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dieses s p ä t e r – o es kam vielleicht nie, denn der Baron fühlte schmerzlich, dass der Zeiger seiner Lebensuhr eine Stunde anzeigte, so spät, dass mit dem Schlage derselben die Uhr gänzlich abgelaufen sein mochte! Und dochwenn es irgend möglich war, sollte dem Herzog nichts geschenkt sein. Unter diesen Gedanken durchschritt er den Saal, stolz, mit hoch erhobenem kopf, die erstaunten Blicke zurückgebend, die sich gegen ihn richteten. Es musste etwas Eigentümliches in seiner Erscheinung liegen, denn wo er vorbei kam, bewegten sich flüsternd die Lippen gegen den Nachbar, und selbst Eugenie erhob ihren blick und heftete die dunkeln, schwermütigen Augen eine Sekunde lang fest auf ihn. Vor Etwas bangte übrigens dem Baron: vor dem Anblick des jungen Grafen Fohrbach, den er lieb gewonnen und der auch ihm stets mit gleicher Freundlichkeit entgegen gekommen war. Wahrhaftig, ihn reute die geschichte mit den Achselbändern und er hätte Gott weiss was darum gegeben, wenn er sie hätte ungeschehen machen können. – Ach, wie so Vieles! – Dort stand der Graf in einem sehr geschmackvollen Anzuge von violettem Sammet mit Silberstickerei; dort stand er, und als er jetzt den Baron erblickte, schien etwas Furchtbares in seinem Herzen vorzugehen. Seine hände ballten sich zusammen, sein Auge flammte einen Moment, dann aber spiegelte sich etwas wie Bestürzung und Schrekken in demselben. Dass diese Aufregung des jungen Mannes ihm gelte, fühlte der Baron wohl, doch war sie ihm unerklärlich, denn erstens erkannte er ihn gewiss nicht und dann konnte er ja auch keine Ahnung davon haben, dass er, der Baron Brand, bei jener geschichte mit Eugenie und dem Herzog die Hand im Spiele habe. Dass aber Graf Fohrbach bei seinem Anblick auf's Höchste erschreckt geschienen, ja, dass sein Auge zornig gefunkelt, war nicht zu leugnen; hatte er doch deutlich dessen Bewegung gesehen, als wenn er vorstürzen wolle, und hatte bemerkt, dass ihn der alte Leibarzt ironisch lachend bei dem Arm ergriff und zurückzog. Auch folgte er ihm mit den Blicken, und als der Baron schon das Ende des Tronsaales erreicht hatte und nochmals rückwärts schaute, sah er, wie ihm der Graf noch immer mit vorgestrecktem Halse und starren Augen nachblickte.

Die Polonaise ging bald darauf zu Ende, der Baron brachte seine Tänzerin nach mühsamem Umhersuchen endlich glücklich zu ihrer Mutter und wollte sich nun so schnell als möglich zurückziehen. Doch liess ihn die Präsidentin nicht so wohlfeilen Kaufes davon; er musste sich den Polizeirat vorstellen lassen und die kluge Frau benützte hiezu den Augenblick, als er gerade Arm in Arm mit der Tochter vor sie hintrat. Es war diese Vorstellung gewissermassen eine Lehre für den Polizeirat, denn vor einem Jahre hatte man ihm zu verstehen gegeben, dass eine Verbindung mit dem haus des Präsidenten, für ihn, der von sehr guter Familie war, vielleicht nicht unerreichbar sei. Er hatte aber bereits eine törichte Liebe in seinem Herzen und zu wenig Weltklugheit, um einer künftigen Carrière selbst ein so kleines Opfer zu bringen.

Der Baron hatte übrigens nachgerade an der Komödie genug, in die er sich so leichtsinnig hinein gewagt, und blickte rings auf das Gewühl, um eine Direktion zu finden, bei welcher er sich am leichtesten zurückziehen könne. Doch sagte ihm die Präsidentin: "Sehen Sie, wie ich alterirt bin, Baron. Haben Sie denn schon von der unglückseligen geschichte mit der Baronin v. W. gehört? Gerechter Gott! man hat es mir schon von mehreren Seiten gesagt und denkt, ich, als Frau des Präsidenten, müsse darum wissen; hatte aber keine Ahnung davon. Mein Mann spricht niemals über so etwas. Haben Sie es denn gewusst?"

Baron Brand zuckte mit den Achseln und entgegnete: "Ich erfuhr es ebenfalls vorhin. Das ist freilich eine traurige geschichte. Und man weiss nichts Näheres?"

"Man sagt dies und das; Gott, wenn nur der Präsident käme! Wer weiss, wo der Mann wieder am Spieltische sitzt! Ich sollte doch eigentlich den Leuten gegenüber etwas Genaueres wissen."

Der Polizeirat, der sich vorhin zurückgezogen, näherte sich jetzt eilig wieder und sagte: "Der Herr Herzog sucht den Herrn Polizeipräsidenten. Dort kommen Seine Durchlaucht."

Nach diesen Worten trat er mit einem tiefen Bückling zurück, um dem Herzoge Platz zu machen, der nun zu der Gruppe trat, sich vor Mutter und Tochter etwas verneigte und den ihm Fremden, der neben der Tochter stand, von der Seite anblickte. Der Baron, der an der Präsentation von vorhin genug hatte, wandte sich an den Herzog und sagte ihm lächelnd: "Gnädigster Herr, ich erlaube mir, Ihnen einen guten Abend zu wünschen."

"Ah! die stimme sollte ich kennen," erwiderte der Herzog, wobei er den Andern forschend betrachtete. "Wären Sie es wirklich, Baron Brand?"

"In eigener person; Coeur de rose! ich muss mir wahrhaftig auf meine Vermummung etwas einbilden."

"Ich mache Ihnen mein Kompliment," entgegnete Seine Durchlaucht; "suchte Sie auch schon eine gute Weile, Sie und den Herrn Polizeipräsidenten. Wissen Sie, ich kann Sie nun einmal von dem Departement nicht trennen. – Gnädige Frau," wandte er sich an die Präsidentin, "Sie müssen diesem gefährlichen Menschen den Zutritt in Ihr Haus nicht so sehr erleichtern."

Die Mutter lächelte sanft und erwiderte: "Es gibt Verhältnisse, Euer Durchlaucht,