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grossen Banken, ob mein Schwiegersohn einmal einen dummen Streich der Art gemacht hat! Nicht so viel!" Dabei hatte er den Mut, über seine Handfläche zu blasen. "Und meine Wechsel sind gesucht wie keine andern."

Jetzt endlich sprach die Rätin; zuvor aber hustete sie leicht, dann sagte sie: "Was dein geschäftliches Leben anbelangt, so magst du vielleicht Recht haben, in unser gesellschaftliches dagegen hat diese geschichte einen schweren Riss getan. Und das kommt daher, weil unser Haus von jeher voranleuchtend war, was Sitte und Anstand anbelangt, eine glatte, glänzende, polirte Fläche, und desshalb sieht man auf ihr jedes Stäubchen."

"Und dieser Riss in gesellschaftlicher Beziehung," lachte krampfhaft der alte Herr, "macht dich so bodenlos unglücklich? Es könnte zum lachen sein, wenn es nicht zum Weinen wäre, – einer Gesellschaft, die, um mich deines Bildes zu bedienen, auf der glatten, polirten Fläche das geringste Stäubchen entdeckt und nun sich Mühe gibt, dieselbe mit dem Essig der bösen Reden und dem Scheidewasser der Verleumdung total mit Rost zu überziehen. Und hat man das nicht getan?" fuhr er hitziger fort. "Ist man bei dem stehen geblieben, was man, leider Gottes! von den unseligen Geschichten unseres Hauses erfahren? Hat man nicht versucht, uns Allen etwas aufzubringen? Mit Artur anzufangen, der freilich nur ein Maler ist und bei dem es schon leicht wurde, einen Haken zu finden; aber auch über deine arme Tochter Marianne hat man die Achseln gezuckt; in den Kaffeeklatschgefellschaften ist dies arme sanfte Weib als eine Xantippe hingestellt worden, die ihrem mann das Leben verleidet und ihn so zu dem Skandal getrieben. O diese Gesellschaft!" rief er abermals und fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft umher. "Hat sie vielleicht meinen Dokter geschont, diesen braven Kerl, der nie ein wasser getrübt? Haben sie ihm nicht nachgesagt, er sei eine liederliche Pflanze? – Ja, ja," fuhr er fort, als er bemerkte, wie ihn Marianne erstaunt anblickte, "Eduard hat ein paar arme Familien zu seinen Kunden, deren Kinder er zu Weihnachten mit Spielwaren beschenkt; das hat man sich achselzuckend und hohnlachend in der gehässigsten Weise mitgeteilt. Aber weiter! O ich sehe so ein gallsichtiges Gesicht vor mir, so eine person, wie sie die Achseln zuckt und sagt: wissen Sie, Frau Hofrätin, natürlich so ein Arzt, der hat alle gelegenheit; aber zu bunt soll er es doch getrieben haben, der Herr Doktor Erichsen. – Hol sie Alle der –! Und haben sie dich," wandte er sich im vollsprudelnden Strom seiner Rede an die Rätin, "haben sie dich im Frieden gelassen, mein Schatz? Gott bewahre! Du warst die Mutter dieser sauberen Familie und es ist dir lange gelungen, alle diese Unanständigkeiten zuzudecken." Hier schöpfte er tief Atem, setzte seine beiden arme in die Seite und fuhr dann nach einer Pause fort: "Aber Eins hat mich amusirt, dass sie nämlich über mich gesagt, ich sei nicht so schlimm, sei von jeher ein lustiger, alter Herr gewesen und wenigstens kein Heuchler."

"Aber um Gotteswillen! Papa, woher weisst du alle diese schrecklichen Geschichten? Das kann dir doch Niemand in's Gesicht gesagt haben."

"Freilich hat man mir's in's Gesicht gesagt, aber weisst du, darin hat man eine eigene Manier; es kommt so eine schleichende Canaille, nicht um dir zu sagen: Herr Kommerzienrat, Der und Der hat das über Sie gesagt; fassen Sie ihn! O nein! sondern er spricht mit niedergeschlagenen Augen von der verderbten Welt, von der Sucht, Jeden zu verleumden, sieht dich dabei achselzuckend an, seufzt, kurz, geberdet sich so auffallend, dass du deutlich siehst, er habe was auf dem Herzen. Du fragst ihn; er lässt dich lange bitten. Endlich misst er dir das Gift tropfenweise zu, indem er spricht: man sagt so allerlei, man will das und das wissen, man glaubt dies, man glaubt das, und schlägt dir so eine Ohrfeige nach der andern hin mit lauter 'Man's', die ungreifbar sind. – Gott soll mich bewahren, sagt er auf dein Drängen, dass ich Personen nenne, ich will in keine Geschichten hinein kommen; aber dass man allgemein spricht, was ich Ihnen vorhin erzählt, das können Sie mir auf mein Wort glauben. So geht er fort, nachdem er dir einen Dolch in's Herz gestossen; und an der Ecke schaut er sich um, ob du noch nicht wankest oder hinfallest. – Und wegen solchem volk sollen wir uns grämen?" fragte er schliesslich mit einem Tone so entschieden, wie man ihn eigentlich nicht an dem alten Herrn gewöhnt war. "Ich nicht!"

Die Kommerzienrätin hatte aufmerksam zugehört, obgleich sie sich ihrem gesicht nach ebenso gut mit etwas ganz Anderem hätte beschäftigen können. Sie hustete leicht und erwiderte: "Es ist das wahr, was du eben gesprochen."

"Nun, Gott sei gelobt, dass du es endlich einsiehst!"

"Hat mir doch die wasser," fuhr die Rätin fort, ohne auf die Worte ihres Gemahls zu achten, "gerade in Betreff Eduards einen wahrhaft impertinenten Brief geschrieben."

"Du hast da überhaupt schöne Korrespondenzen," schaltete der alte Herr händereibend ein