Dann zogen die Pferde an und der Wagen rollte davon. – "O haltet! haltet!" sagte er droben, der einsam zurückgeblieben. "Ich Tor, sie nicht noch eine halbe Stunde länger gehalten zu haben! – – Und doch, es ist besser so. lebe wohl – lebe wohl auf ewig!" – – –
"Der Augenblick hätte mir eigentlich erspart werden können," sprach er nach einer Pause halblaut zu sich selber, "wie noch mancher andere, der auch nicht angenehm sein wird, durch eine sicher treffende, mitleidige Kugel, deren so viele an meinem Kopf vorübersausten. Aber wer kann seiner Bestimmung entgehen? Nun, das Schwerste wäre überstanden; was jetzt noch kommt, ist Kinderspiel und nicht der Rede wert." Er machte einen raschen gang durch das Zimmer und als er sich nach einigen Sekunden im Spiegel beschaute, schien er mit seinem Aussehen zufrieden zu sein. Seine Züge waren wieder gänzlich beruhigt und nachdem er den Bart etwas emporgekräuselt, bemerkte man nichts mehr von dem Sturme, der wenige Minuten vorher noch sein Herz erschüttert.
"Herr von Steinfeld!" sagte der Kammerdiener, der geräuschlos in das Zimmer getreten war. Worauf der Angemeldete eintrat und von dem Baron freundlichst empfangen wurde.
"Sie kommen absichtlich ein paar Minuten zu spät," sagte er, "ich verstehe Sie vollkommen. Aber Sie sahen sie doch noch?"
"O gewiss," erwiderte der Andere; "sie reichte mir die Hand zum Schlage heraus."
"Es ist ein gutes Weib," meinte träumerisch der Baron, "und ich hoffe, sie wird glücklich sein."
"Glücklich sein und glücklich machen," entgegnete Herr von Steinfeld. "O, ich versichere Sie, es ist gut, dass Alles so kommen musste, das wird das Glück meines Lebens begründen. – Aber Sie, Henry, wie ist's mit Ihnen? Wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht im stand bin, weder an Lucie noch an das Kind zu denken, dass ich mich nur immer mit Ihrem Schicksal beschäftige, so rede ich die Wahrheit. Seien Sie nicht so verschlossen gegen mich, gewähren Sie mir nur den geringsten Lichtschein in dieser Finsterniss!"
"Das ist nicht gut möglich," antwortete lächelnd der Baron. "Sie wissen, dass mir das Dunkel zuweilen behagt. Verlangen Sie für den Augenblick nichts Anderes; ich besorge in demselben meine kleinen Geschäfte, und glauben Sie mir, die Zeit liegt nicht fern, wo Ihnen Alles, Alles klar werden wird."
Der Andere wandte unmutig den Kopf.
"Haben Sie Vertrauen zu mir," fuhr der Baron fort, "ich kann Ihnen jetzt kein Licht geben, es würde ihre Blicke nur verwirren und mich hindern; ich kann Sie nicht in die Karten meines Spiels sehen lassen. Glauben Sie mir aber, ich überschaue es, und wenn ich auch den letzten Stich verliere, so gewinne ich doch die Partie."
"Ihre Zuversicht und Heiterkeit könnten mich beruhigen, wenn nicht –"
"Lassen Sie mir die Wenn's," sagte lachend der Baron; "ich habe für jedes derselben mein Aber. Beantworten Sie mir lieber eine Frage, die mir wichtig ist! Spricht man in der Stadt von einem Duell, das nächstens zwischen Herrn von Dankwart und mir stattfinden soll?"
"Im Gegenteil," erwiderte erstaunt der Andere, "Herr von Dankwart selbst widerspricht diesem Gerücht auf's Eifrigste."
"Ah!" machte der Baron und zog eine verdriessliche Miene, worauf er aber wieder heiter lächelnd sagte: "natürlich, er will die Sache verheimlichen. Unter uns gesagt, er hat mich fordern lassen."
"Durch wen?"
"Das ist mein geheimnis."
"Und mir unbegreiflich," erwiderte Herr von Steinfeld kopfschüttelnd. "Herr von Dankwart hat öffentlich erklärt, Sie, Baron, seien ein guter Kerl und hätten niemals die Absicht gehabt, ihn zu beleidigen. Die Aeusserungen auf dem Hofballe lasse er der Maskenfreiheit gelten, und was die bewussten Zeichnungen anbelange, so werde er sich desshalb an den Maler halten, dem dafür auch höheren Orts ein sehr ehrenvoller Auftrag, der ihm bereits erteilt gewesen, wieder entzogen worden."
"Und das glauben Sie?" sagte der Baron mit sehr ernstem blick.
"Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren."
"Das ist sehr ehrenhaft von Herrn von Dankwart; er will von dem vorhabenden Duell kein Gerede machen. – Auch," fuhr er nach einigem Nachsinnen fort, "hat sich seit heute Morgen der Stand der Angelegenheiten verändert; es wurde mir eine Aeusserung des Herrn von Dankwart hinterbracht, die er vielleicht nicht getan, genug, ich sah mich darauf veranlasst, ihm einen etwas heftigen Brief zu schreiben. Ich war aufgeregt, missstimmt, enfin! man ist nicht immer Herr seiner selbst."
Herr von Steinfeld hatte ruhig zugehört, dann warf er auf den Baron, der sich damit beschäftigte, die Nadel seines Halstuches fester zu stecken, einen vielsagenden blick und bemerkte darauf mit entschiedenem Tone: "Baron, Sie suchen ein Duell."
"Ich vermeide wenigstens keins," erwiderte dieser achselzuckend. "Und wenn Sie mir einen Dienst erzeigen wollen, Hugo, einen wahren Freundschaftsdienst," sprach er mit Wärme, "so verbreiten Sie in der Stadt, natürlicherweise unter der Hand, indem Sie hie und da