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verliess er die Gesellschaft und fuhr nach haus. Dort hatte er mit seiner Gemahlin eine heftige Scene, bei welcher endlich auch fräulein Auguste, aber sehr niedergeschlagen und mit rotgeweinten Augen erschien. Wer der Gegenstand der Unterhaltung in der Familie war, werden wir dem Leser nicht zu sagen brauchen, dagegen wollen wir nicht verschweigen, dass Seine Excellenz, die Nase mit der Hand festaltend, lange im Salon auf- und abschritt und einer längeren Rede der Präsidentin lauschte, welche eifrig zu ihm sprach. "Und wenn Alles so wäre, wie du mir sagtest," fuhr sie fort, "so können sämmtliche Gerichte des Landes ihn doch nicht wieder lebendig machen und zur Verantwortung ziehen. Welchen Nutzen brächte es dir also, die Sache an die grosse Glocke zu hängen, sie stadt- und landkundig zu machen? – Nutzen, du lieber Gott!" rief sie weinend. "Nur Schande, o welche Schande! Wird nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns deuten? O der Skandal!"

"Und meine Ehre als Chef der Polizei?" sprach stehen bleibend der Präsident, wobei seine losgelassene Nase hoch empor fuhr.

"Und meine Ehre?" sagte Auguste weinend. "Bin ich nicht unglücklich genug durch diese schreckliche geschichte geworden!"

Der Präsident setzte abermals schweigend seinen Spaziergang fort und mit einem tiefen Seufzer blickte er auf die linke, immer noch leere Seite seines Frakkes. "Eine allerhöchste Belohnung," redete er schwermütig, "hätte mir diesmal nicht entgehen können. O ich war so nah daran!" – Damit meinte er den Stern, nach dem er so lange geschmachtet. – "Wer weiss, wenn es wieder einem Hauptverbrecher gefällt, sich von mir einfangen zu lassen!"

In diesem Augenblicke meldete der Bediente einen herrschaftlichen Jäger, welcher Seine Excellenz zu sprechen wünsche. Auf ein Kopfnicken des Letzteren trat Franz ein und übergab einen Brief, indem er sagte: "Von dem Herrn Baron von Brand."

Man kann sich denken, wie der Präsident bei dieser Meldung zurückfuhr und dass er mit zitternden Fingern das Couvert abriss. Auch schien ihn die Einlage desselben nicht zu beruhigen; es war ein einfaches Blatt, auf welchem die Worte standen: "Der Baron von Brand gibt sich die Ehre, Seine Excellenz den Herrn Polizeipräsidenten daran zu erinnern, dass er heute Abend erwartet wird und zwar zu einem Whist à trois mit dem toten Mann." –––––––––––––––––––––––––––

Im haus des Kommerzienrates Erichsen hatte man in diesen Tagen ebenfalls eine Verlobung gefeiert, nicht so geräuschvoll wie bei Seiner Excellenz dem Kriegsminister, aber darum nicht minder herzlich. Zwar sass die Rätin auch bei dieser Veranlassung steif wie immer in ihrer Sophaecke, doch lag über ihren Zügen eine angenehme Weichheit, ihre Augen blickten freundlich und sie wandte den Kopf häufig nach der rechten Seite, wo Herr Staiger sass, an dem die alte Dame ihr besonderes Wohlgefallen zu finden schien. Der Mann hatte so ein gutes warmes Herz und ein ehrliches Gemüt, das sich bei jedem seiner Worte kund gab; dabei konnte er so angenehm erzählen, und bei dem, was er am heutigen Tage vorbrachte, kam es denn heraus, dass seine Eltern mit denen der Kommerzienrätin vor langen Jahren in einem sehr freundschaftlichen verhältnis gestanden, was zu vernehmen der Madame Erichsen nicht gerade unlieb war.

Marianne hatte sich der Verlobten ihres Bruders herzlich und innig angenommen und liebte sie schon nach den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft wie eine Schwester. Ja, sie hatte der Kommerzienrätin erklärt, da sie selbst keine Kinder habe, so wolle sie sich des guten armen Mädchens annehmen und mache sich ein wahres Vergnügen daraus, derselben eine glänzende Aussteuer zu geben.

Der Kommerzienrat hatte sich wie immer Diner und Champagner wohl schmecken lassen und war glückselig, dass die verdriesslichen Geschichten in seinem haus sich wieder anfingen aufzuklären und dass er Hoffnung hatte, nächstens wieder ein stilles und harmloses Leben führen zu können. Wenn auch leider alle Bemühungen gescheitert waren, um seine Schwiegertochter Berta wieder in das Haus ihres Mannes zurück zu bringen, obgleich bis jetzt noch keine Scheidung erfolgt war, so hatte er dagegen einen Brief von seinem Schwiegersohn Herrn Alfons in der tasche, worin sich dieser an seine Frau wandte, sein Unrecht vollkommen einsah und versprach, bei seiner Rückkunfter hatte nämlich zu seiner Zerstreuung eine kleine Reise unternommenso viel in seinen Kräften stände, Alles wieder gut machen zu wollen.

Auch bei diesem Diner fielen Toaste, und als das Dessert aufgesetzt wurde, ergriff sogar die Kommerzienrätin ihr Glas, nachdem sie vorher, diesmal mit beiden Händen, auf den Tisch getrommelt, und brachte die letzten Tropfen ihres Champagnerkelches allen denen zu, welche ihre Nebenmenschen ohne Neid und Missgunst liebten, die statt gehässig die Fehler Anderer aufzudecken, lieber deren gute Seiten hervorheben, die dabei Freunde der Wahrheit und Feinde jeglicher Verleumdung seien.

Ein Trinkspruch, zu welchem aus vollem Herzen Amen zu sagen auch wir uns gedrängt fühlen und mit uns gewiss der grösste teil unserer verehrlichen Leser.

Sechsundachtzigstes Kapitel.

Schluss.

Es ist sehr schwer, von dem Schluss einer geschichte wie die vorliegende zu sprechen. Eine solche geschichte schliesst sich eigentlich nie ab. Die Wenigen ausgenommen, über deren Lebensende berichten zu müssen wir so unglücklich waren, befinden sich alle Uebrigen in Fülle der Gesundheit, und wenn es unsere Zeit und die Geduld des Lesers erlaubten, so könnten wir aus dem ferneren Leben und Treiben der aufgetretenen Personen noch eine Menge der allerschönsten, zur Mitteilung geeigneten Sklavengeschichten auffinden