1854_Hacklnder_152_414.txt

dich. Graf Fohrbach ist einer der anständigsten jungen Leute der Stadt. Und die Scene, die du mit Artur hattest, ging bei der Becker vor sich? Was machte Herr Erichsen da?"

"Ich weiss es nicht," versetzte Clara. "Darüber habe ich dich schon fragen wollen. Was hat er wohl da zu tun gehabt?"

Terese zuckte die Achseln und erwiderte: "Die Becker ist ein schlimmes Weib und treibt ein für junge Mädchen sehr gefährliches Handwerk. Doch das verstehst du nicht ganz. Dass sie auch für den Herrn Grafen Fohrbach kleine Unterhandlungen zu führen hatte, weiss ich ganz genau. – Es wäre möglich," sagte sie nachdenkend, "dass sich der Graf wegen dirdu brauchst nicht zu erschreckenan die Becker gewendet. Ja, bei Gott! das wäre möglich, dass die ihm etwas vorgeschwindelt und Artur das erfahren. Das ist ein kleines Licht. – Und die Becker ist dir nie in den Weg getreten?" fragte sie nach einer Pause.

"O nein, bei uns war sie nie. Aber, halt einmal! Hier im haus ist sie doch einmal gewesen." "Und das ist schon lange?"

"Um Weihnachten, glaube ich. Da war sie hier nebenan bei der Frau Wundel, die dort mit ihren beiden Töchtern wohnt."

Terese blickte einen Augenblick in die Höhe, dann fragte sie: "Frau Wundelwer ist das?"

"Es ist eine sonderbare Familie," erwiderte Clara achselzuckend. "Was sie eigentlich treiben, weiss ich nicht, sie ist eine witwe, arm, und lebt wie ich glaube von Unterstützungen."

"Ah! da muss mein Bräutigam sie kennen," versetzte Terese eifrig und rief alsdann laut: "Berger, kennst du eine Familie Wundel?"

Der Gefragte wandte den Kopf herum, nickte und entgegnete: "O ja, ich kenne siesehr, sie muss hier in diesem haus wohnen."

"Was sind das für Leute?" forschte die Tänzerin weiter.

Herr Berger zuckte mit den Achseln, machte ein saures Gesicht und sagte: "Sogenannte verschämte Hausarme, aber unter uns bemerkt, nicht viel daran, haben jedoch Konnexionen, denen sie Unterstützungen aller Art zu erpressen wissen."

Terese warf ihrer Freundin einen bedeutsamen blick zu, dann fuhr sie fort: "Werden wir dieser Familie einen Besuch machen?"

"Es lag das durchaus nicht in meiner Absicht," gab der Bräutigam in bestimmtem Tone zur Antwort. "In dienstlicher Eigenschaft muss ich zuweilen hingehen, aber es ist mir das unangenehm genug."

"So gehe einmal in dienstlicher Eigenschaft hin," sagte das schöne Mädchen. Und als sie Herr Berger einigermassen erstaunt und fragend anblickte, fügte sie mit erhobenem kopf bei: "Ich wünsche das, mein Lieber. Nimm dir ein paar Gulden in die Hand und tue so, als habest du ihnen irgend eine Unterstützung zu bringen."

"Und du?" fragte Herr Berger misstrauisch.

"Nun, ich begleite dich," meinte Terese lachend. "Habe ich doch auch meine Freude am Wohltun."

Nach diesen Worten erhob sich der Bräutigam förmlich und steif, doch schien er ziemlich an Gehorsam gewöhnt zu sein, denn er versuchte keine weitere Widerrede. Er schüttelte dem Herrn Staiger freundlich die Hand, machte Clara eine tiefe Verbeugung und schritt zur tür hinaus, gefolgt von Terese, die ihre Freundin nochmals auf die Stirne küsste, wobei sie ihr sagte: "Noch ist vielleicht nicht Alles verloren, gute Clara, ich will deine Angelegenheit in die Hand nehmen."

– – Hätte die Familie Wundel eine Ahnung davon gehabt, mit welch' ungewöhnlichem Besuch sie die Aussicht hatte erfreut zu werden, so würde sie ihr Zimmer in andere Verfassung gebracht haben oder hätte ihre tür fest verschlossen gehalten, und das würdigste Mitglied derselben, Madame Wundel, hätte nicht auf so bereitwillige Art "Herein!" gerufen, als von draussen sehr bescheiden angeklopft wurde. Leider geschah dies zu der unglückseligen Stunde, als die brave witwe im Gefühl ihrer Dankbarkeit gegen Madame Becker diese zu einer guten Chokolade eingeladen hatte. Auf dem Tische dampfte eine angenehme Kanne dieses vortrefflichen Getränks rings umher Wohlgeruch verbreitend, daneben stand ein Teller mit prächtigem Backwerk, sanft gebräunter Gugelhopfen, welcher von oben durch den darauf gestreuten Zucker wie ein Schneegebirge aussah, auch freundlich glänzender Zwieback, sowie etwas Kräftigeres: Butterbrod mit einigem Fleischwerk. Der Ofen verbreitete eine behagliche Wärme, und ein Kesselchen mit warmem wasser, welches auf der Kohlenglut stand, und neben demselben am Boden eine Flasche Punschessenz, zeigten deutlich an, dass Madame Becker ihr Lieblingsgetränk der sanften Chokolade vorzog. Sie mochte auch schon mehrere Gläser davon zu sich genommen haben, denn ihre Wange war sanft gerötet, sie schluckte häufig ohne Ursache und ihr lachen war mehr ein Grinsen zu nennen, auch blickte sie still in das Punschglas hinein und summte die Melodie eines bekannten Liedes. Dabei befand sich die Frau in Trauer, doch gab ihr lachendes Gesicht einen starken Gegensatz zu der schwarzen Farbe ihrer Kleider. Neben ihr sass Madame Wundel bestens aufgeputzt und strahlte vor Wohlbehagen; sie schien soeben eine Tasse Chokolade geleert zu haben und schmatzte noch vergnügt mit den Lippen. Emilie war beschäftigt, den Gugelhopfen zu zerschneiden und nur die jüngere Tochter Louise schien am wenigsten Anteil an der Gesellschaft zu nehmen, denn sie sass auf einem stuhl an der unteren Seite des Tisches