mit bedeutendem Stolze betrachtet wurde.
Die junge Tänzerin selbst ging mit ihrem Vater; hinter ihnen folgten die Colleginnen, die, sowie ein Paar Tänzer des Teaters mit dem würdigen Schwindelmann, es sich nicht hatten nehmen lassen, die kleine Leiche zu begleiten. Natürlicher Weise schritt Mademoiselle Terese in erster Reihe; sie trug ein schwarzes Atlaskleid, sehr zierliche Schuhe, einen violetten Sammtut, und das Gesicht mit einem dichten Schleier bedeckt. In ähnlicher Toilette, soviel wie möglich Trauer ausdrückend, befanden sich die übrigen Tänzerinnen; alle hatten in ihren Händen Blumenbouquets, teils wirklich blühende, teils künstlich gemachte.
Die beiden Züge kamen fast zu gleicher Zeit an den betreffenden Stellen an, und von dem Glanz und der Pracht, mit der die verstorbene Stiftsdame zur Erde bestattet wurde, ging ein guter teil auf das Begräbniss der kleinen Anna über. – "Und ohne dass es nur einen Kreuzer kostete," – meinte Schwindelmann.
Drüben am grab stand einer der ersten Geistlichen, und ein Musikchor unterstützte seine Bemühungen, die Umstehenden in eine recht traurige Stimmung zu versetzen; sie bliesen einen Choral, und einzelne Akkorde derselben hörte man deutlich auch am anderen Ende des Kirchhofs. Ja, die Musik klang dort viel sanfter und angenehmer, und dann vernahm man vor allen Dingen nicht das hässliche Echo der Kirchhofmauer, welche jeden lauten Ton hart und ohne Rücksicht auf den Takt zurückwarf.
Als die Musik geendigt, wurden die Beiden zu gleicher Zeit in ihre Ruhestätte hinabgelassen, und jetzt müssen wir gestehen, dass hier bei der kleinen Anna weit mehr tränende Augen der in dem dunkeln Schooss der Erde Verschwindenden nachschauten, und dass hier alle die kleinen hände der Tänzerinnen zitterten, als sie eine Hand voll Erde hinab warfen, ja sich dieselben weit bewegter fühlten, als es drüben bei den Herrschaften der Fall war, wo Einer nach dem Anderen, aber Alle in der Reihenfolge ihres Ranges, hervortrat, sich offiziell die Augen wischte, und mit tiefer Trauer die Schaufel ergriff, um der Dahingeschiedenen eine letzte Ehre zu erweisen; dann betete der Pfarrer dort leise das herkömmliche Gebet, hier aber Clara mit lauter stimme, was ihr gerade ihr Herz eingab, und als sie sagte: "lebe wohl, mein Schwesterchen, es lag nicht in unserer Macht, dich zu retten, obgleich wir Alles an dir nach unseren Kräften getan. Auch du musstest sterben, so klein, so lieb und so unschuldig; doch ist es weit besser so: du hättest ein elendes Leben geführt voll Kummer, Not und Entbehrungen!" – als sie das gesagt und ihre Tränen flossen, da weinte ihr Vater, der alte Mann, ebenfalls vor sich hin, und das Bübchen, welches dies bemerkte und zu gleicher Zeit sah, dass nun die kleine Schwester völlig mit Erde bedeckt war, fing an ganz trostlos zu werden und erhob ein gewaltiges Klagegeschrei. Die umstehenden Tänzerinnen, die bei den Worten Clara's Manches denken mochten, blickten dem Arbeiter aufmerksam zu, wie er nun das kleine Grab ebnete, und Manche hatte, in tiefe Gedanken versunken und her Tränen nicht achtend, die von ihren Wangen herab flossen, die hände auf einem nebenstehenden nassen Grabstein gefaltet und schien nicht daran zu denken, dass sie ihre neuen Glacéhandschuhe verderbe.
Drüben, wo der Pfarrer eben seine Rede begonnen, war Alles stille wie in einer Kirche; nur hie und da hörte man ein unterdrücktes Husten und Räuspern. – – Da auch fast kein Windhauch die Luft des unermesslichen glänzenden Himmelsgewölbes bewegte, ertönten die Worte des Geistlichen laut und klar, und drangen weit in die Ferne.
Hier bei dem anderen grab hörte man wohl die einzelnen Töne, doch ohne den Zusammenhang zu verstehen, man vernahm nur zuweilen Worte und Ausrufungen, die aber trotzdem recht gut für die kleine Leiche passten. Es klang herüber von der Liebe Gottes für alle seine Geschöpfe, reich und arm, von einem freudigen Wiedersehen, von einer Vergeltung jenseits nach den guten Taten hier auf Erden, und nach dem, was man hier geduldet und gelitten. – – Amen! Dieses letzte Wort klang lauter als alle übrigen, und dann vernahm man das Geräusch einer Menge, die sich zum Weggehen anschickte, lautes Husten, Stimmengemurmel, Fusstritte auf dem breiten harten Wege, endlich das Rollen von Wagen, in denen sich Jeder eilfertig nach haus begab. – Die anderen Leidtragenden im Winkel des Kirchhofes – es waren ihrer auch viel weniger – reichten der armen Clara die Hand, sagten ihr ein paar freundliche Worte und schlichen darauf, nachdem sie ihre Blumen in das frische Grab gesteckt, leise davon. Von den Männern blieb Schwindelmann allein zurück, um die Blumen zu ordnen, die man ihm darreichte; es war eine recht hübsche Menge, und die künstlich gemachten, die am längsten aushielten, rangirte er an dem Kopfende. Endlich war auch dieses Geschäft besorgt, und schickten sich die Letzten an, miteinander fortzugehen. Das war Clara, ihr alter Vater, die beiden kleinen Kinder und Terese. Letztere hatte draussen einen Wagen und liess es sich nicht nehmen, ihre Freundin nach haus zu begleiten.
Der alte Mann verliess die Kinder am Tor des Kirchhofes, denn er musste in der schon gestern besprochenen Angelegenheit einen gang zu seinem Buchhändler tun. Schwindelmann hatte Dienstgeschäfte und empfahl sich mit einem Händedruck von Clara, worauf er in seinem gewöhnlichen kurzen Trabe in die Stadt zurückkehrte.
Demoiselle Terese hob die Kinder in den Wagen, liess Clara einsteigen und setzte sich an ihre