hat Herr Blaffer nie leiden können, und wenn Herr Artur mit uns nicht zerfallen wäre, so hätte mir der Andere meine Arbeit vielleicht doch genommen." – So sagte er, dachte aber anders; er ahnte vielmehr einen Zusammenhang, ohne sich klar zu werden, worin dieser eigentlich bestehe. Ja, es gab Augenblicke, wo er Artur für schuldiger hielt, als dieser in der Tat war.
Leider machte sich die entzogene Arbeit und das hiedurch verminderte Einkommen nur zu bald in der Haushaltung der armen Leute fühlbar. Obendrein hatten sich die Ausgaben des Herrn Staiger wegen des kleinen Mädchens noch vermehrt, und dabei wollte er sich nicht dazu verstehen, für die Unterhaltung desselben das Geringste anzunehmen, obgleich Doktor Erichsen, der, wie wir wissen, zuweilen in das Haus gekommen, ihm das dringend angeboten hatte. "Das war früher nicht ausgemacht," hatte ihm der alte Mann geanwortet; "ich nahm das Kind gerne auf, weil es arm und hilflos in der Welt dastand; auch sind die Kosten für dasselbe ja nicht der Rede wert. Und dann," hatte er mit sehr gezwungenem Lächeln hinzugesetzt, "sind wir nicht so arm, als der Herr Doktor wohl glauben, und es ist uns wahrhaftig ein Vergnügen, auch etwas Gutes zu tun."
Eigentümlich war es, dass Clara das fremde Kind ausserordentlich lieb gewonnen hatte. Ihr war es wie ein Geschenk Arturs, und wenn sie so neben ihm sass, ihm sein Kleidchen geordnet oder seine Haare geglättet, so versank sie oft in Träumereien und dachte: "Ich erziehe mir hiemit einen lebendigen Zeugen meiner Unschuld. Das Kind wird grösser und älter werden, es wird fühlen und begreifen, wie ich Artur geliebt und noch liebe, denn ich habe ja keine Ursache, das hier vor den Meinigen zu verschweigen; es wird auch schon noch sehen, was hier bei uns geschieht, wie hier so gar nichts Heimliches und Unrechtes vorfällt, wird erkennen, dass ich ja nie im stand gewesen bin, treulos zu werden und wird dann – vielleicht wohl erst nach langen, langen Jahren," fügte sie mit trübem Lächeln bei, "im stand sein, ihm das alles zu sagen und ihm so die Augen zu öffnen – über das Unrecht, das er an mir begangen." –
Wohl hätte ihm Clara das alles selbst sagen können, denn wenn Artur seit jenem Vorfall auch nicht mehr in das Haus kam, so fühlte sie wohl, dass er ihren Weg zum Oefteren durchkreuzte. Wenn sie in den Teaterwagen stieg oder denselben an der tür ihres Hauses verliess, so begann ihr Herz heftiger zu schlagen, der Atem stockte ihr zuweilen plötzlich und sie vermied es alsdann, rechts oder links zu schauen. Sie wusste auch ganz genau, dass es nur des geringsten Zeichens von ihrer Seite bedürfe, nur ein Stehenbleiben, einen blick um sich her, um ihn augenblicklich heran zu ziehen. Doch das wollte sie gerade vermeiden. Sie war zu stolz, sie fühlte sich zu sehr verletzt, um nach dem, was er ihr Alles gesagt, eine Erörterung herbeizurufen, wenn sie eine solche auch zuweilen herbeiwünschte. Aber diesen Wunsch hatte sie nur, wenn sie allein war, wenn sie trotz des dunkeln Zimmers ihr Gesicht noch hinter ihren Händen verbarg, damit Niemand sehen möge, wie ihre Lippen schmerzlich zuckten, wie die Tränen unaufhaltsam aus ihren Augen herabflossen.
Die kleine Schwester Clara's war schon verständig genug, um weder diese noch den Vater zu befragen, warum sie ihr Leben so plötzlich geändert habe. Sie dachte sich, es müsse eine Ursache haben, dass namentlich die Küche des Hauses noch unendlich einfacher, als dies früher geschehen, besorgt wurde. Das Bübchen dagegen konnte dies gar nicht begreifen und verlangte fast jeden Tag Aufklärungen, warum denn beinahe gar kein Fleisch mehr käme, und immer Kartoffeln mit Suppe abwechselten. "Ihr seid alle sehr dumm," sagte es, "dass ihr es nicht besser haben wollt, und morgen verlange ich einen Kalbsbraten, übermorgen Kuchen und dann so fort."
Vater Staiger konnte seine Klagen in diesen Fällen nur beschwichtigen, wenn er ihm irgend ein Märchen erzählte. Er hatte jetzt leider auch recht viele Zeit zum Märchenerzählen, denn wenn er auch durch die Rekommandation eines alten Bekannten eine kleine Arbeit erhalten hatte, so war diese doch nicht der Art, dass sie seinen Geist in Anspruch nahm. Es waren nämlich ein paar Abschriften, die er zu befolgen hatte, und bei deren Anfertigung ihm volle Musse blieb, seinem kleinen Sohn auf alle möglichen fragen zu antworten.
Da die Jahreszeit schon vorgerückt und es nicht mehr so kalt war, so hatte Herr Staiger seinen Tisch näher an's Fenster gebracht und so konnte er auch Abends länger schreiben, ohne ein Licht anzünden zu müssen. Ihm gegenüber sass Clara mit einer Stickerei beschäftigt, eine Stickerei, die sie in besseren Tagen angefangen, und die sie nicht lassen konnte, langsam zu vollenden. Marie hatte sich des kleinen Kindes angenommen und zeigte ihm Bilder in einem grossen, halb zerrissenen buch – ein Amusement, welches das Bübchen durchaus nicht mehr befriedigte. "Das ist Alles dummes Zeug," sagte er mit grosser Bestimmteit, "und das brauche ich nicht mehr anzusehen, denn ich weiss es genau. Auch ist Alles nicht wahr, was in dem buch steht, und es gibt keine Riesen, die kleine Buben auffressen. Ich habe noch nie einen lebendigen gesehen."