1854_Hacklnder_152_433.txt

Freiheit nehmen wollen. " Der Präsident machte eine tiefe Verbeugung, und als der Baron dies ebenfalls tat, ohne von der Stelle zu gehen, sagte der Herzog: "Ich hoffe, Sie werden mich doch bis an die Grenzen Ihres Reichs begleiten, wenigstens bis zur Treppe. Ich habe das anzusprechen."

Herr von Brand warf achselzuckend und lächelnd einen blick auf den Präsidenten, der selbst im Zweifel zu sein schien, was er tun solle. Doch fasste er sich schnell und bemerkte mit einem freundlichen Grinsen: "Euer Durchlaucht haben die Gnade, uns an unsere Schuldigkeit zu erinnern. Auch ich werde die Ehre haben, Sie bis an die Treppe zu begleiten; muss ich doch auch den Befehl geben, dass man Sie passiren lässt," setzte er lächelnd hinzu. Damit fasste er triumphirend seine Nase und ging hinter dem Herzog und vor dem Baron in das Vorzimmer, nicht aber ohne einen blick hinter sich zu werfen, ob ihm dieser auch folge.

"Dabei bitte ich aber," sprach lustig der Herzog, "dass Sie meinen Namen nicht hinab rufen. Der Teufel auch, die Leute draussen, die Ihre Polizei sehen, könnten ja glauben, der Baron und ich seien in Ausübung Gott weiss welchen Verbrechens hier abgefasst worden!"

In dem Vorzimmer angekommen, blieb seine Durchlaucht stehen, hustete einigermassen verlegen, denn ihm fehlte alle Instruktion zur weiteren Hilfe. Doch fasste er plötzlich einen sehr glücklichen Gedanken, und als der Präsident, der zur Treppe gegangen war und hinabgerufen hatte: "Man lässt den Herrn, der jetzt kommt, passiren!" reichte er dem Baron zum Abschied die Hand und dann traten alle drei auf den Vorplatz auf die Treppe. In diesem Augenblick hatte auch der Kommissär seinen Platz am Fenster verlassen und sich der tür genähert, welche sich nur einen Schritt von dieser Treppe befand; der Baron dagegen hatte im Herausgehen einen bedeutungsvollen blick mit seinem Kammerdiener gewechselt, der auch vollkommen zu verstehen schien, um was es sich hier handle und, anscheinend ganz absichtslos, die offenstehende Tür des Vorzimmers gegen die Treppe hin mit der Hand fasste.

Der Herzog, der seine Rechte auf das Treppengeländer legte, hob seinen Fuss, um hinuntersteigend auf die erste Stufe zu treten. Doch zog er ihn wieder zurück, schlug sich an die Stirn und sagte: "Wie kann man auch so vergesslich sein? Habe ich doch für Euer Excellenz eine Nachricht von ziemlicher Wichtigkeit!" Damit fasste er den Rockknopf des alten Herrn und machte einen Schritt gegen das Vorzimmer zurück. "Heute Abend," bemerkte er hierauf, indem er jedes Wort sehr langsam aussprach, "war Familiendiner, – Familiendiner, acht Couverts." Der Herzog liess den Rockknopf nicht los und stand jetzt wieder auf der Schwelle des Vorzimmers. Der Präsident, der diese wichtige Nachricht nicht verlieren mochte, folgte ihm, liess aber zu gleicher Zeit den Baron nicht aus dem Auge, der ganz ruhig an dem Treppengeländer lehnte und, wie aus Diskretion, zurückblieb. – "Acht Couverts," fuhr der Herzog fort, "und Seine Majestät waren äusserst gnädig. – Bei dem Dessert sprachen Allerhöchstdieselben von dem bewussten VorfalleSie erinnern sich doch des Vorfalls, Herr Präsident?" –

"Ich weiss in der Tat nicht, was Euer Durchlaucht meinen," versetzte Jener unaufmerksam, indem er dem Polizeikommissär einen Wink gab und mit den Augen auf die Treppe deutete.

"Wie Sie vergesslich sind, bester Präsident!" sagte der Herzog, der nur einen Schritt von der tür entfernt stand. "Nun, ich meine den Vorfall mit der Baronin von W." Bei diesen Worten hatte er so vortrefflich manövrirt, dass der Polizeikommissär, der sich unverholen näherte, die tür nicht erreichen konnte, er hätte denn den Herzog auf die Seite drücken müssen.

Der Baron lehnte noch immer ruhig an dem Treppengeländer, und diese Unbeweglichkeit war wohl schuld daran, dass der Polizeikommissär keinen gewaltsamen Versuch machte, auf den Vorplatz zu gelangen.

Der Kammerdiener hielt mit zitternder Hand die tür, und seine Blicke bohrten sich in die Augen des Herzogs. Er fühlte es, dass er in diesem wichtigen Momente von demselben einen Wink erwarten musste.

"Man ist mit Ihrem Benehmen sehr zufrieden," flüsterte der Herzog, "sehr zufrieden." Damit erhob er seine Augen, mass den Raum zwischen sich und der tür, blickte den Kammerdiener eine Sekunde fest an, und dessen Absicht durchschauend, nickte er leicht mit dem kopf.

Die tür flog zu, der Präsident schrie laut auf, der Polizeikommissär rannte an das Fenster, und während der Herzog, wie ein Besessener lachte und jubilirte, hörte man drunten vor dem haus das Rollen eines Wagens und den scharfen Trab zweier ungeduldigen Pferde, die des langen Wartens müde, nun mit voller Kraft über das Pflaster dahingingen. Man konnte nicht drei Sekunden zählen, so wurde das Rollen schwächer und verlor sich in der Ferne. In diesen drei Sekunden aber war die Beschäftigung der Anwesenden im Vorzimmer des baron sehr bemerkenswert und bezeichnend.

Kaum hatte der Kammerdiener die tür zugeschlagen, so warf er sich mit seinem Körper gegen dieselbe und mit einem Blicke, als wollte er sagen: nur über meine Leiche geht der Weg über diese Schwelle, einem Blicke, vor dem der Präsident, der hinaus wollte, zurückschrak und darauf in seiner Gemütsbewegung mit beiden Händen an seiner Nase riss, wie es andere Menschen wohl mit ihren Haaren zu machen pflegen