Atemzug, dann sagte er: "Ah! also Herr Baron von Brand! – Nun gut, – das Uebrige wird sich finden." Darauf setzte er sich wieder zur Spielpartie nieder, doch zitterten die Karten auffallend in seiner Hand.
Der Baron zog sich lächelnd zurück, als er aber das Zimmer verlassen hatte, wurden seine Züge furchtbar ernst und er murmelte: "Das wäre in Ordnung! Eine grässlichere Strafe kann sich Niemand selbst vorschreiben." –
Graf Fohrbach hatte unterdessen nach den bewussten Achselschnüren gespäht, und – o Wonne! – wie der Baron vorhergesagt, flatterten jetzt weisse von den Schultern des schönen Mädchens herab. Eugenie hatte den ersten freien Augenblick benützt, um die verhassten Farben von sich zu werfen. Wie glänzten die Blikke des jungen Mannes, und wie verschwand bei diesen Blicken die Blässe von ihren Wangen! Und da er als geschickter Offizier natürlicherweise gut zu manövriren wusste, so gelang es ihm, die junge Stallmeisterin von dem übrigen Gefolge abzuschneiden und sie in einem halbdunkeln Durchgange zu treffen, wo er es wagen durfte, ihr feierlich die Hand zu küssen. Eugenie aber flüsterte ihm mit einem leichten Erröten zu: "Meine Schleifen haben das grösste Recht, weiss zu sein; denn ich hoffe, dass unser Leben nun klar vor uns liegt. Mit der Frau Herzogin sprach ich vor dem Balle, sie hat nichts gegen unsere Verbindung einzuwenden."
"Also bist du mein!" jauchzte der überglückliche Adjutant. Und wenn nicht in diesem Augenblicke ein dicker Hoffourier, gefolgt von mehreren Lakaien, an dem Durchgange erschienen wäre, so hätte er das erschreckte Mädchen in seine arme gedrückt.
Ehe der Baron von Brand den Saal verliess, zeigte er sich nochmals bei der Präsidentin und ihrer Tochter, und nahm die zärtlichen Vorwürfe, die er hier erhielt, ruhig in Empfang; doch besänftigte er die Damen dadurch, dass er sich noch ein paarmal rechts und links präsentiren liess. Obgleich er aber jede Gratulation nur mit einer Verbeugung erwiderte, so war für Alle sein verhältnis zur Tochter des Präsidenten doch eine ausgemachte Sache, und der Baron von Brand wurde förmlich als Bräutigam betrachtet.
Einundachtzigstes Kapitel.
Gesellschaftliches.
Wieder einmal war es Nachmittags zwei Uhr längst vorüber, und wieder einmal stand das Kaffeegeschirr auf dem Tisch, an dem die Kommerzienrätin sass, gänzlich unberührt. Wenn dies vorkam, so konnte man es als ein untrügliches Zeichen ansehen, dass irgend eine Störung vorgefallen war. Aus den leblosen Gegenständen des Hauses liess sich auf diese Art eher etwas erraten, als aus der lebenden Hauptperson – der Kommerzienrätin selbst. Denn diese sass in ihrer Sophaecke starr und aufrecht wie immer, mit unbeweglichen Gesichtszügen und für jeden Uneingeweihten war durchaus keine Aufregung, von welcher Art auch immer, an ihr zu merken. Wer sie aber genauer kannte, der sah wohl, dass sie die Augen häufig schloss und öffnete, auch abwechselnd mit ihrem gewöhnlichen Husten zuweilen heftig schluckte. Mit der rechten Hand hielt sie, wie sie immer zu tun pflegte, ihr Schnupftuch, die Linke bedeckte einige Papiere, die vor ihr auf dem Tisch lagen.
Marianne stand am Fenster, den Kopf gesenkt, die hände gefaltet und ihre Blicke waren auf den Boden geheftet. Der Kommerzienrat zeigte im Gegensatz zu den Damen mehr Leben. Er hatte die hände unter seine Frackschösse gesteckt und brachte die rechte gelegentlich vor, um mit derselben in der Luft umher zu fahren, seine Reden bekräftigend und begleitend. Ueberhaupt sprach er heute energischer als sonst, hütete sich aber wohlweislich, dabei seine Frau anzusehen, denn er wusste wohl, dass einer jener scharfen Blicke aus den grauen Augen ihn leicht aus der Fassung zu bringen im stand war; er wandte sich daher auch nur an Marianne, selbst wenn er etwas sagte, was nur an die Kommerzienrätin gerichtet sein konnte.
"Summa Summarum denn," sprach er mit grosser
Entschiedenheit, "versteht ihr die Sachen nicht und könnt euch nicht denken, wie lähmend es für alle Geschäfte ist, eine Hand entbehren zu müssen und einen Kopf, der schon seit Jahren Alles überwachte, und, wenn auch allerdings unter meiner Leitung, fast das Ganze besorgte. Glaubt mir nur, ein solcher Teilnehmer eines Geschäfts, wie Alfons, war wie ein Generalhauptbuch, man brauchte nur irgendwo anzuklopfen und man hatte augenblicklich die Antwort. Das fehlt mir," fuhr er achselzuckend fort; "ich werde auch alt, kann mich an so Manches nicht mehr erinnern, wesshalb Vieles nur so so besorgt wird; mit Einem Wort, darunter leidet der Kredit des Hauses."
Die Rätin warf ihrem Mann einen bedeutsam fra
genden blick zu, da er ihn aber nicht sah, so hustete sie auffallend, was er verstand und desshalb augenblicklich hinzusetzte:
"Natürlicherweise meine ich bloss den Kredit, den die Geschäftsführung bedingt, das pünktliche und augenblickliche Besorgen aller Aufträge, welches sonst bei uns Mode war und worein wir unsern Stolz setzten. – Mögt ihr es nehmen, wie ihr es wollt: ich habe schon zweimal an Alfons geschrieben und ihn ersucht, zurück zu kommen. – Ah! man vernachlässigt eine immense Firma wie die unsrige nicht wegen solcher Bagatellen."
Die Rätin trommelte leise auf dem Papiere unter ihrer Hand und Marianne fragte schmerzlich: "Bagatellen, Papa? Das sind aber doch eigentlich keine Bagatellen."
"Nun, nun, ich meine in geschäftlicher Beziehung," verbesserte sich der alte Herr, "habe ich da Unrecht? Was Teufel genirt es die