alte Mann mit grosser Aengstlichkeit zu sagen, "könnten Sie mir wohl für einmal diesen Gefallen tun. Ich brauche nur vier Gulden."
"Kleines Honorar!" rief entrüstet der Buchhändler. "Ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Staiger, Sie erhalten für den Druckbogen, glaube ich, einen Gulden und dreissig Kreuzer, und das nennen Sie ein kleines Honorar! – Wer schrieb uns doch gestern," wandte sich Herr Blaffer an den Commis, und bot uns eine Nebersetzung zu einem Gulden und zwölf Kreuzern per Bogen an? – Es war sogar ein bekannter Name. – War es nicht Doctor Hintermaier? – Soll ich Ihnen den Brief zeigen? fragte er rasch den alten Mann. – "Beil, sehen Sie in H. nach und suchen Sie nach dem letzten Schreiben von Doctor Hintermaier."
"Da werde ich vergebens suchen," erwiderte ruhig der Commis, "das ist einer von den Briefen, die Sie angeblich in Ihrer Privatsammlung aufzuheben pflegen."
"Möglich! möglich!" unterbrach ihn rasch der Principal, denn er fürchtete, noch Unangenehmeres zu hören. "Ich werde ihn wohl in der tasche meines Ueberrocks haben. – Nun, es ist ja gleichviel! Aber ich versichere Sie: den Bogen zu einem Gulden und zwölf Kreuzern."
Herr Staiger schüttelte den Kopf und entgegnete gedankenvoll: "Das kann nicht mit redlichen Dingen zugehen; da müsste man von anderen Uebersetzungen abschreiben."
"Ja, das ist auch eine Kunst," versetzte der Buchhändler, indem er mit dem Daumen und Zeigefinger seine lange Nase zwickte. "Das ist nicht so ganz schlecht, aus drei Uebersetzungen eine vierte machen. Wenn man es geschickt anfängt, merkt's das Publikum nicht und der Verleger erspart sein teures Geld. – Aber das kann ich Sie versichern, mein lieber Herr Staiger: von Vorschüssen müssen Sie mir nicht sprechen. Vorschüsse bewillige ich selten, und nie bei Artikeln, an denen man so wenig verdient, wie bei diesem unglückseligen buch."
Der Buchhändler hatte sich ordentlich in die Hitze hineingesprochen und seine Rede klang um so überzeugter, als er auf dem gesicht seines ersten Commis zu lesen glaubte, dass dieser mit ihm übereinstimme, was äusserst selten geschah.
Herr Beil hatte die Augenbrauen in die Höhe gezogen, den Kopf nachdenkend auf die Seite geneigt und sagte nach einer Pause mit der grössten Ruhe und überzeugung: "Sehen Sie, mein verehrter Herr Staiger, diesmal ist der Herr Blaffer vollkommen in seinem Recht. Sie wünschen einen Vorschuss – zu welchem Zwecke? Wahrscheinlich um Holz zu kaufen, weil es Sie und Ihre kleinen Kinder zu haus friert. Ferner um Brod zu kaufen, weil es Ihre Familie hungert; dann endlich, um die Kosten des kleinen Begräbnisses zu bezahlen, weil dies, namentlich für arme Leute, ein teurer Spass ist – – Ernst wollte ich eigentlich sagen. Dazu also wollen Sie Vorschuss? – Habe ich nicht Recht?"
Der alte Mann nickte traurig lächelnd mit dem kopf.
"Aber der Herr Blaffer verweigert Ihnen diesen Vorschuss, obgleich es nur ein paar armselige, lumpige Gulden sind. Und der Herr Blaffer, obgleich ein sehr ehrenwerter Mann wie der selige Brutus, kann nicht anders handeln. Sie sollen für ihn ein Buch übersetzen, das von allerlei grossen und kleinen Leiden einer Menschenklasse handelt, die man Sclaven nennt. Darin kommen Hunger, Durst, frierende, auch sterbende Kinder und dergleichen schöne Sachen mehr vor. Das aber mit dem richtigen Tone wieder zu erzählen, würde Ihnen schwer fallen, wenn Ihnen nicht die grosse Güte des Herrn Blaffer Veranlassung gäbe, all' diese schönen Dinge bei sich selbst zu erleben. Sehen Sie, nur aus dem Grund verweigert er Ihnen den Vorschuss. – Sie frieren zu Hans, Sie hungern auch ein klein wenig, Ihre Kinder ebenfalls, und Alles das macht Sie geschickt, die vortrefflichste Uebersetzung zu liefern für das bekannte Haus Johann Christian Blaffer und Compagnie."
Damit schlug Herr Beil dröhnend sein Buch zu, rutschte von dem Comptoirstuhl herab und verliess das Zimmer, nachdem er zuvor vor einem armseligen Spiegel in der Ecke seinen grossen schwarzen Schnurrbart so horizontal als möglich nach beiden Seiten hinaus gestrichen.
Der Buchhändler hatte anfangs nicht gewusst, was die Rede seines Commis bedeuten solle. Ja, sie war ihm zuerst sehr gutmeinend vorgekommen, und er hatte sie mit einem beistimmenden Kopfnicken begleitet. Bald aber hörte dieses Kopfnicken auf, die Nase hob sich drohend und immer drohender, sein aschgraues Auge blitzte und die zuckenden Finger suchten nach irgend etwas Schwerem, um es seinem Gegenüber an den Kopf zu werfen. Doch bezwang er sich männlich, tat einen tiefen Atemzug, und indem er mit der einen Hand verächtlich auf Herrn Beil zeigte, wie er noch vor dem Spiegel stand, wiederholte er mit der anderen die Pantomime von vorhin nach der Stirne.
Während jener Rede hatte der alte Mann auf seinen Hut geblickt und den Commis nur ein einziges Mal angesehen. Aber dieser blick, den er ihm zuwarf, war freundlich, ja dankend. Er schien auch jetzt vollkommen resignirt zu sein und zog sich nach der tür zurück, um das Zimmer zu verlassen, als dieselbe nach einem kurzen aber heftigen Anklopfen von aussen so rasch geöffnet wurde, dass sie Herrn Staiger beinahe auf die Seite drückte.
Dreizehntes Kapitel.
Uebesetzungs-Angelegenheiten.
Der junge Mann, der unter die tür des Zimmers trat und sich in diesem einen Augenblick umschaute, ehe er