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was er ihre Treulosigkeit genannt? – Sie wusste es selbst nicht. Es war vielleicht eine richtige Eingebung des Moments gewesen, es war ihr weiblicher Stolz, der sich im Gefühle gekränkter Unschuld dagegen empört hatte. Ach! und wie hatte sie gelitten nach jener Unterredung; wie war ihr die ganze Zukunft finster erschienen, wie alles Glück von ihr gewichenund nirgends, nirgends ein Hoffnungsstrahl! Jetztsie wusste selbst nicht warumregte sich in ihrem Herzen ein Gefühl, als sei vielleicht noch nicht Alles verloren, als würde die Nacht in ihrem Gemüte nicht ewig währen, als könne auch für sie noch ein neuer Tag anbrechen, nochmals die Sonne hell und glänzend aufsteigen.

Herr Staiger, der vor sich seine Tochter in tiefen Träumereien sah, hatte die Feder wieder ergriffen und schrieb langsam fort, nicht ohne zuweilen einen blick auf Clara zu werfen.

Die Kinder hatten während des Besuchs diesen aufmerksam betrachtet und Marie hatte zum grossen Ergötzen des Bübchens den gang und die Haltung der zukünftigen Madame Berger nachgeahmt, worauf sich Karl veranlasst sah, die Rolle des Armenpflegers zu übernehmen. Er knöpfte sein Jäckchen bis unter das Kinn zu, holte sich des Vaters Hut aus der Ecke und schaute unverwandt in denselben hinein, wobei er so steif als möglich auf und ab ging. Dann nahm er einen kleinen Fussschemel, trug ihn zwischen Vater und Clara an den Tisch und setzte sich selbst darauf, wobei er die Haltung des Herrn Berger auf so komische Art karrikirte, dass der Vater, der zufällig aufblickte, laut und herzlich zu lachen anfing. Auch Clara, die hierdurch aus ihren Träumen aufgeschreckt wurde, musste lächeln, als sie die kleine Figur vor sich sitzen sah, die, den Kopf steif in die Höhe haltend, sie unverwandten Blicks betrachtete.

"Es ist eigentlich nicht schön von dir, Karl," sagte der alte Mann, "dass du Leute nachmachst, die uns besuchen. Man nennt das: Jemand verspotten; und aller Spott tut weh."

"Aber ich will Niemand verspotten," sagte das Bübchen, "ich habe nur Clara zum lachen bringen wollen, denn sie schaut immer so betrübt vor sich hin und bekümmert sich gar nicht mehr um mich."

"Das kannst du gewiss nicht sagen," erwiderte Clara, indem sie die arme in den Schooss sinken liess, "ich bekümmere mich um dich gerade so viel wie sonst."

Der Kleine schüttelte mit dem kopf.

"Nicht?" fragte Clara, "und warum glaubst du das?"

"Du spielst nicht mehr mit mir," sagte Karl. "Du hast mir schon lange nicht mehr aus dem Bilderbuche vorgelesen, auch keinen Schlitten mehr gemacht und die Bilder, die mir Herr Artur geschenkt, willst du gar nicht mehr ansehen."

Als Clara hierauf schwieg, sprach Herr Staiger: "Das wird Alles wieder kommen; Clara wird dir wieder Schlitten machen und auch wieder die Bilder ansahen."

"Aber Herr Artur hat lange keine Bilder mehr gebracht," meinte Marie, die hinzugetreten war. "Warum lässt er sich nicht mehr sehen?"

"O ich hab' ihn gestern gesehen," sprach eifrig das Bübchen.

"Du wirst dich irren," versetzte Clara, indem sie errötend mit dem kopf schüttelte.

"Nein, ich irre mich nicht! Er stand gestern am Ende unserer Strasse; ich konnte ihn von der Haustüre aus gut sehen."

"Und warum riefst du ihm nicht?" fragte Marie.

"Als ich das tun wollte, ging er gerade fort," versetzte Karl. "Er muss mich nicht gesehen haben."

"Gewiss, so ist es," meinte Clara traurig, "er hat dich nicht gesehen. Er weiss nicht mehr, dass wir hier wohnen." So ruhig sie dies anscheinend sagte, so stockte doch ihr Atem, als sie die Worte aussprach, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie war nicht im stand, den bunten Faden, den sie in der Hand hielt, einzufädeln. Dienstfertig drängte sich die kleinere Schwester näher, und als sie ihr Faden und Nadel aus der Hand genommen hatte, was Clara ruhig geschehen liess, fasste diese mit ihren beiden Händen den Kopf des jungen Mädchens und drückte ein paar innige Küsse auf das blonde Haar desselben.

Diesen Moment mochte Karl nicht so vorbei gehen lassen; er sprang von der andern Seite an den Stuhl der Schwester, fasste sie mit dem Arm sanft um den Leib und sagte, er wolle auch eine Nadel einfädeln, um einen Kuss zu bekommen.

Clara hatte sich gerade in herzlicher Liebe zu ihm niedergebeugt, hatte ihn wiederholt auf die kleinen frischen Lippen geküsst und ihn notgedrungen zu sich emporgehoben, da er sich an sie hing und seine arme um ihren Hals geschlungen hatte, wobei er lauter jubilirte und lachte als gerade notwendig war, als die junge Tänzerin sah, dass ihr Vater sich mit einer Verbeugung eilig vom Tische erhob und der tür zuschritt, welche langsam geöffnet wurde. Auch vernahm sie eine stimme, welche sagte: "Bitte um Entschuldigung, aber ich klopfte mehrmals, was man wahrscheinlich nicht gehört hat."

Es war eine ältliche Dame, von der diese Worte ausgingen, in einfacher Kleidung, der man aber ansah, dass sie den höheren Ständen angehörte. Sie hatte ein ernstes, würdevolles Gesicht, eine etwas spitze Nase und lebhafte graue Augen, mit denen sie aufmerksam das Zimmer