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"Das ist meine Clara!" rief er jubilirend, "nicht wahr, eine liebe und schöne Clara, und nicht wahr, Mama, Sie haben nichts mehr gegen uns Beide?"

Hierauf hustete die Kommerzienrätin laut und geräuschvoll, aber sie tat es in diesem Augenblicke nur, um ihre heftige und unschickliche Rührung zu verbergen. Herr Staiger genirte sich weniger, denn obgleich sein Mund lächelte, flossen ihm doch die Tränen über die Wangen herab, so dass die kleine Marie ganz bestürzt darüber war und alle Anwesenden der Reihe nach erstaunt ansah. Das Bübchen allein schien von der Wiederkunft Arturs nur die praktische Seite zu bedenken; es schaute äusserst vergnügt auf seinen Freund und sah im geist eine Menge ungeheurer Bilderbücher, sowie Drachen mit den allerlängsten Schwänzen.

Wir, die wir dies niederschreiben, und der geneigte Leser, der es liest, befinden uns in dem Falle, als ständen wir gerade vor der geöffneten tür der Staiger'schen wohnung und als sähen wir, selbst unbemerkt, all' diese Glückseligkeit, all' diese leuchtenden Augen, all' diese Tränen der Freude. Wenn uns auch Niemand übel nehmen wird, dass wir mitfühlend einen Augenblick stehen blieben, die schöne Gruppe betrachtend, Mancher hoffend auf ein ähnliches Glück, so halten wir es doch für passend, gleich darauf still vorüberzugehen, nachdem wir leise die tür vor jedem ferneren neugierigen Blicke verschlossen, und somit auch dieses Kapitel beendigt haben.

Vierundachtzigstes Kapitel.

Whist mit dem toten Mann.

Vor dem haus, welches der Baron Brand in dieser Eigenschaft bewohnte, hielt ein schwerer Reisewagen vollständig bepackt und bespannt; die Laternen waren angezündet, die beiden Postillone standen neben ihren Pferden, und ein Diener in einfacher Reiselivrée hatte den Schlag geöffnet und irgend etwas herausgenommen, welches er einer Kammerfrau einhändigte, die auf dem hohen Hintersitze des Wagens dicht in einen Mantel mit Kaputze eingewickelt sass. Darauf schloss der Bediente den Schlag, zog die Ledermütze in's Gesicht und sagte zu dem einen Postillon: "Jetzt wird's bald losgehen, es kann keine Viertelstunde mehr dauern." Nach diesen Worten nahm er zwei Mäntel, die er über den Schlag gelegt hatte, einen grossen und einen kleinen, auf den Arm, und stieg die Treppen hinauf.

Der Baron befand sich in seinem kleinen Salon, er stand hier neben einem hohen Fauteuil, in welchem die Baronin von W. sass. Obgleich es in dem Zimmer sehr warm war, so sass diese doch zusammengekauert da, als friere sie, und dabei hielt sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt. Neben ihr stand ein uns wohlbekannter kleiner Knabe, der seine hände um einen ihrer arme geschlungen hatte, den Kopf fest an ihre Schulter drückte und zugleich aufwärts schaute in das Gesicht des Herrn von Brand, der zuweilen mit den Fingern durch das dichte, krause Haar des Kindes fuhr, wobei sich ein trauriges Lächeln auf seinen Zügen bemerklich machte.

"So wären wir also fertig," sagte der Baron nach einer Pause. "Du gehst nach Dornhofen, dessen Kauf ich gestern in Richtigkeit brachte. Beil wird mit den notwendigen Papieren und allem Uebrigen wahrscheinlich schon morgen folgen. Wie ich heute vom Grafen Fohrbach vernahm, von dem Kriegsminister nämlich, ist deine Scheidung von dem General schon so gut wie ausgesprochen; in ein paar Wochen, meine liebe Schwester, bist du frei."

Bei diesen Worten fasste die schöne Frau nach ihrem kind, drückte ihre Lippen auf seine Stirn, dann sprach sie mit leiser stimme: "Aber, Henry, du bist mir immer noch eine Antwort schuldig. Warum schickst du mich von hier fort? Oder, wenn du es für besser hältst, dass ich jetzt nicht in der Residenz bleibe, warum gehst du selbst nicht mit? Steinfeld weiss ja um die traurige geschichte unseres Hauses, und dass du mein Bruder bist. Ich weiss nicht, Henry, wie mir ist, aber ich meine, ich sollte dich nicht aus den Augen lassen, ja ich spreche es aus, da ich überzeugt bin, dass du nicht abergläubisch bistes ist mir immer, als drohe dir ein Unglück. Du hast Feinde."

"Aber er hat auch Waffen," sagte der Knabe, der seinen Kopf aus den Händen der Mutter losgemacht hatte und mutig in die Höhe schaute. "Du hast recht scharfe Waffen, nicht wahr? Und wenn man die hat, braucht man sich vor keinen Feinden zu fürchten."

"Waffen habe ich allerdings," erwiderte der Baron dem kind, da er es vermeiden zu wollen schien, die fragen seiner Schwester direkt zu beantworten. "Doch gibt es Feinde," setzte er hinzu, indem er den Kopf mit einem trüben Lächeln schüttelte, "gegen die man keine Waffen gebrauchen kann."

"Warum nicht?" fragte der Knabe. Und die Baronin seufzte tief.

"Man ist desshalb doch nicht wehrlos," fuhr der Baron fort, während er sich hoch aufrichtete. "Weisst du, mein Sohn, wenn die Feinde mit den Waffen in der Hand kommen, so geht man ihnen gerade so entgegen; fassen sie uns aber mit List, Falschheit und Heuchelei, so stellen wir ihnen das Gleiche entgegen; und da fragt es sich dann immer noch, wer der Klügste ist?"

"O, du bist der Klügste," sprach entschieden das Kind und öffnete seine grossen Augen weit. "Herr Beil hat es immer gesagt."