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"Ich habe im grund nichts dagegen," sagte lachend eine stimme aus dem Wagen.

Zwei Andere erwiderten: "Ich auch nicht, wenn sie sich behelfen will."

Und eine Vierte rief: "Ich weiss was Neues: die Clara hat ein verhältnis mit dem Schwindelmann; die wird protegirt," – ein schlechter Witz, über den aber alle Fünf in Ermangelung eines bessern laut hinaus lachten.

Unterdessen schlug Schwindelmann brummend und murrend den Schlag zu, und der Wagen rollte durch ein paar Strassen, um endlich vor einem alten, aber ziemlich grossen haus zu halten. Dies Gebäude mit hohem, spitzem und ausgezacktem Giebeldach hatte vier Stockwerke, rechnete man aber die Wohnungen in benanntem hohem Giebel dazu, sechs Etagen, in welchen jedoch wenigstens fünfzehn Familien wohnten. Abends, wenn die Fenster beleuchtet waren, sah dies Haus aus wie eine Kaserne oder eine Fabrik, hatte auch sonst mit diesen beiden einige Aehnlichkeit, denn hier hörte man ein ewiges Summen und Rauschen, und den ganzen Tag lief Gross und Klein geschäftig die alten, ausgetretenen Treppen auf und ab.

Schwindelmann sprang von seinem Tritt herab, zog an einer Glocke, die aussen angebracht war, und kaum ertönte der Klang, als sich auch schon oben hoch im Giebelfelde ein Fenster öffnete und eine schwache, zitternde stimme herabrief: "Gleich, gleichsie kommt schon."

"Sie wird sich wieder recht abhetzen," sagte nachdenkend Schwindelmann, worauf die Fünf in dem Wagen ein abermaliges Gelächter erhoben, welches ihnen aber von dem Teaterdiener die Bemerkung eintrug, dass sie sammt und sonders keine Schwäne seien.

Jetzt öffnete sich die Haustüre und zwei Gestalten wurden sichtbar, eine grössere und eine kleinere. Die grössere war Clara, die kleinere ihre sechsjährige Schwester, die ein Paketchen unter dem Arm hatte, während die Tänzerin selbst ein grösseres trug, das auch Schwindelmann sogleich mit ausserordentlicher Sorgfalt abnahm.

"Hast du die Näherei?" fragte Clara darauf ihre kleine Schwester. "Gib sie her, mein Herz, und geh' hinauf, es ist kalt." Darauf beugte sie sich zu dem kind nieder, nahm das Paketchen aus ihrer kleinen Hand und strich ihr leicht über das Haar, ehe sie in den Wagen stieg.

Schwindelmann drückte den Schlag zu und sagte zu dem Kutscher: "In's Teater!" worauf der Wagen davonrasselte.

Clara hatte sich leicht in eine Ecke gedrückt und sprach mit einer ruhigen und sanften stimme: "Ich kann in der Dunkelheit nicht sehen, wer von euch da ist, ich sage euch aber insgesammt guten Abend, und es tut mir wahrhaftig leid, dass i h r meinetwegen so eng zusammenrücken müsst."

"O, wir sind das schon gewöhnt," entgegnete die Tänzerin ihr gegenüber. Und eine Andere versetzte: "Wenn du nur nicht immer so furchtbar viel Gepäck mitbrächtest. Was tust du denn heute wieder mit den zwei Paketen?"

"In dem grossen sind meine Tanzröcke," erwiderte schüchtern das Mädchen, "und in dem kleinen – – ja, darin habe ich eine Arbeit."

"Eine Arbeit?" lachte eine stimme aus der andern Ecke. "Bei deinem Fleisse musst du am Ende noch reich werden."

Clara antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, und da der Wagen, der bis jetzt auf einer chaussirten Strasse gefahren war, das Pflaster erreichte, so wurde die Conversation plötzlich abgeschnitten. Wenige Minuten nachher fuhr Andreas bei einem grossen Gebäude vor und hielt dicht an einer erleuchteten Treppe.

Das Aussteigen ging wie das Einsteigen vor sich, nur in umgekehrter Ordnung; zuerst empfing Schwindelmann die Pakete und Körbe, dann half er den Eigentümerinnen aussteigen. Clara, die zuletzt kam, wurde auch hier von dem Teaterdiener wieder einigermassen begünstigt. "Da Sie zwei Pakete haben," sprach Schwindelmann, "so will ich Ihnen eins hinauftragen." Hierauf schloss er den Wagen, sagte dem Kutscher, er müsse um neun Uhr wieder kommen und erstieg hinter den Tänzerinnen die Treppen.

Zweites Kapitel.

Schwarze und rote Schleifen.

Wenige unserer geneigten Leserinnen werden schon in einer Teatergarderobe gewesen sein. Von den Lesern gar nicht zu reden; denn für sie sind die Ankleidezimmer, namentlich die des Ballets, vor, während und nach einer Vorstellung vollkommen verschlossene und unzugängliche Orte, wir wollen nicht sagen ein verbotenes Paradies, obgleich sich auch hier wie dort ein Hüter befindet: vor der Balletgarderobe freilich nicht mit flammendem Schwerte, wohl aber mit grossem Stock, angehörend einem alten invaliden Portier von ziemlich mürrischem Gemüte, und auf die Privilegien der Teaterankleidezimmer eifersüchtig wachend wie ein alter Türke. An ihm scheitert alle Bestechung, und nur wir vermögen es vermittelst der Macht, die uns verliehen, den geneigten Leser unsichtbar einzuschwärzen.

Diese Balletgarderobe besteht aus drei ineinandergehenden grossen Zimmern; in jedem befinden sich mehrere Ankleidespiegel, rechts und links mit Armleuchtern versehen, die aus der Wand heraustreten und aus welchen Gasflammen brennen. Diese Armleuchter sind zum Drehen eingerichtet, um dem Spiegelglas eine grössere oder kleinere Helle zu verleihen; an den Wänden dieser Zimmer befinden sich kleine, weiss angestrichene Kästen, die wie eben soviele Kommoden aussehen, nur dass sie statt der Schubladen Doppeltüren haben. Jedes dieser Schränkchen ist mit dem Namen der Tänzerin versehen, der es angehört, und hier verwahrt sie die notwendigen Gegenstände zum täglichen Gebrauch, die sie nicht jedesmal mit nach haus nehmen will. Es ist das wie der feldkriegsmässig verpackte Tornister eines guten Soldaten, und entält alle