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den Bruder jenes Mädchens bestimmt. Als er sich aber nach jenem Vorfalle so gänzlich hilflos fand, sah er sich gezwungen, sie selber anzunehmen, und Johann Christian Blaffer ist nun jüngster Kommis der Handlung von Johann Christian Blaffer und Compagnie."

"Ah!" machte der Baron erstaunt. "Da wäre ihm vielleicht doch besser gewesen, wenn ihm jenes Gespenst, aber nicht abratend, erschienen wäre. So sein Leben zu beschliessen, ist schrecklich."

"Ja, das ist schrecklich," sagte auch Herr Beil, indem er seinen Kopf tiefer auf die Brust sinken liess. "Für meinen ehemaligen Kollegen, den Lehrling des Hauses, ihren Bruder, habe ich nach meinen geringen Kräften gesorgt, aber weiter zu tun war mir unmöglich."

Der Andere schaute einen Augenblick stumm vor sich nieder, es schienen ihn ernste, finstere Gedanken zu bewegen, er presste die Lippen auf einander, dann seufzte er und zuckte mit den Achseln. "Wer weiss," murmelte er darauf nach einer Pause vor sich hin, "ob es am Ende nicht doch noch besser wäre, Johann Christian Blaffer zu sein! – Aber über diesen Phantasieen vergesse ich unsere Geschäfte. Noch Eins: Sie werden bei meinen Papieren finden, dass ich eine kleine Summe zur Unterstützung anwies, zur Unterstützung für arme, zweideutige Gesellen wird sie die redliche Welt nennen, die sich vielleicht nach längerer oder kürzerer Zeit bei Ihnen melden werden. Verstehen Sie mich?"

Herr Beil nickte mit dem kopf.

"Es ist für den Fall, dass ich länger abwesend sein sollte."

In diesem Augenblicke öffnete der Kammerdiener leise die tür, der Baron wandte den Kopf nach ihm um und bemerkte wohl, dass der alte Mann was Ausserordentliches zu melden habe, denn sein sonst so ruhiges Gesicht trug den Ausdruck grosser Bestürzung, auch hatte er die tür ganz gegen seine Gewohnheit ziemlich hastig aufgerissen. "Gnädigster Herr!" stotterte er, "ich weiss nicht, was das bedeuten soll; als ich eben zufällig zum Fenster hinausblickte, bemerkte ich zwei Männer vor der Haustüre, welche dieselbe angelegentlich zu betrachten schienen. Beim Schein der Gaslaternen sah ich auch ein verdächtiges Funkeln an ihrer Kleidung, entweder Waffen oder messigne Knöpfe, welche ja nur das Militär zu tragen pflegt oder Polizeibeamte. Um mich zu überzeugen, ob ich recht gesehen, ging ich die Treppen hinab und trat an die Haustüre. Ja, gnädiger Herr, ich hatte mich nicht geirrt, es sind wirklich Polizeibeamte, welche mir, Ihrem Kammerdiener, den Austritt aus Ihrem eigenen haus verwehren wollten."

"Schon jetzt?" sagte ruhig Herr von Brand, indem er einen blick auf die Uhr warf. "Doch ja, es ist drei Viertel auf Neun. Teufel auch, lieber Beil," wandte er sich hastig an diesen, "wir haben zu lange geplaudert. Sehen Sie, wie es einem gehen kann; ich hatte mir vorgenommen, einen recht schnellen Abschied von Ihnen zu nehmen, und nun hielt ich Sie hin, weil ich Sie lieb habe, weil es mir am heutigen Abend schwer fiel, Sie, einen meiner besten Freunde, mit einem flüchtigen Händedruck zu verabschieden."

"Und warum umstellt man das Haus?" fragte Herr Beil auf's Höchste überrascht. "Wussten Sie darum, gnädiger Herr?"

"So genau," entgegnete lächelnd Herr von Brand, "und so mit allen Nebenumständen, dass ich Ihnen voraussagen kann: punkt neun Uhr wird Seine Excellenz der Polizeidirektor in höchsteigener person erscheinen, um mich zu verhaften."

"Herr Gott im Himmel! Und das sagen Sie so ruhig?" rief erschreckt Herr Beil aus, während der Kammerdiener stumm die hände rang.

"Allerdings sage ich Ihnen das sehr ruhig," entgegnete der Baron. "Wissen Sie, zwischen Verhaftenwollen und wirklich Verhaften ist immer noch ein kleiner Unterschied. Und dann bedenken Sie mein gutes Gewissen!" Mit diesen Worten öffnete der Baron ein kleines Kästchen auf dem Tische, nahm sich eine Cigarre heraus und bot auch dem Herrn Beil eine an, welcher sie aber kopfschüttelnd und erstaunt einen Schritt zurückweichend ablehnte. Nachdem sich der Baron die seinige angezündet, gab er seinem Kammerdiener einen Wink, worauf sich dieser anschickte, das Zimmer zu verlassen. Ehe derselbe aber zur tür hinaus ging, rief er ihm noch nach: "Melde mir jeden Besuch recht frühzeitig." Darauf machte er ein paar Gänge durch's Zimmer und stellte sich alsdann vor Herrn Beil hin, indem er ihm sagte: "Obgleich ich alles das kommen sah, obgleich ich wohl wusste, dass mein Wagen stark den Abhang hinabrollt, so gestehe ich Ihnen offenherzig, dass mir allerdings jener Umstand unerwartet kam, der mir, um das eben angedeutete Bild fortzusetzen, die Zügel aus der Hand schnellte und die Pferde durchgehen machte. Doch glauben Sie mir, ich habe sie jetzt wieder in meiner Hand, bin aber nicht mehr im stand, ihren rasenden Lauf dem Abgrunde zu aufzuhalten; nur liegt es noch in meiner Macht, mir die Stelle auszusuchen, wo mein Fahrzeug zerschellen soll und ich untergehen. Und das habe ich bereits getanich sehe sie vor mir. – Um weniger in Bildern zu reden," fuhr er nach einer Pause lächelnd fort, "so war es vielleicht noch gestern möglich, der mir drohenden Verhaftung zu entgehen; aber einmal das Feld heimlich verlassen, gebe ich allen Verleumdungen, allen Gerüchten