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umwandern mussten.

Dies Gespräch hatte die Gedanken des Verfolgten unterbrochen und zwang ihn, alsbald auf seine Rettung zu denken. Was sollte er tun? Das einzige Mittel, zu entkommen, schien ihm, durch den langen Garten in das Haus des Polizei-Präsidenten zu gehen, denn abgesehen von der hohen Mauer, die zu beiden Seiten hinlief, war es ihm heute Abend zu gefährlich, sich der Nachbarschaft anzuvertrauen. Aber wie sollte er aus dem haus des Polizei-Präsidenten auf die Strasse gelangen? Er musste da an der Wachtstube vorbei, die sich im Erdgeschoss befand, und wäre dort einem unangenehmen, gefährlichen Verhöre nicht entgangen. Der Himmel war wolkenlos, ein heller Streifen, der sich im Osten langsam ausbreitete, zeigte den Aufgang des Mondes an; die Luft war kalt, ein scharfer Wind sauste durch die dürren Zweige der Bäume, der Boden war hart gefroren. Glücklicherweise sprachen die beiden Polizeidiener draussen so laut, dass es dem Flüchtling möglich war, sich während ihrer Unterredung langsam aus dem Pavillon zu entfernen. Einmal aus ihrer Hörweite, beschleunigte er seinen Schritt und erreichte den gepflasterten Hof, welcher an die hintere Seite des Hauses stiess. Die Wagenremise war geöffnet, beim Schein einer Laterne spannte der Kutscher seine Pferde ein und unterhielt sich mit einem der Soldaten, welche zur Wache des Hauses gehörten. "Und so eine geschichte dauert lang?" fragte der Soldat. – "Heute Abend wenigstens bis zwei Uhr," versetzte der Kutscher. "Ich sage dir, so ein Maskenball bei Hof, der lässt nicht mit sich spassen."

Er, der in diesem Augenblicke mit geräuschlosen Schritten über den Hof ging, hatte bei all' dem Schrecklichen, was er erlebt, die täglichen Angelegenheiten vollkommen vergessen. Als der Kutscher von dem Maskenballe bei Hof sprach, erinnerte er sich des heutigen Abends, und eine kecke, wenn gleich gefahrvolle idee zu seiner Rettung blitzte in seinem kopf auf. Es war das ein Gedanke, den er seiner Seltsamkeit wegen augenblicklich festielt und auszuführen beschloss. Er zog seine Uhr, und nachdem er einen blick darauf geworfen, murmelte er: "Erst Acht; die Zeit könnte nicht besser sein." Jetzt hatte er das Haus erreicht, jetzt die breite Treppe, die in den ersten Stock führte, zur wohnung des Polizei-Präsidenten. Auf derselben war Alles hell erleuchtet, und beim Schein des glänzenden Gaslichtes untersuchte er mit prüfendem Auge den Zustand seiner Toilette. Dank dem festgefrornen Boden war an den glänzenden Reitstiefeln kein Stäubchen zu sehen, ebenso untadelhaft war sein enganliegendes Beinkleid; nur die Blouse von dunkelblauem Wollenstoffe hatte sich bei dem scharfen Laufen etwas verschoben. Doch war dem leicht abzuhelfen. Er zog den ledernen Gürtel, den er um den Leib trug, fester an, das Oberkleid herab, brachte seine Halsbinde, so gut sich das ohne Spiegel tun liess, in Ordnung, und somit war sein Anzug bis auf das Haar wieder hergestellt. Das musste schon sorgfältiger behandelt werden, doch gab es auch hiefür ein leichtes Auskunftsmittel. Der junge Mann wusste in dem haus genau Bescheid, er stieg festen Fusses die Treppe hinauf und trat oben, statt nach dem Empfangszimmer zu gehen, in einen kleinen Korridor, öffnete dort eine tür und wollte eintreten.

Hier befand sich ein junges Mädchen, das bei dem Anblick der fremden Gestalt, die so plötzlich auf der Schwelle erschien, laut aufschrie und flüchten wollte. "Bleiben Sie ruhig, Louise," sagte der Eintretende lachend. "Ah! bei Gott! meine Maske ist gut, da sogar Sie mich nicht erkennen."

Das Wort "Maske" schien die Kammerjungfer, welche in den letzten Tagen viel von dergleichen gehört, einigermassen zu beruhigen. Doch hielt sie immer noch die Klinke zur tür des Nebenzimmers in der Hand, als sie entgegnete: "Ja, die Maske ist so gut, dass ich den Träger derselben nicht zu erkennen vermag. Und wenn er sich nicht augenblicklich nennt, so werde ich Lärm machen."

"Coeur de rose!" lachte der junge Mann. "Wie sind Sie heute Abend so wild! So will ich mich denn also nennen, und mich zu gleicher Zeit noch besser in Ihrem Gedächtnisse auffrischen." Bei diesen Worten hatte er die Hand unter die Blouse gesteckt, sie wieder hervorgezogen, und als er darauf dem erstaunten Mädchen ein paar Dukaten in die Hand gleiten liess, sagte er flüsternd: "Baron Brand wünscht die Frau Präsidentin zu überraschen, vorher aber einen Augenblick Ihre schöne Gebieterin zu sehen."

Die Kammerjungfer war wie umgewandelt. "Sie sind aber in der Tat ein gefährlicher Herr," sprach sie lachend. "Habe ich doch in meinem ganzen Leben nicht gesehen, dass Jemand eine andere Figur so täuschend darstellen könnte! fräulein Auguste ist fertig; ich werde Sie melden."

Damit verschwand das Mädchen, um gleich darauf zurückzukehren und dem Wartenden zu sagen, dass sein Besuch willkommen sei. Ehe der Baron übrigens das Zimmer verliess, brachte er vor dem kleinen Spiegel desselben seine Haare sowie seinen Bart in Ordnung, und als er darauf den uns bekannten Salon betrat, erschien die Tochter des Präsidenten zu gleicher Zeit von der andern Seite, doch blieb sie beim Anblick der fremdartigen, seltsamen Gestalt zögernd auf der Schwelle stehen, und erst, als sich ihr der Baron in seiner eleganten und liebenswürdigen Weise näherte, ihre Hand ergriff, sie feurig küsste und dazu wie mit einem Anflug von Empfindlichkeit sagte