Tore geblieben, denn der Nasen ist feucht, Erkältungen in dieser Jahreszeit sehr gefährlich, und der Anblick der stillen Hügel mahnt auf so unangenehme Art an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Was nun aber, erbaut von der Predigt, wieder heraus kommt, löst sich in einzelne Gruppen auf und geht plaudernd, guter Dinge, auch wohl lachend nach haus; Mancher schlägt für sich sein Rataplan und denkt: es ist gut, dass ich diesmal noch zu den Begleitern gehöre.

Unter den Haufen, die sich an diesem Morgen nun nach allen Seiten hin zerstreuen, bemerken wir einen dicken Herrn, mit stattlichem, umfangreichem Oberkörper, aber etwas gekrümmten Beinen, die wahrscheinlich der Last, die sie Jahre lang tragen mussten, am Ende erlagen, nachgaben und etwas Sichelförmiges annahmen. Der schon ziemlich alte Herr hat ein volles, wohlwollendes Gesicht und gibt sich offenbar die Mühe, namentlich wenn er grüsst, sehr würdevoll und gravitätisch auszusehen. Zu diesem Zweck zieht er alsdann seine Augenbrauen finster zusammen, ist aber nicht im stand, einen lachenden Zug um den gutmütigen Mund zu vertilgen, wesshalb sein Gesicht bei diesen Veranlassungen meistens in einer lustigen Composition von Ernst und Scherz erscheint. Zu beiden Seiten desselben gehen zwei junge Männer von einigen dreissig Jahren, der Eine blond, mit einem offenen, gutmütigen Gesicht, nachdenkenden Augen, in welchen man hie und da Zerstreuteit liest, der Andere mit dunklem Haar und Backenbart, mit einer Brille auf der Nase, hinter der sich ein paar stechende Augen befinden.

"Ich sage euch," bemerkte der alte Herr, indem er ruhig eine Prise nahm, "die verstorbene Stiftsdame war eine respektable Frau. Was hat sie nicht Alles den Armenanstalten unserer Stadt getan, und wie herablassend war sie nicht gegen Jeden, der mit ihr umging! – – Herablassend sage ich und wiederhole es; sie, eine Baronesse von einem der besten Häuser