und namentlich die Gruppe am Tisch zu betrachten schien.
Der armen Clara war es zu Mute, als träte das Verhängniss in person, Vergangenheit und Zukunft, drohend vor sie hin. Sie hielt das Bübchen fest in ihren Armen, ja sie drückte es an sich und zwar so, als wollte sie Schutz bei demselben suchen vor etwas Erschrecklichem, was in der nächsten Sekunde über sie hereinbrechen müsse. Sie kannte die alte Dame wohl, obgleich sie nie ein Wort mit ihr gewechselt. Aber mit welchem Interesse hatte sie dieselbe betrachtet in der Kirche, auf der Strasse, im Teater, wenn die Tänzerin an der uns bekannten Oeffnung im Vorhange stand und nicht davon wegzubringen war, wenn die Dame droben in ihrer Loge sass! Da war sie wie festgebannt und musste unverwandten Blickes hinaufsehen. O sie waren so kalt und teilnahmlos, diese Züge, nicht eine Miene bewegte sich in dem Gesicht, kaum merklich nickte sie rechts oder links, wenn sie auf einen ganz ergebenen Gruss dankte. Ja, wenn sie gesprochen, so wischte sie sich mit ihrem Sacktuch die Lippen ab, und wenn sie längere Zeit stillschwieg, was meistens vorkam, so hielt sie die spitzen Finger der linken Hand unbeweglich auf die Logenbrüstung. Wie oft hatte sie ihn – Artur – über diese Frau gefragt, ob sie zu Haus auch so einsilbig und verdriesslich sei, ob sie denn nie freundlich spreche oder gar lache, und es hatte sie ein kleiner Schauder überflogen, ja ein Schauder, trotzdem es sie auch glücklich gemacht hatte, wenn er zu ihr sagte: "Du wirst sie ja noch kennen lernen, Clara. Ihr Herz ist gut, auch teilnehmend, und sie hat dieses allzuernste und gemessene Wesen nur so angenommen; gewiss, sie kann auch freundlich sein und sogar lachen." Wie oft hatte das junge Mädchen von dieser Dame geträumt! Und dann war sie ihr immer als böser Engel erschienen, hatte die magere Hand zwischen sie und Artur gestreckt, hatte mit dem kopf geschüttelt, und darauf war Alles, Alles aus gewesen. Wenn alsdann Clara in diesen Träumen auch flehend ihre hände nach Artur ausstreckte, und, verzweiflungsvoll seinen Namen rufend, vorwärts strebte, ihn wieder zu erreichen, so war es doch, als treibe eine gewaltige Luftströmung die beiden Liebenden aus einander, immer weiter und weiter, bis sein Bild undeutlich wurde, ein Schatten, und dann ganz erblasste, obgleich das Bild der alten Dame gleich lebendig, gleich starr, drohend und ernst in der Mitte stehen blieb. – Ah! und ihr blick war dann gerade so wie jetzt, als sie nun in Wirklichkeit in's Zimmer trat.
Herr Staiger war ihr entgegen gegangen, hatte der für ihn Unbekannten eine respektvolle Verbeugung gemacht, und war, als diese mit einem einfachen Kopfnicken erwidert wurde, händereibend und etwas verlegen an die Seite getreten, eine Anrede erwartend. Die Dame blickte aber eben so unverwandt auf Clara, auf das Bübchen und auf Marie, die sich ebenfalls an die ältere Schwester geschmiegt, als erstere sie unaufhörlich ansah. Mochte sie nun den entsetzten blick der Tänzerin bemerken, und ihr die weit aufgerissenen Augen der kleinen Kinder etwas komisch vorkommen, genug, sie wandte sich mit einem etwas freundlicheren Gesichtsausdruck zu Herrn Staiger, indem sie ihm sagte: "Ich habe mir erlaubt, Sie in einer gewissen Angelegenheit zu besuchen, wenn Sie nämlich ein paar Augenblicke für mich übrig haben."
Der alte Mann verbeugte sich abermals, rieb sich wiederholt und noch verlegener die hände, denn ihm kam die idee, als setze die Dame voraus, sie müsse notwendig von ihm gekannt sein, was denn aber durchaus nicht der Fall war. Dabei murmelte er etwas von grosser Ehre, vielem Vergnügen, und als die Dame hierauf langsam in das Zimmer hinein dem Tische zuschritt, leerte er rasch einen Stuhl, indem er Bücher und Papiere mit dem Arm auf den Boden niederstrich.
In demselben verhältnis, in dem sich die Dame dem Tische näherte, liess Clara das Bübchen auf den Boden gleiten und erhob sich langsam von ihrem stuhl. Dabei sah sie sehr bleich aus und ihre Hand, die sie auf dem Tische aufgestützt hatte, zitterte heftig, auch holte sie mühsam Atem, und als sie nun der Näherkommenden eine tiefe Verbeugung machte, schoss ihr das Blut in's Gesicht, und eine plötzliche Röte überflog ihre vor einer Sekunde noch so blassen Züge.
Die Dame liess sich ruhig auf dem angebotenen stuhl nieder, und als Herr Staiger, der ehrerbietig neben ihr stehen geblieben war, sich nun ein Herz fasste und sie unverkennbar fragend ansah, sagte sie: "Sie scheinen mich nicht zu kennen; ich bin die Frau des Kommerzienrats Erichsen."
Sobald der alte Herr diesen Namen gehört, trat er unwillkürlich einen Schritt zurück, blickte die Dame mit einem wahren Erschrecken an und brachte mühsam die Worte hervor: "Oh! – das ist zu viel Ehre!"
Die Kommerzienrätin schien übrigens gar keine Antwort zu erwarten und auch seine Worte nicht zu hören, denn sie sah unverwandt auf Clara, welche vor diesem ernsten blick zuerst ihre Augen niederschlug, sie aber dann im Gefühl ihres redlichen und unschuldsvollen Herzens langsam wieder erhob und die Rätin ehrfurchtsvoll, aber fest anschaute.
"Das ist Ihre Familie?" sprach diese nach einer Pause, während welcher sie alle Anwesenden der Reihe nach betrachtete.
"Das ist meine Familie, ja wohl, Frau Kommerzienrätin," entgegnete Herr Staiger, der nicht