unter allen Anwesenden sah man nur zwei Gesichter mit trüben Mienen. Das waren Richard und Schwindelmann; Letzterer versicherte fast weinend, man könne es gar nicht glauben, wie ihm jetzt sein Geschäft verleidet werde. "Die Clara fort, die arme Marie nicht mehr da, und jetzt auch noch Mademoiselle Terese, die uns verlässt! Es ist Alles aus," seufzte er, "nichts mehr bei dem Ballet; solche, wie diese drei kommen nicht wieder!" Dabei sprach er die Absicht aus, sich nächstens zur Stelle des Anführers der Statisten zu melden, indem er meinte: "Die wechseln ohnedies jeden Tag und da hängt man doch sein Herz an gar nichts." Was Richard anbelangte, so konnte man ihn eigentlich nicht zu den Hochzeitsgästen rechnen, denn er kam nur auf wenige augenblicke, um der Braut zu gratuliren und sich dann, wohl für immer, von ihr und den andern Freunden zu verabschieden. Er hatte seine Stelle beim Teater aufgegeben und war im Begriff, nach Amerika auszuwandern. "Hier tut sich's nicht mehr," sagte er zu Terese, "und wenn ich das Teater nur von aussen ansehe, so drückt es mir die Brust zusammen und zerbricht mir fast das Herz." Es war mit dem schönen und kräftigen Mann seit jener Zeit eine grosse Veränderung vorgegangen. Seine glänzenden Augen waren eingefallen, seine sonst so blühenden Wangen blass geworden, und er, der sonst so rührig war wie Keiner, konnte nun stundenlang in irgend eine Ecke starren, an seiner Unterlippe nagend. Er drückte der schönen Braut herzlich die Hand, sprach einige Worte mit dem alten Herrn Hammer und winkte alsdann Schwindelmann und Schellinger, die sich für eine kleine halbe Stunde entschuldigten und dann mit ihm fortgingen.
Es war in später Nachmittagsstunde, und die drei schritten neben einander durch die Strassen dahin, Richard aufrecht in der Mitte, zu seiner Rechten Schwindelmann, der besonders wehmütig gestimmt war und von Zeit zu Zeit heftig schluckte, zu seiner Linken der Garderobe-Gehilfe, welcher den Oberkörper vornüber hielt und seiner Gewohnheit gemäss die hände auf dem rücken hatte. Schweigend gingen sie so mit einander fort, durch eine Strasse um die andere, endlich durch das Tor, bis sie einige hundert Schritte vor demselben an ein eisernes Gitter kamen, durch welches man allerlei Kreuze und Steine blinken sah. "Folgt mir nur," sagte Richard mit leiser stimme, "ich weiss schon, wo sie liegt." Damit schritten sie über die Gräber dahin und kamen endlich an einen kleinen Hügel, auf welchem ein einfaches Kreuz stand, über das ein frischer Immergrünkranz hing. Hier blieben alle drei mit gefalteten Händen stehen, der alte Schellinger zog die Augenbrauen in die Höhe und bemühte sich, seine Wehmut zu verbergen, während dem weicheren Schwindelmann die Tränen über die Wangen herabtropften. Der Himmel war den ganzen Tag mit finstern Wolken bedeckt gewesen, die sich jetzt eben am Horizont ein wenig erhoben und der glühenden Abendsonne erlaubten, einen letzten glänzenden blick auf das einsame Grab zu werfen. Dabei erhob sich ein leichter Wind, der Kranz von Immergrün rauschte. – – "Amen!" sprach Richard. Dann bückte er sich nieder, brach ein paar Zweige Immergrün ab und nahm eine Hand voll Erde von dem grab. "Das soll man mir später einmal in das letzte Kopfkissen nähen," sagte er dann.
Schwindelmann wischte sich die Augen, und als sich die drei zum Weggehen anschickten, zeigte er auf ein eingesunkenes Grab, nicht weit von dem anderen und sagte: "Dort liegt die arme Nähterin, wisst ihr, dieselbe, der ihr damals geholfen, ihr Kind wieder zu verschaffen."
"Wo?" fragte der Zimmermann.
"Hier, Richard."
Da war kein Kreuz zu sehen, nur ein kaum bemerklicher Erdhügel ohne Blumen, selbst ohne Gras.
"Wo ist denn das Kind geblieben?" fragte Richard nach einer Pause.
"O es ist gut versorgt worden," entgegnete Schwindelmann. "Herr Artur Erichsen hat sich seiner angenommen und es geht ihm ganz vortrefflich."
Bei diesen Worten zuckte ein gewaltiger Schmerz auf dem gesicht Richards, und er sprach mit dumpfer stimme: "Die Marie hat mir einmal erzählt, dass jene Nähterin ihr gesagt: Wenn du einmal glücklich verheiratet bist und du siehst mein armes Kind an einer Ecke stehen, so schenke ihm ein Almosen. – O Gott! und nun liegen Beide hier!"
Schweigend, wie sie gekommen, schritten die drei wieder nach der Stadt zurück, durch die dunkeln Strassen bis an den Gastof, wo die Hochzeit gehalten wurde. Hier war es glänzend erleuchtet, und lustige Tanzmusik schallte in die Nacht hinaus.
"Ich mag nicht mehr hinauf gehen," meinte Richard; "sagt meinem Vater, dass ich ihn zu Haus erwarte. Euch sehe' ich auch wohl noch. Um elf Uhr fährt der Wagen ab, und bis dahin wird die geschichte oben fertig sein." Er reichte Beiden eine Hand, und schritt alsdann, ohne sich umzusehen, nach haus.
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Die freundlichen Leser einer längeren geschichte wie die vorliegende sind den Teilnehmern an einer Landpartie zu vergleichen. Beim ersten Grauen des Morgens, sobald man die Tore der Stadt hinter sich hat, hier beim Anfang des ersten Kapitels, ist die Schaar der Lustwandelnden dicht geschlossen; wohlgeordnet und emsig geht es fort über Berg und Tal, Sonnenschein oder Regen entgegen, und wie dort