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undankbares Gemüt, was sie namentlich darin bewies, dass sie die Freundlichkeit, mit der sie meistens die Männer behandelte, die mit ihr in einige Berührung kamen, durchaus nicht auf ihren Umgang mit ihrem Herrn und Meister ausdehnen wollte; sie war eine widerspenstige Sklavin, wie sich der Buchhändler schon hatte vernehmen lassen, wenn er nämlich nicht daran gedacht, dass sich Herr Beil in seiner Gehörweite befand. Der Commis aber befand sich oft in dieser Gehörweite, ohne dass es der Principal wusste, und wir können dieses an sich tadelnswerte Betragen nur dadurch entschuldigen, dass sich Herr Beil auf's Heftigste in das Mädchen verliebt hatte und in beständiger Angst lebte, die Zwistigkeiten zwischen Herr und Dienerin, die oftmals ausbrachen, könnten einmal für das Mädchen auf sehr unangenehme Art endigen.

Das musste schon wahr sein, Maria gab sich häufig nicht einmal die Mühe, ihre Scheu, ja ihren Widerwillen vor ihrem Herrn zu verbergen, namentlich in jenen Tagen nicht, wo er es versuchte, sie durch Liebe und Sanftmut zu erziehen. Dann war ihre Laune unerträglich, wogegen sie ordentlich aufzuleben schien, und sich auf ihrem schönen gesicht Frohsinn und Heiterkeit abspiegelte, wenn sie Scheltworte und die schlechteste Behandlung mit oder ohne Veranlassung zu ertragen hatte.

Seit einigen Tagen war in dem haus vollkommen ruhiges Wetter gewesen, ja Herr Blaffer hatte sich auffallend sanft benommen und sogar einmal die Aeusserung getan, er sehe ein, das passe sich eigentlich nicht, dass Maria in seinem haus alle die niedrigen Dienste versehe, und er finde es angemessen, nächstens ein wirkliches Dienstmädchen anzustellen. Diese Aeusserung hatte dem Herrn Beil einen Stich in's Herz gegeben, und er setzte seine Beobachtungen um so eifriger und genauer fort, als Maria ihm sichtlich auswich, oft in tiefen Gedanken vor sich hinstarrte und sich durch keinen lustigen Einfall aufheitern liess.

Obgleich der Commis, wie schon gesagt, das Mädchen liebte, so sind wir doch durchaus nicht berechtigt, an eine Gegenliebe zu glauben. Sie benahm sich gegen ihn nicht freundlicher und zuvorkommender als gegen jeden Anderen, und Herr Beil warf während vieler schlimmen Stunden in seinem kopf die schreckliche Vermutung umher, irgend ein unternehmender junger Mann habe sich vielleicht in ihr Herz geschlichen und mache es unempfänglich für all' die Beweise von Zuneigung und Liebe, die er ihr schon gegeben.

Unterdessen hatte sie den Tisch gedeckt, das mehr als bescheidene Essen aufgetragen, und die drei setzten sich dazu hin, ziemlich stumm und einsylbig; der Lehrling liess den Kopf hängen, der Commis hatte keine guten Einfälle, und wenn er einen höchstens halbwegs ordentlich zu Tage brachte, so hatte dieser nur die wirkung, dass das Mädchen, das, ohne einen Bissen anzurühren, auf ihren Teller hinstarrte, erschrocken in die Höhe fuhr und mit einem sehr erkünstelten Lächeln um sich schaute.

Vierzehntes Kapitel.

Häusliche Scenen.

Auf dem Kirchhofe der Stadt, den wir in einem der vorigen Kapitel verliessen, fanden, wie der geneigte Leser bereits weiss, an jenem Morgen zwei Begräbnisse Statt. Das erste, das vornehmere, war das einer sehr alten und sehr adeligen Stiftsdame, die es ihren nun lachenden Erben recht sauer gemacht hatte. Es war eins von jenen kränklichen Wesen, von denen man achselzuckend spricht: "und sie lebt immer noch?" – eine Frage, die aber Jahrzehnte und Jahrzehnte mit einem "Ja!" beantwortet wird. Endlich aber hatte der unerbittliche Tod das hochadelige Wappen nicht länger geachtet und der alten Dame zum letzten Reigen die Hand gereicht, was ihr gerade in diesem Augenblicke sehr unangenehm und unerwartet kam, denn es kreuzte einige Entwürfe, die sie nächstens auszuführen beschlossen hatte. Aber da wir Alle des Todes allerleibeigenste Sklaven sind, so genügte, wie schon gesagt, ein Wink von diesem Tyrannen, und sie, die gestern noch in dem Hofcercle so ausserordentlich recherchirt war, und so angenehm mit den hohen und höchsten Herrschaften geplaudert hatte, liess nun Fächer und Blumen plötzlich den steifen Fingern entgleiten und streckte sich lang aus, jenen gewissen eigentümlichen Zug im gesicht, den alle glücklichen, zufriedenen Menschen, wie zum Beispiel ihre gestrige Gesellschaft, nicht ohne einen unerklärlichen Schauder anzusehen vermögen.

Die Stiftsdame war sehr vornehm und sehr stolz gewesen; doch hatte sie sich in allen Ständen der Gesellschaft einen freundlichen Namen erworben, denn sie gab den Armen und sonstigen Hilfsbedürftigen nicht ungern, namentlich aber da, wo die öffentlichen Blätter ihre Gabe, Grösse und Zweck derselben, in mehreren dankerfüllten Zeilen dem allgemeinen Publikum tiefgehorsamst ersterbend hinstammelten.

Sie war zur selben Stunde gestorben, wie das kleine Schwesterchen der Tänzerin, nächtlicher Weile, als noch tiefe Schatten über Wald und Flur lagen. Vielleicht hatten die beiden aufschwebenden Seelen einen und denselben Weg, und zogen, nachdem alle Standesunterschiede abgestreift, Hand in Hand dahin. Sollte aber auch sogar der Tod dieses Gleichheitsprinzip nicht durchzusetzen vermögen, so könnten wir auch vielleicht annehmen, der arme kleine Engel sei gerade zur rechten Zeit mit der alten Stiftsdame gestorben, um, hinter ihr drein gleitend, die lange weisse Schleppe zu tragen. Wenn sich aber zufällig ihre Wege teilten, und die kleine unschuldige Seele, an Freuden und Erlebnissen leicht, lustig aufwärts flatterte, während die andere, an Taten und an Ehren reich, nicht im stand war, sich so weit empor zu schwingen, so blickte sie vielleicht zum ersten Male sehnsüchtig nach dem armen kind und sprach ein leises Gebet, es möge droben ein stilles Fürwort für sie einlegen, oder es möge die