1854_Hacklnder_152_434.txt

. Der Polizeikommissär hatte versucht, ein Fenster zu öffnen, doch war dasselbe von Innen mit festschliessenden Läden versehen, und ehe er die Riegel derselben losbrachte, deutete ihm schon das Rollen des Wagens an, dass alle seine Bemühungen vergebens seien.

Der Herzog hatte sich in einen Stuhl geworfen, und je grösser augenblicklich die Verwirrung im Zimmer war, desto toller lachte er.

"Wir haben ja einen reitenden Gensdarmen in der Nähe," sprudelte endlich der Präsident, zugleich heftig nach Atem schnappend, hervor. "Lassen wir augenblicklich dem Wagen nachsetzen."

"Der Gensdarme müsste ein vortreffliches Pferd haben," jubelte der Herzog, "wenn er meine Ungarn einholen wollte. – Ah! der Spass wäre für eine Million nicht zu teuer."

Jetzt erst fielen die umherirrenden Blicke des Präsidenten auf Seine Durchlaucht, und seine hände, die sich krampfhaft öffneten und schlossen, schlugen nun heftig zusammen, indem er verzweiflungsvoll ausrief: "Und Sie können über diese entsetzliche geschichte lachen, wiewie – o Gott! nein, wissen denn Euer Durchlaucht auch –"

"O ich weiss Alles," sagte der Herzog, vor lachen fast erstickend.

"Dass der Baronverhaftet werden sollte –"

"Von einer halben Kompagnie Polizeisoldaten, geführt von mehreren Kommissären und befehligt von dem Chef der Polizei in person. Das ist ja gerade der Hauptspass. Nehmen Sie mir nicht übel, Excellenz, das ist eine geschichte für das morgige Frühstück, die nicht zu bezahlen ist."

"Gerechter Gott! bin ich denn ein Narr oder –" hier schien der Präsident sich wegen dieser wichtigen Frage bei seiner Nase Rats erholen zu wollen. Er hielt sie ein paar Sekunden fest, dann aber sagte er mit vor Bewegung zitternder stimme: "Also Euer Durchlaucht wissen Alles?"

"Alles, Excellenz."

"Dass der Baron verhaftet werden sollte?"

"Allesum ein Duell mit dem Herrn von Dankwart zu verhindern."

Bei diesen Worten fuhr der Präsident einen Schritt zurück, um darauf wieder zwei vorwärts zu schnellen, bis dicht vor Seine Durchlaucht, welche ob dieser heftigen Bewegung mit seinem lachen plötzlich inne hielt und erstaunt aufblickte. Dabei hob der Präsident die hände gegen Himmel und schrie: "Nein! nein! nein! O über die Torheit von euch jungen Leuten! – Der BaronGott verdamm' ihn! – O was, Baron! – wegen eines Duells, glauben Sie, hätte ich ihn verhaften wollen? – Wissen Euer Durchlaucht, wem Sie fortgeholfen haben? – dem Chef einer Räuberbande, dem gefährlichsten Menschen im ganzen Königreiche. – O heilige Vorsehung! Ich hatte ihn so gut in meiner Handund jetzt!" – Damit schien ihn alle Kraft verlassen zu haben, er warf noch einen wehmütigen blick auf die linke, leere Seite seines Fracks und knickte darauf zusammen wie ein Taschenmesser. Ja, er wäre unfehlbar auf den Boden niedergesunken, wenn ihn nicht der Kommissär mit starkem arme aufgefangen hätte. An dessen blauem Busener trug nämlich eine Uniform von dieser Farbeerholte er sich langsam wieder, faltete dann trauernd seine hände und wandte seinen Kopf herum, indem er sprach: "Braun, wer uns das vor einer Stunde prophezeit hätte!"

Der Herzog war übrigens bei den Worten, welche ihm die Excellenz vorhin zugerufen, wie ein Bild der höchsten Ueberraschung dagesessen. Jedes Lächeln war von seinem gesicht verschwunden, und da er an dem Jammer, in dem sich der Präsident befand, wohl sah, dass sich dieser würdige Staatsbeamte keinen Scherz mit ihm erlaubte, so biss er sich heftig auf die Lippen und sagte, indem er die Augenbrauen finster zusammenzog: "Alle Teufel! Herr Präsident, das hätten Sie mir auch schon vorhin sagen können!"

"Liessen Sie mich denn zu Worte kommen?" jammerte der Andere. "Zuerst musste ich die fabelhafte geschichte von dem Diner hören, an derich bitte um Verzeihunggewiss kein wahres Wort ist; und dann lachten Sie wiewie ich in meinem Leben nichts Aehnliches gehört. Euer Durchlaucht," fuhr er sich ermannend fort, "das ist ein schlimmer Handel. Ich hätte natürlicherweise keine Rücksichten sollen gelten lassen. Aber wie mir Euer Durchlaucht mitgespielt, das kann ich unmöglich Seiner Majestät verschweigen."

Der Herzog zuckte die Achseln, als wolle er sagen: daran ist nichts zu ändern. Dann aber rief er auf einmal: "Warten Euer Excellenz einen Augenblick. Da habe ich ein Schreiben des baron an Sie. Alle Wetter! das hätte ich beinahe vergessen. Lesen wir, lesen wir, und dann wollen wir Kriegsrat halten."

Begierig nahm der Präsident das Billet aus den Händen des Herzogs und entfaltete es. Der Polizeikommissär hielt das Licht und der Herzog schaute dem Präsidenten über die Schulter, während er las:

"Euer Excellenz

werden es einem alten und genauen Bekannten nicht zu ungnädig nehmen, dass er sich heute Abend der Ehre Ihrer Gesellschaft entzieht. – Sehr dringende Geschäfte veranlassen mich, heute Nacht und morgen von haus abwesend zu sein.

Da ich aber zu gleicher Zeit überzeugt bin, dass Euer Excellenz nicht ohne die triftigsten Gründe mit so grossem Gefolge in meiner wohnung erschienen sind, so werde ich nicht ermangeln, mich m o r g e n um diese Stunde hier einzufinden.

Indem ich mir erlaube, den Scherz Seiner Durchlaucht des Herrn Herzogs mir zu eigen zu machen, bin ich so frei,