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, sich an's Ende derselben anschliessen mussteim Falle er nämlich nicht zu den Bevorzugten gehörtekonnte lange warten, bis er die Treppen erreichte. Zu diesen Bevorzugten gehörte der Wagen des Polizeipräsidenten, der, von einem der Kürassiere begleitet, sogleich an den Eingang gelangte. Beide Damen und Herren stiegen aus, und als sie das Vestibul erreicht hatten, wo sich in der Nähe des Tanzsaals die grossen Garderoben befanden, drangen ihnen schon die rauschenden Klänge einer Polonaise entgegen.

"Geschwind, geschwind!" rief die Präsidentin, "die Polonaise beginnt, man darf das nicht versäumen, wenn man einen Ueberblick über das Ganze erhalten will."

Der Baron, welcher gehofft hatte, sogleich beim Eintritt in den Saal verschwinden zu können, sah sich genötigt, der Tochter seinen Arm zu geben, während die Mutter von einem schon lange auf diesen wichtigen Moment harrenden jüngern Polizeirat gekapert und in die Reihe weggeführt wurde. Der Präsident fasste ängstlich seine Nase und war schon im nächsten Augenblicke in den Strudel der Masken hineingerissen.

Ein gewöhnlicher Maskenball ist von einem solchen bei hof wenig verschieden. Hier sind nur die Räume prächtiger, die Beleuchtung glänzender, der Eingeladenen mehr und dabei in den einzelnen Sälen, wo sich Alles zusammendrängt, eine unerträgliche Hitze, ein fabelhafter Staub und ein Gemisch von Parfums der verschiedensten Art. Im Uebrigen gleicht ein Maskenball dem andern auf's Haar. Hier wie dort sieht man prächtige Kostüme, geschmackvolle Anzüge, neben andern, die recht übel gewählt, ja mitunter sehr fade erscheinen. Auch die Konversation bleibt sich im Ganzen ziemlich gleich. Geistreiche Bemerkungen wechseln ab mit den dummsten Phrasen, und das bekannte: "Maske, ich kenne dich!" ist ebenso hier wie dort, nur hier gewöhnlich in's Französische übersetzt, zu haus.

Einen Vorzug haben übrigens die gewöhnlichen Bälle, dass sich nämlich sämmtliche Anwesende gleichförmig über das ganze Lokal verteilen, wogegen hier die Säle und Zimmer, in denen sich gerade die allerhöchsten Herrschaften aufhalten, förmlich belagert sind, von einer Menschenmasse besetzt, die Kopf an Kopf steht, in der Jeder sich vordrängt, um gleich darauf wieder sanft zurückgedrückt zu werden, wo Jeder den Hals so lang als möglich emporstreckt und das süsseste Lächeln auf seinem gesicht hervorruft, um gleich gerüstet zu sein, sobald ein gnädiger blick herüberdringt.

Die Polonaise bewegte sich durch das ganze Apartement in einer fast endlosen Linie und hatte zuletzt den kleinen Tronsaal zu passiren, wo sich der allerhöchste Hof befand und auf diese Art alle anwesenden Masken Revue passiren liess. Die Musik spielte ein so langsames Tempo, dass man nur so dahin zu schlendern brauchte, wodurch es auch den Herrschaften möglich war, sich jeden Einzelnen genau zu betrachten, und Diesen oder Jenen mit einem gnädigen Worte zu beglücken.

Vergeblich hatte der Baron Brand den Versuch gemacht, die junge Dame, welche er führte, zu überreden, mit ihm in eins der leereren Zimmer zu treten, um, wie er sagte, die langweilige Polonaise mit süssem Geplauder zu vertauschen; – es war ihm unangenehm, ja ihm bangte ordentlich davor, durch den Tronsaal zu gehen. Auguste dagegen hätte um Vieles ihren Platz nicht verlassen. Sie hörte gern das Flüstern um sich her und vernahm es mit Stolz, wenn man sich über ihren seltsam, aber elegant kostümirten Begleiter in allerlei Mutmassungen erging. Der Baron musste vorwärts und da es nun einmal nicht zu ändern war, so hob er den Kopf leicht empor und schritt dahin, als sei ihm Alles daran gelegen, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen.

Der ganze Hof war versammelt; Ihre Majestät im geschmackvollen Kostüme einer reichen Burgfrau sass da, von Ihrem ritterlichen Gefolge umgeben. Aus diesem hervor machten sich besonders vier schöne Stallmeisterinnen bemerkbar, welche sie zunächst umstanden. Eine derselben war Eugenie v. S., und sobald der Baron den Saal betrat, konnte er es begreiflicherweise nicht unterlassen, mit seinem scharfen Auge sogleich dieses reizende Mädchen aufzusuchen. Da stand sie, die prächtige, schlanke Gestalt, zunächst am Sessel Ihrer Majestät, auf dessen Lehne sie eine Hand aufgestützt hatte. Sie trug das eng anliegende dunkelblaue Reitkleid, welches ihre schönen Körperformen wunderbar hervorhob. – Wesshalb es ihn schmerzlich berührte, wusste der Baron selbst nicht, aber als er von ihrer Schulter die bekannten Achselbänder in Blau, Grün mit Silber herabflattern sah, verursachte ihm das ein widriges Gefühl. Dazu war das Gesicht des schönen Mädchens von einer erschrecklichen Blässe und ihre Augen waren gerötet, als habe sie geweint; ja zuweilen zuckten ihre bleichen Lippen und es war, als müsse sie sich alle Gewalt antun, um ihre Tränen zurückzuhalten. – Wo aber war der Herzog? – Richtig, dort stand er hinter ihr und hatte dieselben Farben, welche Eugenie trug, an seinem Anzuge nicht gespart. Zuweilen beugte er sich angelegentlich und auffallend zu ihr hinüber und flüsterte ihr lächelnd einige Worte zu, welche sie ja nicht unfreundlich erwidern durfte. Doch sah das Lächeln, welches alsdann über ihr Gesicht flog, so eisig, ja unheimlich aus, dass es dem Baron ordentlich davor graute. Er verwünschte den Dienst, den er dem Herzog geleistet, und hätte sich vielleicht noch grössere Vorwürfe darüber gemacht, wenn seine Gedanken heute Abend nicht mit Wichtigerem beschäftigt gewesen wären. – Warum hatte er dem Herzog dergleichen Dienste geleistet? Um ihn seinerseits ebenfalls gebrauchen zu können und eine innige Verbindung mit ihm anzuknüpfen, die ihm später vielleicht von Nutzen sein konnte. Und