1854_Hacklnder_152_418.txt

, die so viel als möglich Unheil zu verhüten suchen."

"Und Sie verhüteten also das Unheil?" forschte die Tänzerin.

"Ach ja, fräulein Terese," fuhr Madame Wundel fort. "Und ich glaube, es ist keine meiner schlechtesten Taten. Das Weib wandte sich freilich an uns, wir aber kannten fräulein Clara, wie Sie sie selbst kennen, und nur in der Absichtgewiss nur in der Absicht, um die Becker von ihrer Spur abzuleiten, unternahmen wir die unangenehme Kommission –"

"Ein Rendezvous zu vermitteln," sagte Emilie, indem sie sich vordrängte.

"Und kam zu stand?" fragte Terese.

"Ja, es kam zu stand!" rief triumphirend die Bekker. "Glauben Sie mir, wenn dies Weib seine Krallen einmal einschlägt, da hält sie fest."

"Es kam allerdings zu stand," bemerkte Madame Wundel nach einem abermaligen blick an die Zimmerdecke, "aber ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass Clara gänzlich aus dem Spiele blieb."

"Ah, ich verstehe!" sprach Terese freudig. "Ich danke Ihnen für diese Aufklärung."

Madame Becker ihresteils schien das nicht sogleich zu verstehen. Endlich aber begriff auch sie, dass die Wundel sie geprellt und eine Andere zu dem bewussten Rendezvous geschickt worden war. Wie sie langsam zu dieser erkenntnis kam, verwandelten sich alle ihre Gesichtszüge. Anfänglich war sie hohnlachend dagesessen, jetzt aber fiel ihre Unterlippe schlaff herab, ihre Augen stierten ein paar Momente starr vor sich hin; dann aber blitzte das Feuer des Zorns in ihnen auf, ihre Lippen schlossen und öffneten sich krampfhaft, und schäumend sagte sie: "Also so wollt Ihr meine noble Kundschaft verderben! – Ihr Pack!" Dabei hatte sie sich langsam erhoben, hatte ihr Gesicht mit einem unbeschreiblich frechen Ausdruck auf Zollweite dem der witwe genähert, welche, wie das Vögelein vor dem Blicke der Schlange leider nicht im stand war, zurückzuweichen. L e i d e r sagen wir, denn in der nächsten Sekunde brannte eine so ungeheure Maulschelle auf der Wange der Madame Wundel, dass diese laut aufkreischend in ihren Stuhl zurückfiel. Es war eigentlich komisch anzusehen, wie im gleichen Augenblicke der Armenpfleger von seinem Sitz emporschnellte, Terese am arme ergriff, mit zwei Schritten die Stubentür erreicht hatte und das Zimmer verliess. Erst hinter der geschlossenen tür blieb er tief atmend stehen und setzte bedächtig seinen Hut auf.

"Gott sei Dank!" jubelte Terese, "dass das so gekommen ist. Glaube mir, Berger, um keinen Preis der Welt wollte ich das eben nicht gehört haben. War dir die Scene unangenehm?"

"Sie hat auch für mich ihr Gutes," erwiderte bedächtig der Armenpfleger, indem er seine Schreibtafel herauszog, darin blätterte und durch den Namen der witwe Wundel einen sehr dicken Strich machte.

Dass übrigens Madame Becker dem rächenden Geschick ebenfalls nicht entging, brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu versichern. Wenn sich auch Louise Wundel von dem Kampf, der nun erfolgte, fern hielt, so waren doch die witwe und Emilie kräftig genug, um der Madame Becker einen gehörigen Denkzettel zu geben.

Die Tänzerin blieb zaudernd auf der Treppe stehen. "Gern möchte ich Clara sprechen," sagte sie, "doch ist es besser, ich versuche es, den Herrn Erichsen zu finden. – Komm, Berger."

Beide stiegen nun vollends die Stufen hinunter, setzten sich in den Wagen, der drunten auf sie wartete, und fuhren davon.

Dreiundachtzigstes Kapitel.

Clara.

Vielleicht war es zufällig, dass Artur sich an diesem Nachmittage in der Nähe der Balkenstrasse befand, genug, Terese, die aufmerksam umherspähte, erblickte ihn wenige Strassen von dem haus Clara's entfernt; sie klopfte dem Kutscher an die Fensterscheiben und liess halten.

Artur, welcher sich bei seinem Namen gerufen hörte, näherte sich dem zweisitzigen Wagen und war nicht wenig erstaunt, die schöne Tänzerin in demselben zu sehen. Sie teilte ihm auch gleich lachend den Zweck ihres Umherfahrens mit, stellte ihm den Herrn Berger vor, nannte auch diesem den Namen des Malers und fragte dann, ob er nicht Zeit habe, sie einen Augenblick zu begleiten. Sowohl Artur als Herr Berger sahen bei dieser Aufforderung das schmale Coupé an und Ersterer sagte zu Terese, so angenehm es ihm auch wäre, sie zu begleiten, so fürchte er doch sehr, sie in ihrem Platz zu derangiren.

"Aber ich muss Sie sprechen und zwar auf der Stelle sprechen," erwiderte hartnäckig die Tänzerin; "ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen. Und was den Platz anbelangt, da kann man schon Rat schaffen, Berger ist wohl so gut und setzt sich für ein paar Minuten draussen zum Kutscher. Du kannst deinen Regenschirm aufspannen, dann erkennt dich Niemand, man hält dich höchstens für einen Lohnbedienten."

"Aber," meinte Artur leise, "Sie verlangen zu viel."

"Und was soll der Kutscher denken, mein Kind!" versetzte Herr Berger. Doch hatte er den Schlag schon halb geöffnet, um hinaus zu steigen.

"Machen Sie nur keine Umstände," rief die Tänzerin dem Maler zu. "Kommen Sie geschwind herein. – Und was den Kutscher anbelangt," wandte sie sich an den Andern, der schon draussen auf dem Tritte schwebte, "so kannst du ihm meinetwegen sagen, es sei dir hier im Wagen zu warm gewesen und du wollest draussen