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an den Karneval und fing sie desshalb sanft wieder ein. Seine Ueberraschung verminderte sich übrigens nicht, als nun die Präsidentin den jungen Fremden als Bräutigam der Tochter vorstellte. Glücklicherweise aber sprach Auguste den Namen aus, worauf ein momentanes Lächeln die etwas bekümmerten Züge des Präsidenten überflog; er war aber klug genug, die Sache vorderhand als Scherz zu behandeln, mit dem aufrichtigen Wunsche im Hintergrunde, dass sie sich recht bald in Ernst verkehren möge, denn er wünschte sich einen vornehmen und reichen Schwiegersohn. Aufmerksam betrachtete er den Baron, dann sagte er: "Sie haben da ein eigentümliches Kostüm; liegt demselben eine idee zu grund?"

"Eine besondere nicht," entgegnete scheinbar sehr lustig der junge Mann. "Es ist eine Phantasie, eine Grille."

"Ein eleganter Räuber," bemerkte stolz die Präsidentin.

"So etwas schwebte mir auch vor," erwiderte der Baron laut lachend. "Und ich dachte dadurch unserem verehrten Herrn Präsidenten eine kleine Aufmerksamkeit zu erzeigen. Wie man in der Stadt hört, sind Sie ja mitten in Räubergeschichten darin und soll man merkwürdigen Sachen auf die Spur gekommen sein."

Der Präsident klopfte an seine Nase und versetzte mit grosser Wichtigkeit: "Allerdings; aber wir müssen klug vorgehen, denn wir haben es mit der Quintessenz von Schelmen und Schlauheit zu tun. Ich leite selbst die ganze geschichte."

"Die armen Räuber!" sagte der Baron sehr schmeichelhaft für den Chef der Polizei.

"Aber, Kinder, es ist Zeit," sprach der Präsident. "Gleich neun Uhr; der Wagen ist vorgefahrenBaron, wo haben Sie den Ihrigen?"

"Ah! Herr Präsident," entgegnete dieser lachend, "ich wollte Ihre Damen überraschen und zu solchem Zwecke fährt man nicht im Wagen."

"Der Baron hat einen Platz bei uns acceptirt," sagte bestimmt die Mutter. Sie hätte um keinen Preis den Räuber, künftigen Schwiegersohn und Baron aus der Hand gelassen.

Er selbst hatte keinen andern Ausweg und musste unter mehreren Uebeln das Kleinste wählen. Seine vier Verfolger trieben sich sicherlich in der Nähe der Polizeidirektion herum, wahrscheinlich war das ganze Stadtviertel von ihnen besetzt. Also die einzige Möglichkeit, zu entrinnen, war, wenn er unter dem mächtigen Schutze des Präsidenten selbst das Haus verliess und so an's andere Ende der Stadt, in's Schloss, kam. Hier wurde es ihm leicht, im Gedränge zu verschwinden, den Wagen eines Bekannten zu finden und nach haus zu fahren, um sich umzukleiden.

Der Bediente meldete, dass vorgefahren sei, die Damen hüllten sich in ihre Mäntel, und der Baron rief mit sehr gut gespielter Ueberraschung: "Ah! jetzt beginnt schon die Strafe für meinen Leichtsinn. Ich vergass, mir einen Paletot bringen zu lassen; sehen Sie, gnädige Frau, so muss ich Sie dennoch verlassen und zuerst nach haus eilen." Mit leiser stimme setzte er, gegen das Mädchen gewendet hinzu: "Ich fühlte keine Kälte, als ich hieher eilte, meine geliebte Auguste."

"Das ist kein Grund, Baron," entgegnete die Mutter. "Ich darf Ihnen einen Mantel meines Mannes anbieten."

"Ja, Baron, wenn Sie mit einem Dienstmantel vorlieb nehmen wollen," sagte lächelnd der Präsident. "Wir alten Herren sind nicht so mit Ueberflüssigem versehen, wie ihr jungen Leute."

Natürlicherweise bat der Baron noch einige Mal, sich nicht zu derangiren, liess sich aber doch endlich zu dem Dienstmantel herbei, der ihm denn auch eilig von dem Bedienten umgehängt wurde. Es war ein langgedientes Kleidungsstück von braunem Tuch mit hellblauem Kragenganz Ordonnanz.

So stieg man die Treppen hinab, bei der Wachtstube vorbei, an deren tür einige Polizeisoldaten standen, welche ziemlich betrübte und verdriessliche Gesichter machten. Nachdem der Schlag des Wagens geschlossen war, sagte der Bediente zu dem Kutscher: "Nach dem schloss!" und als die Pferde anzogen, tat der Baron von Brand einen tiefen Atemzug.

Neunundsiebenzigstes Kapitel.

Maskenball bei Hof.

An einem Abend wie der heutige glänzte das königliche Schloss innen und aussen von Lichtern. Da brannten alle Gaskandelaber rings umher und umgaben die gewaltigen Gebäudemassen mit einem hellen, weissen, blitzenden Kranz; der grosse Platz vor dem Schloss, ja die angrenzenden Strassen waren mit Pechpfannen besetzt, deren dunkelrote Glut wild und trotzig gegen die zierlichen Gasflammen erschien. Die lodernden Flammen warfen einen hellen Schein auf den weiten Platz, wo eine unzählige Menge von Irrlichtern ihr Wesen zu treiben schienen. Das waren die Laternen der vielen Wagen, die von allen Richtungen her kamen, sich kreuzten, hier geradeaus fuhren, dort einen Bogen beschrieben. Eine grosse Menschenmenge umlagerte den Haupteingang des Schlosses, um von den anfahrenden Masken so viel zu sehen, als die neidischen Verhüllungen, Mäntel, Shawls, Paletots erlaubten. Neugierig drängten sich diese Zuschauer vor und wagten sich oftmals so dicht heran, dass die aufgestellten Posten, Kürassiere hoch zu Ross, kaum im stand waren, die Eingänge frei zu halten, denn wenn auch Alles vor dem stampfenden Pferde oder sobald man nur den strahlenden Kürass und die glänzende Pallaschklinge erblickte, augenblicklich zurückwich, so drängten doch die Hinteren immer wieder vor, und es war hier eine fortwährende lebendige Ebbe und Flut.

Dies hinderte übrigens die Wagen nicht, wenn gleich im langsamsten Tempo, anzufahren und sich ihres Inhalts zu entledigen. Freilich war die Reihe sehr lang; wer daher spät vom haus weggefahren