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fest an die hohe schwarze Merinohalsbinde anschloss, dass man auf die Vermutung kam, sie sei oben angenäht, was wohl auch der Fall sein mochte. Dieses unvorteilhafte Aeussere war ihm, obgleich er kein schlechter Arbeiter war, schon oftmals bei Erlangung guter Stellen hinderlich gewesen, und er musste sich daher mit sehr mittelmässigen begnügen, was einer der Gründe war, wesshalb er sich denn auch jetzt hier auf dem Comptoir des Herrn Blaffer befand. Da ihm aber die Beibehaltung seiner Condition nicht besonders am Herzen lag, er auch wohl wusste, dass der Prinzipal für das wenige Geld, was er ihm gab, nicht leicht einen anderen Arbeiter bekomme, so nahm er sich, wie wir bereits vorhin gesehen, hie und da einige Freiheiten heraus, wofür er ein dankbares Publikum an dem Lehrling des Geschäftes hatte, der, den Prinzipal sehr fürchtend, sich ausserordentlich darüber freute, wenn der Andere demselben ein paar passende Worte sagte.

Besagter Lehrling war ein blasser blonder Mensch mit einem immerwährenden, halb blödsinnigen Lächeln auf den Lippen, der, wie wir später genauer erfahren werden, bei dem Herrn Blaffer im haus wohnte und in seinen Freistünden Dienste verrichten musste, die gerade nicht mit dem Buchhandel und der Literatur zusammenhängen.

Herr Beil warf einen durchdringenden blick auf den Lehrling und zeigte ihm die bewusste Fliege, die in der Tat, aber ziemlich matt, an der Decke umher spazierte, rückte hierauf das grosse Buch vor sich hin und fing an einzutragen.

Der Prinzipal trat in diesem Augenblicke in das Comptoir.

Dieser war ein magerer, ziemlich grosser Mann in die Vierzig; er ging etwas vorn übergebeugt und liebte es, die hände auf dem rücken zu halten. Seine Kleidung, ziemlich alt, abgeschaben und nicht gewählt, bestand aus einem blauen Frack, dessen spitze Schösse hinten über einander gingen, aus einer grauen Hose, die, eng anliegend, die Mode der weiten Beinkleider glücklich überdauert hatte, und nun wieder elegant geworden wäre, wenn sich nicht die Schwächen des Alters an den Knieen sehr bemerkbar gemacht hätten. Herr Blaffer trug ziemlich grosse Schlappschuhe, und um dieselben nicht von den Füssen zu verlieren, hatte er sich einen Schlittschuhgang angewöhnt, vermittelst dessen er nun, die lange dürre Nase und das spitze Kinn emporgehoben, die gebogenen Kniee vorgestreckt, in dem Zimmer auf und ab fuhr. Dabei hatte sich dieser Mann ein unangenehmes Gesichterschneiden angewöhnt, indem er das linke Auge zukniff und den Mund höhnisch verzog. Dies tat er namentlich, wenn er sich in einer Gemütsaufregung befand, was bei seinem giftigen reizbaren Temperament häufig genug vorkam.

Nachdem Herr Blaffer einige Male im Comptoir auf und abgefahren war, blieb er mit einer plötzlichen Wendung vor dem Lehrling stehen, schlug ihn leicht an den Kopf und sagte "Sie sind ein junger verschwenderischer Taugenichts. Meinen Sie denn, das Makulatur hätte kein Geld gekostet, dass Sie mit Ihren Füssen darauf herum trampeln?"

"Da haben Sie Recht, Herr Blaffer," versetzte der Commis, indem er geräuschvoll ein Blatt umwandte, "Makulatur ist eine teure geschichte, namentlich die, womit er gerade einpackt."

"Ich habe Sie nicht um Ihre Ansichten gefragt," antwortete entrüstet der Prinzipal, während er sein Gesicht auf die oben beschriebene Art verzog.

"Es ist die geschichte des türkischen Reiches," fuhr der Andere mit lauter stimme fort, "die vor vier Jahren gedruckt wurde, und von welcher von der ersten Ostermesse ein Exemplar mehr zurückkehrte, als fortgeschickt worden. – Ja, ja, so ist's, und Sie machten mir von diesem merkwürdigen Buch ein Exemplar zum Geschenk, das dient mir von da ab jede Nacht zum Einschlafen. – Ein schönes Werk! – Pagina sechsunddreissigRostbraten und Comp. – sechs Exemplare: keine Hühneraugen mehr! – 1850, bei Johann Christian Blaffer." –

Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit grosser Gemütlichkeit, während er dabei das eben Bemerkte eintrug.

Der Prinzipal hatte anfangs Lust, sich ernstlich zu ärgern; da er aber seinen Untergebenen kannte, so begnügte er sich damit, die arme über einander zu schlagen, seinen Commis mit einem festen blick anzusehen und zu sagen: "Herr Beil, werden Sie denn eigentlich nie vernünftig werden? – Es ist wahrhaftig schade, dass ein Mensch von wirklich einigen guten Anlagen durch seine ewigen Faseleien nie auf einen grünen Zweig kommt."

"Da haben Sie wieder einmal Recht," antwortete der Commis scheinbar mit grossem Ernste. "Ich bin fürchterlich herunter gekommen, wie gesagt1850, bei Johann Christian Blaffer. – Es ist ganz entsetzlich!"

Der Prinzipal hatte keine Antwort erwartet, sondern sich in das Postpaket vertieft, das am frühen Morgen gekommen war, dann sah er nochmals die Bestellzettel durch, bald mit einem Lächeln auf den Lippen, bald mit einem finsteren Stirnerunzeln.

Letzteres trat aber häufiger ein als ersteres, denn da Herr Blaffer zugleich ein Commissionsgeschäft hatte, so gehörten die dickleibigen Postpakete, welche jeden Montag und Donnerstag kamen, dem grössten Teile seiner glücklicheren Collegen, und ihm selbst blieb nur äusserst wenig, und noch dazu meistens Artikel, die sich schlecht ausnahmen gegen die schweren Zahlen, die hinter andern Werken prangten.

"Bah! bah!" machte der Buchhändler zuweilen und warf irgend einen Zettel mit geringschätzender Miene auf den Tisch. – "Was das deutsche Publikum nach und nach verwildert!" sagte er dann seufzend, "es ist fabelhaft. Nichts als Schund, Schund und wieder