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ein wenig frische Luft schöpfen. Weisst du, Berger," fuhr sie leise fort, indem sie sich zum Wagen hinausbeugte, "ich mag dem Kutscher nicht laut zurufen, dass er nach der Balkenstrasse, dem haus Clara's, zurückfahren soll, das kannst du besorgen."

"Das hätte ich tun können und doch wieder in den Wagen hineinsteigen," entgegnete der Armenpfleger in kläglichem Tone.

"Aber es ist besser so," sagte Terese und zog den Schlag hinter ihm zu.

Artur war lächelnd in den Wagen gestiegen. Herr Berger hatte den Bock erklettert, seinen Regenschirm aufgespannt und bot neben dem Kutscher nichts Auffallendes. Er sah in der Tat aus wie ein Lohnbedienter und schielte auch wie ein solcher, dessen Geschäft es ist, die Fremden auf alle Merkwürdigkeiten rechts und links aufmerksam zu machen, zuweilen hinter sich in den Wagen.

"Ich komme soeben von Clara," begann Terese in demselben. "O Herr Erichsen, wenden Sie sich nicht unmutig weg! Glauben Sie mir, Sie haben dieses gute und edle Mädchen unverantwortlich behandelt. Sagen Sie mir um Gotteswillen, Sie sind doch auch schon mit vielen Leuten umgegangen, Sie haben doch auch Menschenkenntniss. Schauen Sie ihr doch in das klare und unschuldige Auge, kann d e r blick trügen? Glauben Sie wirklich, Clara sei fähig gewesen, Sie zu hintergehen? – Die gute Clara, mit dem Gemüt eines Kindes, die nicht einmal weiss, was Betrug ist! O ich möchte fast sagen: Sie verdienen dies Herz nicht, das Sie so leichtsinnig weggeworfen." Und nun erzählte sie ihm in aller Eile, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, was soeben in der wohnung der witwe Wundel vorgefallen, und beschwor ihn, jetzt sogleich hinauf zu gehen, er werde die ganze saubere Gesellschaft noch beisammen finden und es werde ihm nicht schwer werden, von denselben das geständnis wiederholt zu erhalten.

Damit hielt der Wagen vor dem bekannten haus und als Artur, der mit klopfendem Herzen den Worten Teresens gelauscht, nun die dunkle tür mit den ausgetretenen Stufen vor sich sah, über die er so oft voll Freude und Glück auf- und abgestiegen war, die er darauf tief betrübt so lange vermieden, für ihn eine Ewigkeit, obgleich er das Haus selbst vermittelst der umliegenden Strassen unaufhörlich umkreist, sowohl bei Tag als bei Nacht, als er nun wieder davor stand, glaubend an die Worte der Tänzerin, da schwand aller Groll, aller Argwohn aus seinem Herzen, eine unendliche Liebe für Clara erfüllte es mehr als vordem, und nach herzlichem Dank und Gruss gegen Terese sprang er in den dunklen Hausflur hinein.

Die schöne Tänzerin blickte ihm ein paar Sekunden nach, dann fuhr sie mit der Hand über die Augen und sprach zu sich selber: "Das ist mein schönstes Hochzeitsgeschenk. Ach! die Versöhnung da oben muss entzückend sein. Wie glücklich werden sich diese Beiden fühlen, zu einander hingezogen, innig verbunden durch gleiche herzliche Liebe." Hierauf legte sie sich seufzend und nachsinnend in die Ecke des Wagens, doch hatte sie vorher an die Scheiben geklopft und dem Herrn Berger gesagt: "So, nun kannst du wieder herein kommen."

Artur gelangte übrigens nicht so schnell in den oberen Stock; je höher er stieg, desto mehr Gedanken häuften sich auf sein Herz und hingen sich schwer an seine Schritte. Er gedachte jenes Abends, wo er an des Grafen Stelle das junge Mädchen empfangen, er bemühte sich, die Figur derselben auf's Genauste in seiner Phantasie festzustellen, und nachdem er das zum ersten Mal seit jenem Vorfalle ruhig getan, begriff er selbst nicht mehr, dass er Jene mit Clara habe verwechseln können. Dann dachte er auch eifrig darüber nach, wo er sie nach jenem Abende wieder gesehen und ob er da wohl eine Spur von Befangenheit, irgend etwas Verlegenes in ihrem Betragen gegen ihn bemerkt. Ach! er erinnerte sich jetzt genau, dass sie ihm den andern Tag mit offener Stirn und ehrlichem blick wie immer entgegen gesprungen war, dass sie ihm freudig beide hände dargereicht und dass sie darauf schüchtern wie immer und halb errötend seinen etwas stürmischen Kuss geduldet. – Ach! und diese süssen Küsse, er hatte sie so lange entbehren müssen, er hatte so lange nicht mehr in ihr gutes, liebes Auge geblickt! Jetzt kam ihm sein ganzer Argwohn wie ein Wahnsinn vor, jetzt konnte er es nicht begreifen, warum er nicht gleich offen und ehrlich mit Clara gesprochen, ihr seine Unterredung mit dem Grafen Fohrbach mitgeteilt und ihr gesagt: wie kann das zusammenhängen? Noch viel weniger aber begriff er, dass er nicht gleich nach jenem schrecklichen Tage, wo er sie zum letzten Mal an der Leiche der unglücklichen Marie gesehen, zu der Wundel geeilt war, die ihm von Madame Becker als Unterhändlerin genannt worden war. Kopfschüttelnd und unzufrieden mit sich selbst stieg er die Stufen hinauf. –––––––––––––––––––––––––––

Clara hatte sich wieder an ihre Arbeit niedergesetzt, sobald Terese vorhin das Zimmer verlassen. Doch wollte ihr dieselbe nicht mehr so von der Hand gehen wie vor der Unterredung. Sie war in den letzten Tagen ruhiger geworden, sie hatte die Erinnerung an jene schreckliche Stunde gewaltsam zurückgedrängt, und diese trat nun zugleich mit dem stärkeren klopfen ihres Herzens allmählich wieder lebendiger und schrecklicher vor sie hin. Warum hatte sie sich von jenem Augenblick überwältigen lassen, warum hatte sie, statt seinen Vorwürfen gegenüber zu schweigen, nicht ruhig eine Erklärung verlangt über das,