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schloss angehörtso versank er doch jetzt, vor den spielenden Flammen sitzend, momentan in tiefe Gedanken, aus denen ihn Herr von Steinfeld nicht weckte, da er mehr Zeuge als Selbstandelnder war, ebensowenig der Baron, der die arme über einander geschlagen hatte und angelegentlich die Tapete betrachtete, die jetzt fast schwarz erschien, und gleich darauf, wenn die Flamme aus dem Holzstosse stärker emporloderte, wie glühend rot angestrahlt wurde. Dieser hatte so seine eigenen Gedanken, – wilde schreckliche Gedanken, wie vor ein paar Stunden in dem Garten der Polizeidirektion; nur war jetzt mehr klarheit hineingekommen, er wusste, was er wollte, und nachdem er noch eine Weile schwer mit sich gekämpft, sah er es deutlich vor sich, das Ende seines vielbewegten, seltsamen Lebens. Er fuhr aus seinen Träumereien empor und wandte sich mit den Worten an die beiden Herren: "Sie wollten mir Mitteilungen machen? -Erlauben Sie mir, dass ich das Wort ergreife, und wenn ich zu Ende bin, werden Sie wohl eingestehen, dass ich vielleicht die meisten Ihrer fragen ohne sie zu kennen beantwortet." – –

Achtzigstes Kapitel.

Gnade und Ungnade.

Der Chef des Polizeidepartementser war wie die meisten alten Herren im schwarzen Frack, über dessen rücken etwas wie eine schwarzseidene Schürze flatterte, einen Domino vorstellendbedauerte unendlich, dass die berühmte geschichte mit der Diebsbande nicht schon vor ein paar Monaten eclatrirt war, wegen der sehr leeren linken Seite seines Frackes im traurigen Gegensatz zu den andern Departementschefs, die bei den grossen Gelegenheiten wie ein wandelndes Stück Firmament aussahen. Er war sich aber seiner Wichtigkeit, namentlich im gegenwärtigen Augenblicke, vollkommen bewusst, und seine Nase, nachdem er sie gehätschelt und sanft geklopft, erhielt die Freiheit, hoch über "Veränderlich" auf "Schön Wetter" zu steigen, um als getreuer Barometer dem Publikum anzuzeigen, dass ihr Herr ausserordentlich mit sich zufrieden sei.

So war er durch die Zimmer stolzirt, und wenn es auch sonst nicht gerade zu seinen Gewohnheiten gehörte, sich vorzudrängen, so tat er doch heute Abend etwas dergleichen und wandelte zu dem Zweck den inneren Appartements zu, wo der allerhöchste Hof seinen kleinen Cercle hielt, wo man unter einander plauderte oder mit Vertrauten sprach. Man mochte hier im Allgemeinen den Präsidenten wohl leiden. Die Herren schätzten ihn, weil selbst der geordnetste Mann wohl einmal in den Fall kommen konnte, von seiner mächtigen Hilfe Gebrauch machen zu müssen, und die Damen, weil er ein kleines Original war, pikante Geschichten zu erzählen wusste und während des Winters ein paar recht hübsche Bälle gab.

Der Hof war gruppirt, wie es sich von selbst versteht: die glänzenden Sonnen waren von den leuchtenden Planeten umgeben, diese wieder umtanzt von den Monden, denen sie ihr Licht verliehen, und umringt von dem zahllosen Heer des gemeinen Gestirnes. Zuweilen schoss auch ein Komet durch den strahlenden Kranz in Gestalt eines bescheidenen Assessors oder unternehmenden Lieutenants, ein schüchterner Komet, der nun aus Alteration, sich in den höchsten Cirkel verirrt zu haben, ohne sich aufzuhalten, bis an's Ende sämmtlicher Säle sauste und sich erst da, wo ihn Niemand mehr bemerkte, erschreckt umwandte.

Der Präsident betrat diesen Salon, gewiss nicht in der Absicht, dort zu bleiben, sondern nur um hier durch in den gelben Saal zu einer Partie Whist zu gelangen. Er hätte freilich auch noch einen andern Weg dortin nehmen können, aber die kleinen Strahlen höchster Gunst, die bei solchen Gelegenheiten selten verfehlten, ihn zu beglücken, taten seinem alten Herzen so wohl. Die Frau Herzogin besonders war ihm ziemlich gewogen und ermangelte nie einen huldreichen Spass mit ihm zu machen; ja, Ihre Majestät hatten, am Whisttische sitzend, schon die ausserordentliche Gnade gehabt, ihm einen blick in Höchstihre Karten zu gestatten, und selbst Seine Majestät bemerkten ihren Chef der Polizei nicht ungern und hatten immer etwas Angenehmes für ihn in Bereitschaft, war es nur ein spasshaftes Wort oder eine huldreiche Handbewegung. Der Präsident verliess den allerhöchsten Kreis nie, ohne solchergestalt reichlich bedacht worden zu sein.

So empfänglich für alles Gute, betrat er auch heute diesen Saal und zufällig durch eine tür, welche ihn vis à vis Ihrer Majestät brachte, die ihn einen Augenblick fixirten, die Augen zusammen zogen, und sich dann, ohne die tiefe Verbeugung des Chefs der Polizei zu bemerken, nach der andern Seite wandten, wobei Ihre Majestät zu der Frau Herzogin sagten, dass sich die neue blaue Seidentapete doch vortrefflich ausnähme. Der Präsident, etwas erstaunt, tänzelte zierlich bei den Herrschaften vorbei, und als er in den Gesichtskreis der Frau Herzogin trat, brachte er auch hier pflichtmässig seine Verbeugung gegen Hochdieselbe an. Diese wandte sich nun gerade nicht herum, doch dankte sie mit einer Neigung des Kopfes so kalt, so steif und förmlich, dass der Präsident unwillkürlich hinter sich schielte, ob sich dort nicht zufällig ein neu erschaffener Kammerherr zeige oder die Frau eines alten Beamten von sehr jungem Adel, denen dieser Gruss gegolten. Aber hinter ihm war nichts als ein grosser Spiegel, der seine eigene Gestalt und sein bestürztes Gesicht wie neckend zurückwarf.

Dass der Präsident nicht falsch gesehen, bemerkte er als Mann, der den Hof kannte, an den Gesichtern der Cavaliere, durch welche er hindurch schritt, und von denen die meisten sonst für ihn voll Aufmerksamkeit waren. Heute erging es ihm wie dem Herrn von Dankwart, denn wenn er rechts und links seine hände ausgestreckt hätte, wäre Niemand da