Der Baron nickte mit dem kopf, doch antwortete er erst nach einem kleinen Stillschweigen, wobei er gedankenvoll vor sich hinblickte: "O ja, ich war zuweilen recht klug, aber dafür auch wieder so unklug, dass oft eine Stunde zerstörte, was ich in langen Tagen vorher mühsam aufgebaut. – Doch da führen wir ein Gespräch, welches meine Behauptung rechtfertigt; so etwas ist unklug für eine Abschiedsstunde."
"Ja, für eine Abschiedsstunde," sagte Frau von W. mit leisem Ton. Dann hob sie plötzlich den Kopf in die Höhe, fasste mit ihren beiden Händen die Rechte des baron und sprach mit einer stimme, welche das tiefe Weh ihres Herzens verriet: "Aber ich sehe dich bald wieder, Henry, nicht? – in den nächsten Tagen, das versprichst du mir?"
"Ich glaube, dass ich dir das versprechen kann," erwiderte ruhig der Baron, "wenn mich nämlich alle meine Entwürfe und Pläne nicht im Stiche lassen und meine Voraussetzungen nicht trügen."
"Aber bald, Henry."
"Ich denke wohl, meine gute, gute Lucie. Doch es ist acht Uhr," sagte er beinahe unruhig. "Wenn du noch länger zögerst, wirst du sehr spät ankommen."
"Warum treibst du mich so von dir?" fragte sie mit weicher stimme. "O, ich hätte dir noch so viel zu sagen, was mir im Augenblicke gar nicht in den Kopf kommen will; aber wenn du mir bis morgen Zeit lässt, so wird mir Alles wieder einfallen."
"Zeit bis Morgen!" versetzte er lächelnd. "Ich kenne das, nein Lucie, für heute muss es geschieden sein. – Für heute, und für morgen," setzte er mit plötzlich veränderter stimme hinzu. "O mein Gott!" Bei diesen Worten beugte er seinen Kopf tief herab und drückte seine Lippen fest und innig auf die weisse Stirne seiner Schwester. – "Ja, meine geliebte Lucie," sagte er nach einer längeren Pause, "gehe jetzt, denn sonst ist des Abschiednehmens kein Ende. Und doch, da du gehst, ist es mir, als sänke meine Lebenssonne unter und liesse mich in schwarzer Nacht allein."
Frau von W. war rasch aus dem Fauteuil aufgestanden und hatte beide arme um den Hals ihres Bruders geschlungen. "Henry!" flehte sie, "lass mich nicht abreisen, lass mich bei dir bleiben! Warum willst du nicht vor der Welt erklären, dass du mein Bruder bist? O lass uns zusammen ein friedlich stilles Leben führen!"
"Das ist zu spät!" entgegnete er nach einer Pause. Doch war der Ton, mit dem er das sagte, so eisig kalt, so schrecklich, und dabei der blick seiner Augen so wild und starr, dass die arme Frau ihn erschreckt betrachtete.
"Nicht dieses Wort, Henry," bat sie, "nicht diesen blick! Du versinkst wieder in deine seltsamen Träumereien. Starre nicht so vor dich hin. Es ist ja Niemand da, der dich und mich bedroht."
"Sagt' ich nicht, es sei zu spät?" fuhr er nach einem längeren Stillschweigen empor, und setzte darauf in leichterem Tone hinzu, als er in die bleichen, schrekkensvollen Züge seiner Schwester blickte: "Zu spät, sagt' ich? Ich wollte sagen: spät genug. Und das ist es auch, meine gute Lucie. – Der Zeiger der Uhr steht auf Acht; so lebe denn wohl, mein Kind, so lebe wohl, meine Schwester, so lebe wohl, mein Alles, was ich auf dieser Welt habe!"
Nach diesen Worten, die er leidenschaftlich herausgestossen, machte er sanft ihre hände von seinem Nacken los, drückte dieselben schweigend an seine Lippen, schaute einen Augenblick mit zusammengebissenen Lippen in die Höhe, und dann beugte er sich schnell zu dem Knaben herab, den er in seine arme nahm und unzählige Mal auf die frischen Lippen und die leuchtenden Augen küsste.
"Adieu, Lucie! adieu, ihr Lieben!" – Und als traue er seiner eigenen Stärke nicht, klingelte er heftig mit einer Glocke, die auf einem der Tische stand, und als der Kammerdiener erschien, sagte er: "Den Mantel für die Frau Baronin." – Der alte Diener verbeugte sich, ging hinaus und liess die tür offen, unter welcher nun der Bediente erschien, den wir vorhin unten am Wagen gesehen.
Noch einmal wandte sich die Baronin ihrem Bruder zu und reichte ihm beide hände, die er an seine Lippen drückte. Noch einmal küsste er den Knaben innig auf die Stirn, dann schritt er der tür zu, begleitete die Baronin an die Treppe und kehrte in sein Zimmer zurück. – Da aber wurde sein Schritt so wankend, dass er sich mit der einen Hand fest am Tische halten musste, während er sich mit der andern über die Augen fuhr. Es überfiel ihn ein Schwindel, doch dauerte er nur ein paar Sekunden, worauf es dem Baron möglich war, an das Fenster zu treten. Er drückte seine brennende Stirn an die kalten Scheiben und blickte auf den Wagen nieder, der soeben von dem Bedienten geschlossen wurde. Die Postillone schwangen sich in die Sättel – er sah noch einmal das Gesicht der Schwester, die aufwärts schaute, ihn suchte, fand und darauf auch das Kind an das Fenster des Wagens hob.