. Ein Erzähler darf aber nicht gegen die Nachsicht seines Publikums sündigen, und es ist seine Schuldigkeit, so bald er glaubt, er habe sein Mögliches getan, eine hübsche gelegenheit zu ergreifen, um sich dem Leser zu empfehlen und sein Buch zu beschliessen. Wir glauben dies in keinem passenderen Zeitpunkt tun zu können, als jetzt und wollen nur mit wenigen Worten hinzufügen, was in der nächsten Zukunft sich mit einigen der Personen zugetragen, die in unserer sehr wahrhaftigen geschichte aufgetreten. Wir können dies um so weniger unterlassen, da hierbei noch ein paar kleine Sklavengeschichten zu Tag kommen, deren Details sich der Leser, wenn er gleiche Verhältnisse bei sich oder Andern sieht, am besten selbst auszumalen im stand sein wird.
gewöhnlich folgt auf eine Verlobung die Hochzeit. So war es auch bei dem Grafen Fohrbach und Artur Erichsen der Fall. Obgleich die Freundschaft dieser Beiden in gleicher Stärke fortdauerte, so hatten sie sich doch in letzter Zeit nicht so häufig gesehen wie früher. Zufällig aber war die Hochzeit beider Paare an demselben Tage, und fast zur gleichen Stunde verliessen sie die Stadt, um eine längere Reise anzutreten. Graf Fohrbach zog gegen Norden, wo seine Familie weitläufige Güter besass, Artur aber nach Italien, nach dem herrlichen land, das er schon lange zu sehen gewünscht. Der Abschied Clara's von ihrem Vater war ziemlich schmerzlich gewesen, denn Herr Staiger meinte, bei seinem Alter könne die Trennung von einem halben Jahre wohl zu einer ewigen werden. Doch bestätigte sich diesmal die Vermutung des alten Herrn nicht, Clara fand ihn vielmehr als sie nach der angegebenen Zeit zurückkehrte, frisch und gesund wieder, obgleich nicht mehr in der Balkengasse, wo sie ihn verlassen. Die Kommerzienrätin hatte nämlich ihren Schützling dem Gemahl dringend empfohlen, und die Folge davon war, dass Herr Staiger auf dem Kassenamt des grossen Bankierhauses angestellt wurde, wo er vermöge seiner Ordnungsliebe und Rechtlichkeit die vortrefflichsten Dienste leistete.
Was man so Brautvisiten nennt, hatten Clara und Artur vor ihrer Abreise nicht gemacht; als sie aber zurückkamen und ihr Haus einrichteten zeigten sie dies i h r e n Freunden und Bekannten, sowie auch auf den Wunsch der Kommerzienrätin denen des Erichsen'schen Hauses pflichtschuldigst an. Wenn sich aber manche stille Familie mit unversorgten Töchtern, die früher den Herrn Artur Erichsen sehr hoch gehalten, sowie manche andere, die voll Neid und Missgunst es der armen Clara nicht verzeihen konnten, dass sie nicht unter dem Schutze irgend einer Rangklasse geboren, von dem jungen Paare zurückzogen, so verursachte ihnen das doch durchaus keinen Kummer. Sie lebten in einem freundlichen und ausgewählten Kreise, und Artur war Philosoph genug, um über schiefe Blicke und vornehm gerümpfte Nasen herzlich zu lachen.
Um noch einen Augenblick beim haus des Kommerzienrats zu verweilen, so kehrte Herr Alfons wenige Tage nach der Verheiratung Arturs von seiner Reise zurück. Doch hatte sich das verhältnis zu seiner Frau gänzlich verwandelt; das Scepter, welches ihm an jenem Tage entfallen, hatte die kluge Frau ergriffen, und vom unumschränkten Herrn, auf dessen Winke und Stirnerunzeln sie sonst ängstlich achtung gegeben, war er zum Sklaven herabgesunken, welcher sich den, obgleich nicht unbilligen Wünschen seiner Frau in aller Demut fügte. Machte er je einmal einen Versuch, seine Ketten zu brechen, so trat die Kommerzienrätin in's Mittel, und wenn sie ihre spitze Nase erhob, ihn mit den grauen Augen scharf anblickte und dazu auf dem Tische zu trommeln begann, so räumte er achselzuckend das Zimmer und begab sich in sein Comptoir, wo ihn dann oftmals der Kommerzienrat zu trösten suchte, indem er sprach: "Glauben Sie mir, es ist weit angenehmer für uns, wenn man die Weiber machen lässt; meine Frau hat mich und die Kinder nun schon an die dreissig Jahre regiert und ich habe mich recht wohl dabei befunden. Uebrigens sind die Metalliques und die Fünfprozentigen gestiegen, was eigentlich doch die Hauptsache ist."
Die Scheidung des Doktor Erichsen von seiner Frau war unerwartet auf ein Hinderniss gestossen. Dieses Hinderniss bestand in der Weigerung der Madame Berta selbst. Wir wissen, dass sie sich zu ihrer Mutter begeben, um sich, wie sie sagte, von ihrem mann nicht länger wie eine Sklavin behandeln lassen zu müssen. Sie hatte sich ihr elterliches Haus und sich selbst noch ganz so wie früher gedacht, fand aber in Beiden gewaltig viel verändert. Sie konnte es nicht vergessen, dass sie ein Hauswesen gehabt und zwei liebe Kinder, und es noch viel weniger ertragen, dass sie, welche bei sich unbedingt die Erste gewesen, nun bei ihrer Frau Mama die Dritte sein sollte. Wir sagen die Dritte, denn Mama, alt und grämlich geworden, hatte sich bei der Verheiratung ihrer Tochter eine Haushälterin zugelegt, ein grosses, sehr dürres Frauenzimmer mit unbeschreiblich scharfer Zunge, welche das Hauswesen und ihre Gebieterin nicht nur beherrschte, sondern sogar tyrannisirte. Madame Berta war noch nicht vier Wochen da, als sie sich schon unsäglich elend fühlte, denn die Launen der Mutter waren unerträglich, und die dürre Haushälterin schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, beständig von den Freuden des Ehestandes zu phantasiren, wobei sie versicherte, eine geschiedene Frau sei ein Unding und man wisse gar nicht, zu welcher Klasse der menschlichen Gesellschaft man sie eigentlich zählen solle. Hierauf fing Madame Berta an, sich ihrem haus wieder zu nähern, indem sie ihre Kinder häufig aber heimlich sah. Das liess der Doktor, der es erfuhr, wohl geschehen; auch