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sich der Sache so annimmt?"

"Der handelt auch nicht ganz aus eigenem Antriebe und noch weniger im Auftrage Artur's. Du weisst, welche grosse Stücke der Leibarzt des Königs auf deinen Sohn hält; nun, der hat ihn neulich wegen der geschichte vorgenommen."

"Ei sieh doch!" sagte erstaunt die Rätin. "Wenn der mit seinem ewigen Spott sich jener Demoiselle ernstlich annimmt, da möchte freilich etwas Absonderliches dahinter sein."

"Das habe ich mir auch gedacht," fuhr der alte Herr trocken fort, "aber ich kann dir sagen, Charlotte, dass der alte Leibarzt jenes Mädchen schätzt und liebt. Er hat sie am Todtenbette eines kleinen Schwesterchens von ihr kennen gelernt und sprach darüber wahrhaft entusiastisch. Das sei ein reiches und edles Herz, meint er, ein Gefühl, warm und rein, wie er selten welches gefunden, kurz ein geschöpf, über das man die hände wehklagend zum Himmel erheben möchte, dass die Verhältnisse es hinderten, glücklich zu sein und glücklich zu machen."

"Nun," versetzte die Rätin mit etwas schärferem Tone, "dazu könnte ja bei dem Leibarzte Rat werden; er hat ja selbst zwei Söhne; vielleicht liesse sich da 'was arrangiren."

Marianne warf ihrem Vater einen wahrhaft trostlosen blick zu und auch dieser zuckte die Achseln, Beide, wie sie glaubten, ungesehen von der Mama. Doch hatten deren graue Augen blitzschnell nach rechts und links geguckt, starrten aber jetzt wieder gerade vor sich hin, als sie sagte: "Es ist bedauerlich, dass meine Angehörigen, die mich umgeben, so leicht durch den äussern Schein zu bestimmen sind. Bei dieser Sache ist es wahrhaftig ein Glück, dass Artur so respektabel ist und sich meinen Wünschen, meinen vernünftigen Gründen ohne Weiteres fügt."

"Was mir eigentlich unbegreiflich ist," fuhr dem alten Herrn heraus, "denn wer das Mädchen einmal gesehen, versteht nicht, wie man es selbst dem Willen der Eltern zulieb so leicht aufgeben kann. Mir ist das, namentlich bei dem Charakter Arturs, gänzlich unverständlich."

Die Rätin sah lächelnd vor sich nieder.

"Aber Artur leidet ebenfalls sehr," meinte Marianne; "das sieht man ihm deutlich an. Er hat sich in letzter Zeit sehr verändert; glauben Sie mir, Mama, wenn er auch Ihren Befehlen folgt, so wird ihm sein Gehorsam Zeitlebens nachgehen, und wer weiss, ob er nicht später einmal bedauert, gehorsam gewesen zu sein!"

Die Rätin hatte leise auf ihre Briefe getrommelt, sich dann mit dem Schnupftuche die Stirne abgewischt und entgegnete nun nach einem ziemlich langen Stillschweigen: "Ja, Artur ist recht gehorsam gewesen, und es ist das, wie schon gesagt, sehr respektabel von ihm. Er vertraut seiner Mutter, von der er weiss, dass sie fest an ihren grundsätzen hängt, der leidenschaft nicht leicht Gehör gibt und vor allen Dingen selbst prüft, ehe sie einen einmal gefassten Beschluss zu ändern pflegt."

Die letzteren Worte waren mit einem ganz andern Ausdruck gesprochen worden, fast warm und gefühlvoll, so zwar, dass der Kommerzienrat seine Tochter erstaunt anblickte, worauf diese einen tiefen Atemzug tat, sich niederbückte und, während sie sanft die Hand auf den Arm ihrer Mutter legte, diese auf die Stirn küsste. Die Kommerzienrätin raffte ihre Briefschaften zusammen, erhob sich von dem Sopha, wobei sie lächelnd sagte: "Die Sitzung ist aufgehoben, aber ich will euch nicht verschweigen, dass es mir leichter um's Herz ist, als vor einer Stunde, wo ich mit diesen beiden Briefen in's Zimmer trat. Da war ringsum für mich Alles schwarz bezogen, jetzt hat sich's etwas aufgeklärt und es ist als schimmerte ein kleiner Lichtstrahl in mein Herz. – Komm, Marianne."

Damit gingen die beiden Damen fort, der Kommerzienrat blieb allein zurück und verhalf sich nachträglich noch zu einer Tasse wenn gleich schon ziemlich kalten Kaffees. Dabei aber schien er plötzlich guten Humors geworden zu sein und es war rührend und komisch zugleich, wie er nach genossenem Kaffee zum Zimmer hinaus tänzelte.

Zweiundachtzigstes Kapitel.

Die Familie Wundel.

Der Brief, den Herr Blaffer an jenem denkwürdigen Abend dem Herrn Staiger geschrieben hatte, war der Post übergeben worden und glücklich an seine Adresse gelangt. Der alte Mann hatte bedenklich den Kopf geschüttelt, nachdem er ihn gelesen, aus tiefster Brust dazu geseufzt und bei sich überlegt, ob er seine Tochter Clara davon in Kenntniss setzen solle oder nicht. Doch sah er wohl ein, dass sich ein solch trauriger Umschwung in ihren Verhältnissen vor der Tochter nicht lange würde verheimlichen lassen, denn leider kannte er für den Augenblick keine anderen Quellen, welche im stand gewesen wären, ihm die verkümmerte Einnahme zu ersetzen. Er lächelte, wenn er an all' die schönen Träume dachte, denen er sich in den letzten Wochen so leichtsinniger Weise hingegeben.

Clara las den Brief des Buchhändlers, ohne eine grosse Bewegung zu verraten, doch zitterte ihre Hand, als sie ihn wieder zusammenfaltete und dem Vater zurückgab. "Und was meinst du?" fragte sie mit tonloser stimme. "Sollte das wohl von ihm kommen?"

Herr Staiger hätte hierauf um Alles in der Welt kein Ja geantwortet; er fühlte wohl, dass das ein neuer Dolchstoss für das unglückliche Mädchen gewesen wäre. Er entgegnete also: "O nein, meine gute Clara; wer weiss, wie das zusammen hängt! Mich