1854_Hacklnder_152_408.txt

Wie steht Artur mit all den Leuten?" fuhr er nach einer Pause eifriger fort. "Vortrefflich! und selbst wenn er jenen sonderbaren Streich ausgeführt hätte –"

Die Rätin schaute ernst auf ihren Mann.

"Nun ja, ich sage, w e n n er ihn ausgeführt hätte, so hätte ihm das bei den vernünftigen Leuten da oben nicht den geringsten Schaden getan."

Der blick der Rätin wurde fragender.

"Weisst du, Charlotte, man kann über Alles sprechen. Die Sache ist, wie ich höre, vorüber. Nun gut, Artur erzählte mir neulich, dass ihm einer seiner Bekannten, Graf Fohrbach, Adjutant Seiner Majestät und Sohn Seiner Excellenz des Herrn Kriegsministers, der im Begriff steht, eine der Hofdamen Ihrer Majestät zu heiraten, das schöne fräulein von S. – eine alte Familiegesagt, Artur soll sich nur auf ihn, den Grafen verlassener wolleim Falledass Artur –" Hier stockte der Kommerzienrat, denn der blick seiner Frau war ausserordentlich scharf geworden.

"Und was denn?" fragte sie ungeduldig.

"Nun, sich verheiraten mit –"

"Nun denn, mit –?"

"Du weisst ja schon, Charlotte, mit jener Tänzerin. Man setzt ja nur den möglichen Fall, und in dem Falle würde sich die Gräfin Fohrbach ein Vergnügen daraus machen, die Madame Erichsen bei sich zu sehen."

Die Rätin schüttelte den Kopf und sagte in bestimmtem Tone: "Unmöglich!"

"natürlich, für deine treuen Freundinnen wäre so etwas unmöglich, namentlich für solche, die selbst mit einem verdächtigen Herkommen zu kämpfen haben und die von jeher des weitesten Mantels der christlichen Liebe bedurft, um ihre Blössen zu bedekken. Aber man spricht ja vergeblich darüber; die Sache ist vorbei."

"Der arme Artur!" seufzte Marianne.

"Artur ist eine noble Seele," fuhr der alte Herr mit einem Anflug von Rührung fort, "Artur ist selbstständig. Er konnte sagen: das ist einmal mein Glück und ich will glücklich sein."

"Und ungehorsam gegen seine Eltern," versetzte streng die Rätin.

"Allerdings, aber ich bin fest überzeugt, jenes arme Mädchensie hätte nichts gegen unsern Willen getan."

Hier lächelte die Rätin zum ersten Mal während der Unterredung, aber es war ein unangenehmes Lächeln, ein spöttisches Lächeln.

"Gewiss, Mama," sagte Marianne in festem Tone, "sie würde das nicht getan haben. Das Mädchen hat einen festen, herrlichen Charakter."

"Und wer hat euch das gesagt?" fragte misstrauisch die Rätin.

Vater und Tochter wechselten schnell einen blick, woraus Letztere fortfuhr: "Eduard sprach mit uns darüber; er kam zufällig als Arzt in das Haus."

"Wie sozufällig?" fragte noch immer argwöhnisch die Rätin.

"Ganz zufällig!" nahm Herr Erichsen das Wort. "Du erinnerst dich doch der geschichte mit dem kind, welches Eduard zu sich in's Haus nahm und das zu so schlimmem Gerede Veranlassung gab. Nun, man kann den armen Wurm doch nicht auf die Strasse werfen und da erbot sich denn Artur, es in jene Familie zu tun."

Die Rätin trommelte leise auf den Tisch und sagte dann: "Das sind saubere Geschichten. Nun, sie werden Herrn Artur schön empfangen haben!"

"Sehr schön," erwiderte ernst Marianne; "liebevoll nahmen sie das verwaiste Kind auf, obgleich sie selbst nicht viel haben, und Mamsell Clara behandelte es ganz wie ihre eigenen Geschwister. – So sagte nämlich Eduard," setzte sie hastig hinzu, als sie bemerkte, dass ihr die Mutter einer sonderbaren blick zuwarf.

"Und Eduard sieht öfters nach dem Kind," fuhr der Kommerzienrat fort, "aber in letzter Zeit auch nach ihr selbernach der Tänzerin nämlich. Und er meint, das Mädchen leide furchtbar, und er hat mir neulich unwillig gesagtja, ich kann es dir nicht verschweigen, Charlotte, wenn gleichauch dein Unmut –" Hier schien sich der Fluss seiner Rede vor dem strengen Angesicht seiner Gattin abermals im Sand verlaufen zu wollen. Doch munterte ihn ein blick Mariannens auf und er fuhr mutig fort: "Eduard sagt also, es seieine Schande, dass man ein so liebliches und gutes geschöpf so unglücklich und langsam dahin welken sehen müsse."

Die grauen Augen der Rätin schauten bald den alten Herrn, bald Marianne an; doch war der blick derselben nicht mehr ganz so scharf und kalt wie bisher. Auch wurde der Husten immer auflösender, undwenn man sich so ausdrücken darftrommelten ihre Finger nicht mehr in Dur, sondern in Moll. Nach einer Pause sprach sie jedoch: "Ihr schmiedet da ein artiges Komplott gegen mich; Artur wird euch sehr dankbar dafür sein."

"Ich habe gedacht," erwiderte Marianne, "dass Sie so sprechen würden, Mama. Aber bei Allem, was mir und Ihnen heilig ist, schwöre ich Ihnen zu, dass Artur mit uns nie über diesen Gegenstand geredet, Ja er vermeidet es, die Sache zu berühren, und gab mir schon einige Mal zur Antwort: Lass das ruhen, es ist vorüber."

"Das ist brav von Artur," meinte die Rätin mit sanfterer stimme, "dass er so den Willen seiner Mutter respektirt. – Aber was will denn Eduard, dass er