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denn da noch weit zu treiben?" sprach Clara schmerzlich. "Wer weiss, warum er mir in den Weg tritt! Vielleicht, um seine Vorwürfe zu erneuern, wenn ich dieselben anhören wollte."

"Vielleicht auch tut ihm sein Betragen leid und er möchte dich um Verzeihung bitten."

Clara schüttelte den Kopf mit einem trüben Lächeln. "O nein," sagte sie, "er kam ja öfters hieher in unsere wohnung und weiss gewiss, dass ich ihm hier für ein offenes, ehrliches Wort gerne Rede stehen würde."

"Er wird sich scheuen; er weiss nicht, wie du ihn empfangen würdest. Du musst schon ein bischen nachgiebiger sein, mein Kind. Weisst du," fuhr Terese fort, indem sie ihren Shawl ordnete und denselben fest um ihre schlanke Taille zog, "es ist leider einmal so in der Welt, und wenn man noch so sehr in seinem Rechte ist, so muss man sich doch zuweilen beugen und schmiegen, und immer das Ziel im Auge behalten, das man am Ende erreichen will."

Clara presste die Hand auf ihr Herz und erwiderte: "Ach! Terese, glaube mir, ich habe kein anderes Ziel mehr vor Augen als das, welches uns allen gemeinschaftlich ist. O er hat mein Herz gebrochen; ich fühle das; und nur die grösste Wonne, die reinsten Freuden wären vielleicht im stand, es zu heilen. Aber dergleichen habe ich ja nicht mehr zu erwarten; hätte er mit mir über irgend etwas einen kleinen Streit angefangen, hätte er mich heftig wegen Fehler oder Unarten gezankt, ich wäre ihm dankbar dafür gewesen, aber er hat mir in kaltem Tone vorgeworfen, ich sei ein treuloses geschöpf, und dabei hat er mir Worte gesagt, so fürchterlich, dass ich sie nicht vergessen kann. Es ist mir, als ob sie irgend ein böser Geist beständig neben mir ausspräche, und Nachts werden sie zu Träumen und quälen mich entsetzlich. – O das ist unerträglich!" fuhr sie nach einer Pause fort, während welcher sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt hatte. "Ich sehe ihn immer und immer vor mir stehen, wie er, mich verwünschend, die hände gegen mich ausstreckte und wie er sagte: ich zerreisse dieses Band; hier vor der toten Marie sage ich mich feierlich von dir los. – Ah! entsetzlich!"

Terese hatte ihre Hand ergriffen, das arme Mädchen sanft an sich gezogen und drückte nun den Kopf derselben auf ihre Schulter nieder. Dabei küsste sie ihr innig das schwarze Haar und liess sie eine Weile so ruhen, ehe sie ihr leicht den Kopf wieder erhob, und sie alsdann auch herzlich auf die tränenden Augen küsste.

"O du bist wirklich gut," sagte Clara, "du hast ein braves, fühlendes Herz."

"Ich bin vielleicht nicht so schlimm, als man glaubt," entgegnete die schöne Tänzerin, und dabei zuckte ein wehmütiger Zug um ihren Mund. "Aber," setzte sie entschlossener bei, "keine Klagen, keinen Schmerz, liebe Clara! Für jetzt bin ich noch nicht da, um mit dir zu weinen; das kann später geschehen. Jetzt wollen wir einen Moment deine Angelegenheit ruhig in's Auge fassen, um zu ergründen, was da vorgefallen sein könnte. – Dass er die Sache nicht vom Zaune gebrochen hat, ist klar; weisst du, liebes Kind, wenn man sich mit einer Geliebten entzweien will, ohne Ursachen zu haben, bloss weil sie einem nicht mehr gefällt, so besorgt man das auf andere Art. Nein hier ist etwas vorgefallen."

"Aber ich habe nichts getan," sprach Clara erschrocken.

Auf das hin fasste Terese lächelnd ihre beiden hände, sah ihr in die Augen und erwiderte: "Das brauchst du mir nicht zu sagen, mein gutes geschöpf. Herr Artur ist sehr unerfahren, oder sehr dumm, dass er dich, mein Engel, mit deinem offenen Gesicht, und deinen klaren, ehrlichen Augen irgend etwas Schlimmen beschuldigen konnte. Es ist das rein unbegreiflich. Aber weiter Antworte mir ein bischen genau auf meine fragen: Hast du vielleicht in der letzten Zeit oder auch früher Jemand bemerkt, der sich für dich lebhaft interessirte, der dir nachgegangen wäre, der es versuchte, dich zu sprechen, dir Briefe oder auch vielleicht Blumen geschickt? Aber tue mir den Gefallen, liebes Kind, und genire dich nicht vor mir; ich muss Alles wissen."

Clara lächelte einen Augenblick unter ihren Tränen hervor und entgegnete: "Ach, es ist mir hart, über so etwas zu sprechen, aber ich weiss wohl, dass du es gut mit mir meinst. – Ja, es hat sich wohl Jemand, wie du es nennst, für mich interessirt, mir auch Blumen geschickt, sogar einmal ein Billet, doch habe ich es nicht angenommen."

"Das ist gleichviel. Und wer war das?" "Graf Fohrbach."

"Ah! der Adjutant Seiner Majestät," sagte Terese mit einem komischen Ausdrucke. "Nicht so übel! sieh! sich! Das ist ein Faden, an dem wir uns halten können. Und Artur kennt den Grafen?"

"O ja, sehr genau. Sollte der vielleicht über mich gesprochen haben?"

"Nichts Schlimmes, wenn du, wie du sagst, nichts mit ihm zu tun hattest. O du brauchst es nicht zu beteuern, ich kenne