1854_Hacklnder_152_416.txt

einer Pause lächelnd fort.

"O ja, wir kennen sie vom Aus- und Eingehen," meinte die würdige witwe, indem sie auf dem Tisch ihre hände über einander legte. "Wie man sich so kennt, als Nachbarn, oberflächlich."

"So, nur oberflächlich?" erwiderte die Tänzerin, aber obgleich sie das Wort nur einmal aussprach, so schien es doch an alle Anwesenden gerichtet zu sein und sie blickte jede derselben der Reihe nach scharf an. "Sie ist ein sehr braves und geordnetes Mädchen, meine Freundin," sagte sie darauf wie fragend.

"Das ist sie," bekräftigte die Wundel, "das ist sie, bei Gott, der Neid muss es ihr nachsagen."

"Solid, sehr solid," meinte die Becker; doch lächelte sie dazu auf eigentümliche Art. Und Emilie setzte etwas boshaft hinzu: "Ein wahres Muster; man könnte sie allen jungen Mädchen zum Exempel vorstellen."

In diesem Augenblicke wechselte die witwe mit Madame Becker einen blick, der, so schnell das auch vor sich ging, von Terese nicht unbemerkt geblieben war.

"O ich weiss, wie gut und lieb sie ist," fuhr die Tänzerin fort. "Aber," setzte sie sehr langsam und mit scharfer Betonung hinzu, "um so auffallender ist es, dass trotz allem dem Unangenehmes über ihren Lebenswandel verbreitet wurdeja, absichtlich verbreitet wurde."

"Ah!" machte die witwe mit gut gespieltem Erstaunen, "ist das die Möglichkeit! Habt Ihr was davon gehört, Becker? Oder du, Emilie? Ja, die Menschen sind schlimm."

Natürlicherweise wollte Niemand etwas davon vernommen haben, und um diesen unangenehmen Gesprächsgegenstand zu unterbrechen, legte Madame Wundel ihren Mund in recht süsse Falten und fragte, ob sie nicht die Ehre haben könne, dem Herrn Armenpfleger oder fräulein Terese mit einer Tasse Chokolade aufzuwarten?

Herr Berger verneinte das eifrigst, Terese aber nahm es an. Und sie hatte ihre guten Gründe dafür. Hatte sie dann doch ein paar Augenblicke, in denen sie nicht zu sprechen, nur zu hören brauchte; und sie bedurfte einige Zeit zum Nachdenken.

Louise hatte eine Tasse geholt, sie vor Terese hingestellt und dabei nicht ermangelt, ihr eigens zu gratuliren, was sie vorhin im allgemeinen Chorus unterlassen. Dazu sagte sie: "Es wird Clara gewiss gefreut haben, Sie so bei sich zu sehen, denn Clara ist gut und nimmt den innigsten Anteil daran, wenn es ihren Bekannten wohl geht." Madame Wundel unterliess nicht, ihrer Tochter einen missbilligenden blick dafür zuzusenden, dass sie ihre Nachbarin wieder erwähnte, doch kehrte sich diese nicht im Geringsten daran, vielmehr fuhr sie fort: "Es ist wahr, fräulein Clara hat in den letzten Tagen Unangenehmes gehabt; ich weiss nicht, ob sie Ihnen davon sagte."

"O ja, sie sprach mir davon," entgegnete Terese. "Ich glaube, es betraf einen Vorfall im haus der Madame Becker dort, an dem Tage, wo Marie begraben wurde. Wie war doch die geschichte?"

"Wie wird das gewesen sein!" erwiderte nach einigem Zögern die Becker, wobei sie verlegen die Achseln zuckte. "Ich weiss es selbst nicht mehr genau, es betraf einen jungen Herrn."

"Herrn Artur Erichsen," versetzte Terese. "Er hat, so viel ich weiss, ein kleines verhältnis mit Clara und beschuldigte nun das arme Mädchengerade in Ihrem hauseiner Untreue, glaube ich, die sie gegen ihn begangen."

Madame Becker hatte ihren Arm auf den Tisch gestützt, vorher aber einen starken Zug aus dem Punschglase getan, dann blinzelte sie mit ihren etwas rötlich unterlaufenen Augen und meinte: "Nun ja, es muss etwas derart gewesen sein; wild genug hat er sich angestellt, und wenn er mit mir so hart gesprochen hätte, würde ich ihm anders die Wege gezeigt habenso einem Naseweis."

"Uebermütig ist er schon," versetzte die schlaue Tänzerin. "Was wird's gewesen sein! Eine Eifersüchtelei! Hat sich vielleicht die Clara sonstwo ein wenig den Hof machen lassen?"

"Versteht sich!" rief die Becker erzürnt und klopfte auf den Tisch. "Da kommt so ein junger Mensch her, spricht was von guten Absichten und meint nun, dann dürfe ein anderer rechtschaffener Cavalier so ein Mädchen gar nicht mehr ansehen."

"Aber fräulein Clara lässt sich auch von sonst Niemand ansehen," sagte ängstlich Madame Wundel, mit einem bedeutungsvollen Seitenblick auf ihre Tochter Emilie, welche die Zähne auf einander biss und die Becker giftig ansah.

Diese trank ihr Glas vollends leer, schnalzte mit der Zunge und sprach: "Hat sich was zum Ansehen! Daran stirbt man nicht und das schadet auch Niemand. Die Clara wäre eine rechte Gans, wenn sie sich von dem Maler da hofmeistern liesse."

"Aber sie tut es doch," bemerkte erzürnt die Wundel. "Clara ist die Tugend selbst, und einer von den jungen vornehmen Herren würde schön ankommen, wenn er sich in ihre Nähe wagen wollte." Bei diesen Worten stiess sie ihre Nachbarin heftig unter dem Tische mit dem fuss an, doch hatte sich diese schon zu tief mit dem Punsche eingelassen, um diese Berührung für mehr als eine zufällige zu nehmen.

"Und ich sage, die Clara hatte Recht, den Maler zu verabschieden," rief sie mit