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waren ebenfalls für sie keine Rätsel mehr. Hatte doch das Bübchen gesagt, Herr Artur sei in der letzten Zeit gar nicht mehr gekommen.

Es war das ein eigentümlicher Moment, und wir nehmen an, dass die Rätin, ihrer Gewohnheit gemäss, gern auf den Tisch getrommelt hätte, doch sass sie etwas zu weit von demselben entfernt. Herr Staiger räusperte sich gelinde, und Marie, sowie das Bübchen, zogen sich scheu zurück und blickten mit Furcht und Grauen in das strenge Gesicht der Dame. Doch wurden diese Züge auch allmählich weicher und weicher, und wir glauben annehmen zu dürfen, dass Clara die Gunst der Rätin gewonnen. War dieselbe doch mit der Absicht hieher gekommen, versöhnend aufzutreten, hatte sie ihrem Sohne doch schon die leidenschaft für die Tänzerin verziehen, wegen seines Gehorsams, seiner kindlichen Liebe zu ihr, wie sie meinte, der er seine Liebe geopfert! Sie hatte wohl bemerkt, wie schmerzlich es seinem Herzen gewesen, dem Mädchen zu entsagen, und sie hatte das nicht recht begreifen wollen. Jetzt aber, wo sie Clara vor sich sah, wo deren gewinnendes Aeussere seinen Zauber auch auf ihr Herz ausgeübt, verstand sie es vollkommen, wie Artur schmerzlich gekämpft, welches Opfer er ihr gebracht. Dass auch noch andere Schatten zwischen diese beiden reinen Seelen getreten waren, wusste sie freilich nicht; sie schrieb Alles Arturs kindlicher Liebe für sie zu, und da es ihrem Stolze schmeichelte, dass der Sohn ihr dieses grosse Opfer gebracht, so hatte sie beschlossen, eben diesen Stolz aus ihrem Herzen zu verbannen und Artur glücklich zu machen. Auch wollen wir nicht verschweigen, dass zugleich mit diesen edlen Gefühlen auch die Bitterkeit gegen die Kreise, in denen sie sich bisher bewegt, mitgeholfen hatte, den Entschluss zu fassen. Daneben hatte auch Eduard und Marianne, ja selbst der Kommerzienrat mitgewirkt, nicht zu übersehen der Kommerzienrätin vertrauteste Freundin, die Tutelarrätin wasser, welche in allen ihren Kreisen verbreitet hatte, mit dem haus Erichsen gehe es stark abwärts, denn sie wisse aus bester Quelle, Artur werde eine Tänzerin heiraten, – Artur, auf den sich so manche Tochter der verschiedenen Rangklassen Hoffnung gemacht, Artur, für den die Tutelarrätin selbst eines ihrer Wässerchen bestimmt!

Die Pause, die wir hier in unserer Erzählung gemacht, fand auch in Wirklichkeit in der, obgleich ohnedies vorher schon spärlichen Unterhaltung der Anwesenden in der Staiger'schen wohnung statt. Dass ein Augenblick der Erklärung heranrücke, fühlten Vater und Tochter wohl. Es war eine Pause der peinlichsten Ungewissheit, es sollte jetzt ein Moment kommen, entscheidend für das Glück oder Unglück zweier Leben.

Die Kommerzienrätin hatte die Stickerei wieder zusammengerollt, und selbst die Nadeln wieder sorgsam eingesteckt, dann sagte sie mit ruhiger stimme: "Beendigen Sie Ihre Arbeit so bald als möglichClara," – bei diesem Worte blickte sie in die Höhe – "und wenn Sie dieselbe beendigt haben, so bringen Sie sie mir."

Das waren an sich unbedeutende Worte, welche die Dame gesprochen, doch war es Clara gerade, als habe sich der Himmel geöffnet und als habe ein Engel ihr tausend Worte des Trostes und der Hoffnung zugerufen. Sie presste ihre hände auf das wildschlagende Herz, sie blickte innig und dankend in die Höhe, als wolle sie dort etwas Sichtbares erspähen, die mächtige Hand, welche Segen auf sie herabgestreut. – Ach! und doch waren diese Worte nur ein vorübergehender Sonnenblick, und gleich darauf verhüllten wieder schwarze, drohende Wolken ihren schönen heiteren Himmel. Sie gedachte jener Stunde am Sarge der unglücklichen Marie, sie hörte seine vernichtenden Wortees war ja Alles für sie verloren! Und im Uebermass des tiefen Schmerzes drückte sie ihre hände vor die Augen und weinte laut hinaus. Freude und Schmerz hatten gleich heftig ihre Seele erfasst, und da nun der Letztere die Oberhand behielt, so fühlte sie sich um so tiefer von der Höhe herabgestürzt, auf welche sie die tröstlichen Worte der Mutter Arturs erhoben.

Da fühlte sie mit einem Male, dass zwei hände die ihrigen erfassten und sanft von ihrem gesicht wegzuziehen versuchten, und als sie das fühlte, zitterte sie heftig, denn aus diesen Händen strömte eine Wärme auf die ihrigen über, eine Wärme, die sich ihrem gesicht mitteilte und dieses plötzlich tief erglühen liess. fest und innig hatte Jemand ihre Finger erfasst und zog sie ihr langsam vom gesicht herab. Aber es durchschauerte sie so dabei, dass sie unwillkürlich die Augen schliessen musste, doch nur auf einen Moment, eine Sekunde, denn darauf vernahm sie eine bekannte stimme, die ihr leise und schmeichelnd sagte: "Meine gute, gute Claramein innig geliebtes Mädchen!"

Es war ganz sonderbar, als sie nun die Augen öffnete, dass sie Niemand vor sich sah, ja, sie musste die Blicke herabsenken, um Jemanden wahrzunehmen, der zu ihren Füssen lag, der abwechselnd ihre hände küsste, dann wieder flehend zu ihr aufblickte und dazwischen sprach: "O meine gute, gute Clara, verzeihe mirverzeihe mir, mein unschuldiges Mädchen; ich habe Alles erfahren."

Wie sich Artur in das Zimmer geschlichen, war Allen unbegreiflich; aber es unterlag keinem Zweifel, dass er da war, und dass er voller Freuden da war, glücklich und selig. Jetzt sprang er hastig in die Höhe, ohne Clara's Hand loszulassen, vielmehr zog er sie hastig zu seiner Mutter hin, die in Ermanglung eines Tisches sanft auf die zusammengewickelte Stikkerei trommelte.