Mittel für unvorhergesehene Fälle. Da befinden sich neuere und ältere, engere und weitere Tanzschuhe, sowie Vorratsbänder zu denselben, ein paar Tricots zum Auswechseln, falls irgend ein Unglück geschähe, kleine Lappen und Flecken von verschiedenen Sorten, Nadeln und Faden von allen möglichen Grössen und Farben. Auch die Teatertoilettegegenstände sind hier verwahrt: rote und weisse Schminke, Pomade, Kämme, Haarnadeln, eine Schachtel voll Magnesia zum Pudern und die notwendige Pfote eines verstorbenen Hasen, um die weisse Schminke auf dem Gesicht gleichmässig zu verteilen.
Es mag ungefähr fünf Uhr sein, und der letzte Wagen, den wir begleitet, hat mit seinem Inhalte das weibliche Balletpersonal vollständig zusammengebracht. In den drei Zimmern befinden sich vielleicht vierundzwanzig junge Mädchen, die lachend und plaudernd durcheinander rennen, sich ihrer Mäntel und Halstücher entledigen, ihre verschiedenen Anzüge ordnen und nun mit hülfe der Ankleiderinnen daran gehen, sich von unten herauf anzuziehen. sonderbar ist es, dass die gespräche, namentlich aber Scherzen und lachen, so lange nicht zum rechten Durchbruch kommen wollen, bis die Kleider und Unterröcke den Tricots und enganliegenden Leibchen nicht Platz gemacht haben. Ist aber erst die ganze leichtfüssige Schaar unten vollständig gerüstet und bis zur Taille mit den enganliegenden Tricots versehen, so scheint ein anderer Geist in sie gefahren zu sein, und Spässe, eigentümliche Attitüden und unaussprechliche Pas wechseln so drollig ab und werden mit so schallendem Gelächter begleitet, dass sich oftmals die Oberanzieherin veranlasst sieht, die Hauptschuldigen durch ihre Brille fest anzusehen und ernstlich um Aufhören des Spektakels zu ersuchen. Hierauf wird aber das leise Gekicher und die anscheinend harmlosen Spässe doppelt eifrig fortgesetzt. Ein lauter Schrei erhebt sich dazwischen, denn es wurde heftig an eine der Türen geklopft; es ist Monsieur Fritz, der Teaterfriseur, der sich von aussen erkundigt, ob er eintreten dürfe. Alsbald setzen sich die Damen des ersten Zimmers durch umgeworfene Mantillen oder Tücher, sowie durch Tanzröcke, die provisorisch über den Schooss gelegt werden, in gehörige Verfassung, um den eintretenden jungen unglücklichen Mann gehörig empfangen zu können, was übrigens nicht ohne einiges Gekreisch abgeht. Wir sagen: u n g l ü c k l i c h e n jungen Mann, und zwar aus doppelten Gründen, denn einmal ist es keine Kleinigkeit, vierundzwanzig junge Mädchen zur Zufriedenheit zu frisiren, und anderenteils hat Monsieur Fritz den Versuch gemacht, gegen die eine oder die andere der hübschen Tänzerinnen gelegentlich zu avanciren, was ihm nun bei jeder Veranlassung auf's Schonungsloseste vorgehalten wird.
Der Teaterfriseur und Schneider werden seltsamer Weise von den Tänzerinnen meistens für Wesen gehalten, welche der Liebe unfähig sind, für geschlechtslose Geschöpfe, und es ist eigentlich sehr gut, dass diese Ansicht besteht, denn sonst wäre des Zierens und Genirens kein Ende.
Monsieur Fritz ist also eingetreten; die tür zum zweiten Zimmer wird geschlossen, weil man dort noch nicht so weit angezogen ist, und das Frisiren nimmt unter Scherzen und lachen seinen Anfang.
Aber man muss nicht glauben, dass Alle in diesen lustigen Ton mit einstimmen, dass es Allen gleichgültig ist, wenn die umgeworfene Mantille zufällig von den Schultern herabrutscht, wenn der Friseur das Haar lockt oder ein Diadem aufsetzt. Nein, diese Stunde des Anziehens und später des Heraustretens vor die Lampen, vor das versammelte Publikum, sind für manche dieser armen Mädchen Stunden der bittersten Qual, ja tiefen Herzeleids. Man wird sagen: warum brauchen sie Tänzerinnen zu bleiben? Sie sind es ja aus freiem Willen geworden. – Doch ist diese Ansicht eine vollkommen falsche; ihr Wille wurde und wird nicht gefragt. Da ist eine Mutter in dürftigen Verhältnissen, die hat zwei kleine hübsche Mädchen; da sie aber für das tägliche Brod zu Haus arbeiten muss und keine Magd anschaffen kann, um ihre armen Kinder, wie so viele Reiche und glückliche, zu beaufsichtigen und zu verpflegen, so betrachtet sie die Balletschule als eine gute gelegenheit, die Kinder zu versorgen und bedenkt nicht, wie teuer dieselben dieser erste Schritt meistens zu stehen kommt Die kleinen Mädchen werden untersucht, ob sie gerade Glieder haben, auch hübsche Augen und gesunde Zähne, und dann werden sie eingeschrieben zu einem äusserlich oft glänzenden, aber innerlich meistens erbärmlichen Leben. Anfangs betrachtet man Alles mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend; die kleinen Wesen freuen sich, wenn sie in den engen Tricots mit einem goldenen Gürtel hinaus dürfen, und ahnen nicht, dass all' dieses glänzende Schmuckwerk goldene Ketten sind, die sie zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes, ja wildes Leben fesseln. Dies Bewusstsein kommt erst nach einigen Jahren und meistens wenn es zu spät ist, wenn die Tänzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletsaal und die Bühne angewiesen ist, um von der geringen Gage sich und oft noch Eltern und Geschwister zu erhalten.
Es ist dies ein Leben, in vielen Fällen schlimmer als das einer wirklichen Sclavin; ist diese traurig, ist ihr Herz von Kummer und Schmerz zerrissen, so ist es doch ihrem Herrn gleichgültig, ob sie die Lippen zusammenbeisst, ob eine Träne über ihre Wange herabträufelt; aber die Tänzerin muss lachen, muss vor den Lampen eine Glückseligkeit heucheln, wenn auch ihr Herz darüber brechen möchte. – Es ist wahr, eine Sclavin wird wie eine Waare untersucht, ihre Gestalt, ihr Wuchs, ihre Augen, ihre Zähne, aber das geschieht nur einige Mal in ihrem Leben; die Tänzerin dagegen muss sich allabendlich von dem gesammten Publikum untersuchen lassen: jedes Glas richtet sich scharf auf sie und jedes Auge