im stand war, sich so rasch von seinem Erstaunen zu erholen, und der häufig nach Clara hinüber blickte, um vielleicht auf dem gesicht derselben lesen zu können, was das wohl zu bedeuten habe. "Es ist meine Familie," wiederholte er. "Das ist meine Tochter Clara, das die kleine Marie, und das ist Karl."
"Und dort die Kleine?" fragte die Rätin.
"Ist eine arme Waise," versetzte Herr Staiger, "ein verlassenes Kind, das auch hier so bei uns ist."
"Für dessen Unterhaltung Sie sorgen?" fragte Madame Erichsen.
"O ja," sagte lächelnd der alte Mann. "Aber es ist nicht der Rede wert; das kleine Ding macht uns weder Kosten noch Mühe."
"Und Ihre Frau?" forschte die Rätin weiter.
"Ist schon vor einigen Jahren gestorben; es war das hart für mich, doch liess mir der liebe Gott da meine Clara heranwachsen, und sie vertrat Mutterstelle bei den kleinen Geschwistern – ja wohl!"
"Sie sind aber nicht viel zu haus, Mademoiselle?" wandte sich Madame Erichsen an die Tänzerin. "Wie ich mir sagen liess, haben Sie den ganzen Vormittag Ihre Geschäfte ausserhalb demselben, und Abends ist auch Ihre Zeit meistens beschränkt."
Clara zuckte unmerklich zusammen, als die Rätin nun zum ersten Male ihre Worte direkt an sie richtete; doch waren diese Worte ziemlich weich, ja freundlich gesprochen, wesshalb sie es auch vermochte, nach einem tiefen Atemzuge zu antworten. "Unsere Verhältnisse sind klein," sagte sie, "und da ist auch die Arbeit gering. Wir haben zwei Zimmer, wenig Bedürfnisse, und dafür finde ich Zeit genug."
"Und haben wohl noch Musse, daneben andere Sachen zu arbeiten?" bemerkte Madame Erichsen. "Lassen Sie doch sehen. Sie machen da eine superbe Stikkerei." Bei diesen Worten streckte sie ihre Hand aus, und Clara reichte ihr die angefangene Arbeit. Doch flammte eine tiefe Röte auf ihrem gesicht auf, als die Rätin nun gleichmütig ein paar Nadeln herauszog, welche die halbfertige Stickerei zusammen hielten, diese auseinander rollte und ein Sophakissen zeigte von wirklich herrlicher Arbeit, auf's Sauberste ausgeführt. Es war ein Blumenkranz auf blauem grund, in der Mitte prangte deutlich und verräterisch ein grosses A.
"In der Tat eine schöne Arbeit," sprach die Rätin; "das ist wohl der Anfangsbuchstabe des Namens Ihres Vaters?" sagte sie nach näherem Betrachten, ohne aufzublicken.
Die Tänzerin kämpfte gewaltig mit sich selbst, sie unterdrückte einen tiefen Seufzer und erwiderte mit leiser stimme: "Ja, gnädige Frau."
Jetzt schaute diese in die Höhe; sie schien eine andere Antwort erwartet zu haben, und blickte desshalb forschend auf das Mädchen. Als aber Clara schweigend die Augen niederschlug, schüttelte sie lächelnd den Kopf und wandte sich an die kleine Marie, welche ihre ältere Schwester offenbar verwundert ansah. Dabei deutete die Rätin mit ihrem langen Zeigefinger auf das verhängnissvolle A. und sagte: "Du, Kleine, was soll der Buchstabe heissen?"
Einen Augenblick blieb sie die Antwort schuldig und schaute, wie Rat erholend, bald Clara, bald ihren Vater an. Doch zuckte dieser leicht mit den Achseln, jene aber schien es zu vermeiden, dem Blikke des Kindes zu begegnen.
"Nun?" fragte die Rätin abermals, "was heisst das?"
"Es heisst Herr Artur," entgegnete das kleine Mädchen.
"Und wer ist Herr Artur?" forschte die Dame weiter. "Weisst du das nicht?"
"Aber ich weiss es," sprach mit einem Male das Bübchen, indem es seinen Kopf hinter dem arme Clara's hervorstreckte. "Herr Artur ist mein Freund, der Herr Erichsen, der mir sehr schöne Drachen macht und Bilderbücher mitbringt. Er ist aber lange nicht da gewesen; warum, das weiss ich nicht."
"So, er ist lange nicht da gewesen?" versetzte die Rätin mit weicherer stimme und blickte abermals angelegentlich auf die Stickerei.
Clara schrak ordentlich zusammen, als das Bübchen jenen Namen genannt; Herr Staiger rieb sich stärker die hände, hustete verschiedene Male und sagte: "Allerdings besuchte uns Herr Erichsen zuweilen, doch in der letzten Zeit gar nicht mehr; vordem hatten wir eine gemeinschaftliche Arbeit, wenn ich mich so ausdrücken darf; ich übersetzte Onkel Tom's Hütte und Herr Artur machte die Illustrationen dazu für die Buchhandlung Johann Christian Blaffer und Compagnie."
Die Kommerzienrätin hatte langsam ihr Tuch vor den Mund genommen und während sie hinein hustete, blickte sie lange und forschend auf Clara.
Diese hatte sich gefasst; obgleich ihre Hand noch leicht zitterte und ihre Gesichtszüge bleicher waren, als vorhin, so hielt sie doch ihre Blicke nicht mehr niedergeschlagen, sondern schaute die alte Dame offen und ehrlich an. Sie fühlte ihr Unrecht, dass sie Artur anfänglich verleugnet, sie wollte das nicht mehr tun, mochte auch daraus erfolgen, was da wolle, und wenn auch ihre Lippe schwieg, so sprach desto beredter ihr Auge. Dabei wollen wir gestehen, dass die Rätin diese Sprache verstand, ja sie erkannte in dem glänzenden Blicke die klare und reine Seele des Mädchens, sie las in der Glut, welche aus diesen schönen Augen aufblitzte, ihre grenzenlose Liebe zu Artur, und die Tränen, welche dieselben einen Moment nachher verschleierten, diese Tränen des Schmerzes