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Seite. Bei dem Bübchen war dies Nachhausefahren das beste Linderungsmittel für den Schmerz um die kleine Schwester; er schaukelte sich in den weichen Kissen, lief mit den Pferden Trab, das heisst, in seinen Phantasten, und indem er seine Beine so schnell als möglich auf und ab bewegte, trommelte er zur Abwechslung auf die Fensterscheiben und verfiel endlich in ein langes und tiefes Nachsinnen, als dessen endliches Resultat er Terese fragte, wo sie den Wagen eigentlich her habe und ob sie seiner Schwester Clara nicht auch einen ähnlichen verschaffen könne.

Clara selbst hatte diese Frage überhört, denn sie dachte an allerlei, an verschiedene Leute, die auf dem Kirchhof waren, sowie an Andere, die sie nicht dagesehen, und als jetzt der Wagen bei einem gewissen grossen haus vorbei rolltees war ein sehr stattliches Gebäude, welches an der Spitze gotische Fenster und mehrere Balkons hatteda blickte sie errötend auf die Seite und seufzte tief auf.

Clara's Vater war inzwischen auf einem anderen Wege zur Stadt zurückgekehrt, und wenn er auch, je näher er an die Häuser kam, um so langsamer ging, so erreichte er dieselben doch am Ende, sowie auch das Ziel seines Ganges, obgleich er recht kleine Schritte, ja sogar wohl absichtlich einen Umweg gemacht; auch rechnete er unterwegs viel zusammen, wenigstens spreizte er im Dahingehen die Finger seiner linken Hand oftmals weiter von einander und fuhr mit dem Zeigefinger der rechten daran herum, worauf er nachdenkend zum Himmel aufblickte. Wir glauben aber nicht, dass das Resultat dieser Berechnungen für den alten Mann angenehm oder befriedigend ausfiel, denn so oft es beendigt zu sein schien, liess er seinen Kopf ein paar Linien tiefer zwischen die Schultern sinken und zog auch wohl ein rotgelbes Sacktuch aus der tasche, um damit über das Gesicht zu fahren.

Endlich bog er aus der engen in eine breitere Strasse ein und blieb vor einem haus stehen, neben dessen tür ein kleiner schwarzer Schild angebracht war, auf dem mit goldenen Buchstaben geschrieben stand: "Johann Christian Blaffer und Comp."

Da es uns, geneigter Leser, kraft einer gewissen Zaubermacht, verliehen ist, mit Leichtigkeit uns von einem Ort zum andern zu versetzen, ohne Treppen, Wege und dergleichen benützen zu müssen, ja sogar ganz verschlossene Türen für uns kein Hinderniss sind, so wollen wir uns in den ersten Stock des gedachten Hauses begeben, und unsichtbar in ein Zimmer an der Treppe eintreten, wo wir den Herrn des Hauses und des schwarzen Schildes, Johann Christian Blaffer, Verlagsbuchhändler, antreffen.

Zwölftes Kapitel.

Johann Christian Blaffer und Comp.

Der würdige Mann, der diese Firma repräsentirte, sass bei seinem Frühstückstisch und hatte eine Menge Druckpapiere aller Art: Zeitungen, Broschüren, Correcturbogen und dergleichen neben sich liegen; er stöberte emsig darin herum, hatte aber die Gewohnheit, alle paar Minuten über das Blatt, das er gerade in der Hand hatte, hinwegzusehen und einen blick in das Nebenzimmer, zu werfen, dessen tür halb geöffnet war; meistens blieb es aber nicht bei diesem Sehen, denn sehr häufig räusperte sich Herr Blaffer sehr laut, oder er spuckte auf die Seite und rief alsdann mit heiserem, schnarrendem Tone: "Herr Beil! – Herr Beil! – ich glaube nicht, dass ich Sie auf meinem Comptoir angestellt habe, um Decke und Wände zu betrachtet: Sie täten weit besser, Herr, wenn Sie sich um Ihr Buch bekümmerten, oder die Bestellzettel sortirten. Was Teufel haben Sie denn immer an die Decke zu schauen?"

"Es ist eine Art Naturwunder, Herr Blaffer, was meine Aufmerksamkeit zufällig in Anspruch nimmt," antwortete eine tiefe Bassstimme.

"Ich huste in Ihr Naturwunder!" rief entrüstet der Prinzipal, und führte das auch wirklich aus; nur bediente er sich des Spucknapfes dazu.

"Eine Fliege, Herr Blaffer," fuhr die Bassstimme fort, "im monat Dezember eine lustige Fliege; sie spazierte soeben an den Wänden und an der Decke umher. Es wäre mir von Wichtigkeit, zu ergründen, ob diese Fliege ein übrig gebliebener Familienvater vom vorigen Jahre oder ob sie ein zufällig neu geschaffenes geschöpf ist. Ich möchte eine Abhandlung darüber schreiben, vielleicht könnten wir sie selbst verlegen."

"Sie sind ein Narr!" entgegnete ärgerlich der Prinzipal, indem er emsig in einer Zeitung blätterte; in Wahrheit blickte er aber schärfer als je in das Nebenzimmer.

Es war dies das eigentliche Comptoir, ein Zimmer wie viele der Art, mit weiss getünchten Wänden, an welchen ein Posttarif und ein paar Landkarten hingen, mit einem eisernen Ofen, einem grossen doppelten, zweisitzigen Schreibpult und einem Bücherschrank, worin sich die Werke befanden, die Herr Blaffer verlegt oder von seinen Freunden zum Geschenk erhalten.

An dem Ende des Schreibpultes sass Herr Beil, ein Mann von einer merkwürdigen Persönlichkeit. Er war klein, engbrüstig, und sah bis zum Halse, von unten an gerechnet, etwas verwahrlost aus; aber auf diesem Halse, der ziemlich lang war, befand sich ein Kopf, der wohl zu dem tiefen Basse der stimme, aber durchaus nicht zum Körper des Mannes passte. Dieses lange Gesicht, die breite Stirne, dieses schwarze Hauptaar und der wohlgepflegte Husarenbart hätte einem sechsfüssigen Untergestell alle Ehre gemacht, während das Alles zusammen hier ziemlich lächerlich aussah. Herr Beil war dabei ärmlich gekleidet und schien durchaus keine Vorliebe für weisse Wäsche zu haben; unter dem alten blauen Ueberrocke sah man eine graue Weste, welche so