schwerer Zunge. "Da ist der Herr Graf doch ein anderer Mann, und mich freut es, dass sie ihn erhört."
So schwer diese Worte auch die Tänzerin trafen, so verzog sich doch keine Miene ihres Gesichtes, ja sie trank lächelnd ihre Chokolade, nicht ohne einen blick auf Emilie zu werfen, die ihre hände zusammenballte und in höchster Wut die alte Schwätzerin gegenüber mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
"Aber was faselt Ihr für dummes Zeug!" sagte Madame Wundel, die mühsam an sich hielt. "Wie könnt Ihr über meine Nachbarin, über Mamsell Clara, über die genaue Freundin unserer zukünftigen Frau Armenpflegerin so etwas aussagen! Von was schwätzt Ihr denn eigentlich?"
Terese hatte ihre Tasse ruhig hingesetzt und warf dann leicht ein: "Wir wissen wohl, wovon Madame Becker spricht, von dem verhältnis Clara's mit dem Grafen Fohrbach."
"Das ist's," sprach die Becker mit lallender Zunge. "Und das ist ein schönes verhältnis, ein dauerndes verhältnis. O Wundel, Ihr solltet euch Eurer Arbeit nicht schämen; Ihr habt doch grosse Mühe damit gehabt und die Sache geschickt angefangen. Ehre dem Ehre gebührt!"
"Dass Euch der –" sprach die würdige witwe und wollte hinzusetzen: Ihr betrunkenes Weibsbild! – "Wie könnt Ihr so garstiges Zeug plappern? Ich bin eine ruhige Wittfrau; was hätte ich mit Euren Geschichten für Arbeit gehabt! Was gehen uns Eure schmutzigen Verhältnisse an! Nicht wahr, Emilie? Was hätten wir für Euch geschafft!"
"Oho!" rief die Becker und ihr Auge funkelte zornig, "sehe' mir Einer die würdige Wittfrau! Jetzt nennt sie das 'schmutzige Verhältnisse', womit sie ein so schweres Sündengeld verdient."
Der Armenpfleger hatte seine Augen langsam aus dem hut erhoben, blickte achselzuckend gegen Himmel und sagte alsdann zu seiner Braut mit leiser stimme: "Ich glaube, es wäre besser, wir verliessen diese wohnung." Dabei begann er sich von dem stuhl zu erheben.
Terese aber zog ihn eifrig wieder nieder, tat als wolle sie ihr Sacktuch aufheben, das ihr entfallen und flüsterte ihm zu:
"Es ist ein gutes Werk, Berger, wenn du noch einige Augenblicke bleibst. Hier gilt es, schlechte Menschen zu entlarven und einem unglücklichen Mädchen zu helfen."
Unterdessen hatten sich Madame Wundel sowie Emilie über den Tisch hinübergebeugt und blickten Madame Becker an, ganz mit dem zärtlichen Ausdruck eines Paares wilder Katzen, die begierig sind, einer Freundin die Augen auszukratzen. Louise hielt sich fern, sie hatte sich an's Fenster gestellt und blickte hämisch lachend auf die Gruppe am Tische.
"Pfui!" rief Emilie nach einer Pause, "schämt Euch, Becker, über Euer ungewaschenes Maul!"
"Larifari," entgegnete diese laut lachend; "ich brauche mich nicht zu schämen, ich wohne am Kanal in der Kaserne, stehe für mein Geschäft ein und heisse Becker. Ich leugne nicht, was ich treibe; schämt ihr euch selbst, ihr – verschämte Hausarme," setzte sie, plötzlich sehr ernst werdend, hinzu; und dann kreischte sie: "sehe' mir Einer die Wundel an! Hat bei meinem Geschäft schweres Geld verdient und will sich nun meiner schämen! O du Weibsstück!"
Die Wundel war mit ihrer Tochter Emilie in die Höhe gesprungen und es schien einen Augenblick, als wollten sich diese Bekenntnisse edler Seelen in einen erbitterten Kampf verwandeln. Doch erblickte die witwe vor sich das ernste, missbilligende Gesicht des Armenpflegers, desshalb fasste sie sich mit übermenschlicher Anstrengung, schluckte einige Mal heftig, stützte beide Fäuste auf den Tisch und sagte alsdann: "Herr Armenpfleger! – Gott soll mich bewahren, dass ich Reden, wie das Weib da eben verführt, vor Ihren Ohren auf mir sitzen liesse. O nein!" rief sie mit einem Anflug erkünstelter Wehmut, "was habe ich arme Wittfrau sonst als Ihre Meinung, Herr Armenpfleger! Stehe ich ohne Sie nicht ganz verlassen da in dieser Welt mit meinen beiden armen Würmern, ohne Hilfe, ohne Verdienst –"
"Ohne Verdienst!" hohnlachte die Becker. "Hat Sie von mir nicht schweres Geld für das Geschäft bekommen! Aber bei Ihr bleibt nichts – Sie ist wie ein Sieb – Sie –" Hier stockte das Weib plötzlich in ihrer Rede, und wir glauben nicht, aus plötzlich eingetretenem Zartgefühl, vielmehr veranlasst durch die Faust der Mademoiselle Emilie, welche drohend hinter dem Stuhl der Sprechenden stand. Auch duckte sich diese scheu zusammen und schien, obgleich zu spät, zu fühlen, dass sie sich hier zu Eins gegen drei befand.
"hören Sie also," fuhr Madame Wundel im Tone gekränkter Unschuld fort. "Ja, es ist wahr, dieses Weib da forderte mich auf, ihr in einer ihrer unsaubern Geschichten zu helfen."
"Sie sollten vermitteln zwischen Clara und dem Grafen Fohrbach?" fragte die Tänzerin.
"Ja," schrie die Becker, indem sie, sich dann nach Emilien umsehend, mit der Faust kräftig auf den Tisch schlug. "Und sie tat es, sie lieferte mir das Mädchen."
Die würdige Wittfrau warf einen blick an die Decke des Zimmers, dann sagte sie achselzuckend und mit grosse Milde: "Herr Armenpfleger, man muss es der Frau verzeihen, sie geht zu viel mit gemeinem volk um, sie hat keine idee davon, dass es noch rechtliche Menschen gibt