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und hatte ihren Arm nachlässig und solchergestalt über die Lehne gelegt, dass sie den Anderen zur Hälfte den rücken zudrehte.

Es klopfte also, Madame Wundel rief: "Herein!" und die tür öffnete sich. –

Wären aber in diesem Augenblicke der selige Bekker und der selige Wundel erschienen, mit himmlischen Feierkleidern angetan und bereit, ihre teuren Hälften in's bessere Jenseits abzuholen, das Entsetzen hätte nicht grösser sein können, als beim Anblick des Armenpflegers, der seinerseits nicht weniger erstaunt war, seine Unterlippe noch tiefer herabhängen liess und die Augenbrauen bis an die Grenzen der Möglichkeit hinauf zog.

Madame Wundel, gänzlich ausser sich, ohne alle Geistesgegenwart und so überrascht jeder Verstellung unfähig, liess beide hände auf den Tisch sinken und starrte mit einem trostlosen Blicke den Eintretenden an. Emilie behielt mehr ihre Fassung und machte den vergeblichen Versuch, den Gugelhopfen vom Tisch verschwinden zu lassen, doch war ihre Bewegung zu heftig und rechts und links fielen die aufgeschnittenen Stücke über Tassen und Tischtuch dahin. Louise allein beharrte in ihrer Stellung, ja sie zuckte mit den Achseln und lächelte höhnisch.

Madame Becker, die den Armenpfleger wohl kannte und desshalb vollkommen das Entsetzen ihrer Freundin begriff, fasste, auch wohl von dem starken Getränk ermutigt, sich am schnellsten wieder, schüttelte ihre Nachbarin am arme und sagte mit ihrem breiten, gemeinen Tone und etwas sehr schwerer Zunge: "Ach, Wundel, erschreck' Sie nur nicht so, der Herr Armenpfleger wird es wahrhaftig nicht übel nehmen, wenn arme Kreaturen, wie wir sind, sich einmal einen vergnügten Tag machen. – Was könnt Ihr auch dafür," setzte sie mit einem pfiffigen Blinzeln hinzu, "dass es mir nun einmal in den Kopf gekommen ist, Euch mit Chokolade und was Gutem zu traktiren!"

"Ja, was kann ich dafür!" sprach die Wundel nach einem tiefen Atemzuge, indem sie begierig diesen Rettungsanker ergriff. "Die Becker ist eine so gute Seele, eine so brave Frau und denkt gern an uns arme Leute. Ach Gott?" fuhr sie fort und schlug ihre Augen scheinheilig auf, "wie käme auch sonst was so Gutes an uns!"

"Das missgönnt uns der Herr Armenpfleger gewiss nicht," sagte auch Emilie etwas gefasster.

Die erstaunten Blicke des Herrn Berger fuhren indessen, auf's Höchste überrascht, auf dem ganzen Tisch umher; ihm war es unfasslich, dass verschämte Hausarme ein solch' angenehmes Leben zu führen im stand seien, und wenn es ihm unbegreiflich war, woher Madame Wundel das Geld zu diesen Ausgaben nahm, so glaubte er doch nicht den Worten der Bekker, namentlich nicht, als er in das Gesicht seiner Begleiterin blickte, die mit einem unnachahmlichen, höchst ergötzlichen Lächeln die Gesellschaft am Tische betrachtete.

"Einen Stuhl! – Zwei Stühle! –" schrie nun plötzlich Madame Wundel, indem sie hastig aufsprang. "Der Herr Armenpfleger tun uns die Ehre an, sich einen Augenblick an unsern schlechten Tisch zu setzen."

Auch Emilie schnellte auf die Seite und Madame Becker erhob sich schwerfällig. "Ist es nicht wie ein Fingerzeig von Oben," sagte diese lallend, "dass Ihr heute Euer Zimmer in so guter Verfassung habt, wo Ihr so schönen Besuch bekommt? Ach! und auch fräulein Terese," fuhr sie knixend fort; "jetzt weiss ich, wesshalb Euch der Herr Berger die Ehre antut, – es ist eine Brautvisite, ja wahrhaftig, eine Brautvisite."

Madame Wundel, die noch immer nicht recht ihre Sprache gefunden hatte, knixte zu wiederholten Malen und Emilie wiederholte mit einem bitterbösen Lächeln und einem Seufzer das Wort: "Brautvisite." Louise war unterdessen ebenfalls aufgestanden und hatte zwei Stühle an den Tisch gestellt.

Herr Berger liess sich auf einen derselben zögernd nieder, auch liess er sich erst nieder, als er sah, dass Terese es sich auf ungenirte Art bequem machte, mit vornehmem Kopfnicken den dargebotenen Platz annahm und darauf die Damen der Reihe nach musterte.

"Nein, d i e Ehre und d a s Vergnügen!" sagte jetzt auch Madame Wundel, indem sie die hände zusammenschlug. "Hätte ich mir das doch nicht träumen lassen! Und wollen fräulein Terese die Gnade haben, meinen ganz ergebenen Glückwunsch anzunehmen, ebenfalls der Herr Armenpfleger nicht weniger, und wollen versichert sein, dass es mir das grösste Vergnügen macht, Sie auf Ihrer Brautvisite zu sehen. – Ein schönes Paar," sagte sie scheinbar leise zur Becker, doch so laut, dass man es allenfalls im Nebenzimmer gehört hätte.

Terese tat aber natürlich nicht dergleichen, vielmehr blickte sie die Wundel so unbefangen wie möglich an und versetzte: "Ja, wir machen unsere Brautvisiten und da wir zufällig im haus waren, ja auf demselben Stockwerke, so fand es mein Bräutigam für angemessen, auch Ihnen, Madame Wundel, die Sie ihm als eine stille christliche Frau bekannt sind, ebenfalls einen Besuch zu machen."

Der Armenpfleger spitzte seinen Mund wie eine Karpfe, liess die Augen einen Moment über den Tisch und das darauf befindliche Backwerck hingleiten und senkte sie dann auf seinen Hut hinab, wo er emsig die Firma des Fabrikanten studirte.

Madame Wundel hustete leicht und sprach: "Ah! fräulein Terese waren also schon im haus, schon auf demselben Stocke?"

"Allerdings," entgegnete diese, "und zwar bei meiner besten Freundin, Clara Staigerdie Sie ja wahrscheinlich kennen," fuhr sie nach