"Das glaube ich wohl," entgegnete lächelnd Herr Staiger, "diese Riesen lassen sich auch nur sehen, wenn die Kinder über alle Beschreibung unartig sind. Und ich hoffe, so arg schlimm bist du doch nicht."
"O er ist schon schlimm genug," bemerkte die kleine Schwester, "denn er hat gestern meiner Puppe das linke Bein ausgerissen und hat ihr auch den Kopf abgeschlagen."
"Das ist aber sehr hässlich von dir, Karl," sprach Clara, "Jetzt hast du alle deine eigenen Sachen entzwei gemacht, und nun verdirbst du auch die von Marie!"
"Die Puppe war nicht mehr schön," erwiderte der Knabe, und wollte auch nicht Seiltanzen."
"Kannst denn du Seiltanzen?" fragte der Vater.
"O ja, wenn ich will, – aber ich will nicht. Und es ist auch nicht wahr, wenn Clara sagt, ich mache meine Spielsachen entzwei; das Schönste habe ich doch noch." Bei diesen Worten griff er in die tasche seiner Höschen und zog den Rest einer Mundharmonika hervor, auf welcher er auch sogleich zu blasen anfing und die kläglichsten Töne hervorbrachte. Glücklicherweise liebte er sehr das Piano, und wenn er einen Ton so lange anhielt, bis fast gar nichts mehr zu hören war, so blickte er zu gleicher Zeit wie in tiefe Gedanken versunken nachsinnend vor sich hin, als wolle er den Ton verfolgen, der sich scheinbar in weite, weite Fernen verlor. Plötzlich aber verstärkte er ihn, brach dann schrillend ab und sagte: "Clara, ich habe Hunger."
"Das ist man bei dir gewohnt," antwortete die ältere Schwester trübe lächelnd. "Du bist ein kleiner Fresser, der an nichts Anderes denkt. Jetzt sind es kaum ein paar Stunden, dass wir zu Mittag gegessen haben; wie kannst du schon wieder Hunger haben?"
"Weil ich keinen Kaffee mehr bekomme wie früher," erwiderte finster das Bübchen; "da hat man doch auch den Nachmittag was zu tun gehabt."
"Ich denke mir," meinte der Vater, "du hättest gern alle Stunden mit Essen und Trinken abgewechselt."
"Das hätte ich auch," entgegnete Karl, "und immer was Besseres."
"Und wenn du nun das Allerbeste gehabt hättest, was es gibt, dann –?"
"Dann –" wiederholte der Knabe, ohne zu verstehen, was der Vater eigentlich sagen wollte, denn von einem Kulminationspunkt hatte er noch keine idee.
"Dann wäre es dir ergangen wie den beiden Fischersleuten, die im Wassertopfe wohnten."
"Und den kostbaren Zauberfisch fingen," rief Marie.
"Ganz richtig," versetzte Herr Staiger, indem er seine Feder niederlegte und gedankenvoll an die Decke blickte. "Die wollten auch immer etwas Besseres, zuerst Geld, dann ein Haus, dann Fürst werden, dann König, und zuletzt Pabst. Das erhielten sie und wurden auch Alles nach und nach, als aber die Frau des Fischers endlich der liebe Gott selbst werden wollte – pumps dich! da hatten sie nichts mehr und mussten wieder in ihrem Wassertopfe wohnen und trockenes Brod essen. – Das ist ein verständiges Märchen," fuhr der alte Mann träumerisch fort, "und wir Alle haben etwas von den Fischersleuten in uns. Heute begnügen wir uns mit einer einfachen Mahlzeit, morgen ist uns die bessere nicht mehr gut genug, denn wir wünschen alsdann dazu auch ein stattliches Zimmer, endlich ein Haus und obendrein noch gar einen Titel."
"Ich glaube nicht, dass ich so wäre," sagte Clara. "O, ich hätte eine Grenze gewusst, bei der angekommen ich vollkommen glücklich und zufrieden gewesen wäre!"
Der alte Mann blickte seine Tochter bewegt an, dann entgegnete er: "Ich verstehe dich wohl, mein armes Kind, aber wenn auch damit für jetzt der Horizont deiner Wünsche abgeschlossen wäre, so glaube mir zu deinem Troste, dass, wenn du alles das erreicht hättest, doch die Zeit gekommen wäre, wo neue Wünsche dein Herz bewegt hätten."
Clara wollte etwas erwidern, doch wandte sie ihren Kopf plötzlich gegen die kammer vor dem Wohnzimmer, wo man deutlich vernahm, dass dort die tür geöffnet wurde und sich Schritte näherten. Darauf klopfte es ziemlich laut und vernehmlich, so dass sich die kleine Marie beeilte, "Herein!" zu rufen.
Die tür öffnete sich und es erschienen zwei Personen auf der Schwelle, eine Dame und ein Herr, von denen sich die Erstere lachend der Tänzerin näherte, und ehe diese aufstehen konnte, freundlich ihre hände ergriff. Es war Mademoiselle Terese, die lustig und strahlend hereintrat und sich augenblicklich auf den Stuhl niederliess, den ihr Herr Staiger hinstellte, ohne sich dabei viel um ihren Begleiter zu bekümmern, der, den Hut in der Hand, ziemlich schüchtern an der tür stehen geblieben war. Es war das ein Mann, vielleicht in den Vierzigen, ziemlich dürr, mit einem ernsten, eingefallenen gesicht, hoch emporgezogenen Augenbrauen und etwas herabhängender Unterlippe. Sein Haar war einfach zurückgekämmt, und da er hiebei den Kopf etwas geneigt trug, so gab ihm das ein demütiges Aussehen, welches noch unterstützt wurde durch die etwas gebeugte Haltung des Körpers und die verlegene Art, mit welcher er seinen Hut in beiden Händen so hielt, dass sich seine Blicke in denselben hinein, man möchte fast sagen: verkriechen konnten. Auf Momente erhob