vorn, den sie verfolgten, musste doch am Ende lebend in ihre hände fallen. Nachlassen wollte Keiner und jetzt am allerwenigsten, wo die Häscher deutlich sahen, dass der Flüchtling da vorn seinen Lauf nicht mehr so rasch fortsetzte wie bisher. Ja, er schien ungewiss zu sein, welchen Weg er nehmen sollte. Er schaute um sich, gewiss in der Absicht, den Ort zu erkennen, wo er sich befände. – Stand er dort nicht stille? Ja, er hatte sich an die Mauer gelehnt, gewiss konnte er nicht weiter und wollte sich ergeben. Mit erneuerter Kraft, das Ende ihres Laufes vor sich sehend, stürzten die Polizeibeamten vorwärts. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht, wo sich Jener befand. Schon streckte der Vorderste den Arm nach ihm aus, als er sah, dass der Flüchtling verschwunden war, an einer Mauer verschwunden war, viel zu hoch, um darüber hinwegspringen zu können, aber in der Nähe eines Gartenpavillons, den sie jedoch bei näherer Untersuchung fest verschlossen fanden, und welcher obendrein zu dem Garten des Polizeipräsidenten gehörte.
Achtundsiebenzigstes Kapitel.
Auf der Polizeidirektion.
Während die vier Polizei-Beamten ganz ermattet und sehr verblüfft vor dem Gartenpavillon standen, befand sich der Flüchtling in demselben in Sicherheit. Er blieb dicht an der tür stehen, und hütete sich vor dem geringsten Geräusch, ja er bezwang so viel als möglich seine keuchende Brust, damit das Atemholen drüben nicht gehört würde. Ringsum war es stille, und er von seinen Verfolgern nur durch eine dünne Bretterwand geschieden; er fühlte sich jetzt wie der Schiffer auf stürmischem Meer. Näher als vorhin und auch jetzt noch war er dem Verderben nie gewesen. Die Nervenaufregung, das Bewusstsein, handeln zu müssen, hatten ihn bis jetzt nicht dazu kommen lassen, seine Lage zu übersehen – seine Lage, und vor Allem die seiner unglücklichen Schwester. Jetzt aber, wo sein Körper ermattet war, wo die Gefahr hinter ihm zu liegen schien, wo er trotzdem immer noch wie angefesselt stehen musste, jagten seine Gedanken in tollen und wilden Bildern durch sein Gehirn. Und was sie ihm Schreckliches zeigten, das waren leider keine Gebilde der Phantasie, das war Alles wahr, nur zu wahr! Sein mächtiger Geist breitete in rascher Aufeinanderfolge Alles Gehörte und Gesehene vor sich aus, er überlegte, verglich, verwarf und kam zu dem entsetzlichen Resultat, dass der Boden, auf dem er bisher gelebt, anfange unter seinen Füssen zu wanken, dass er auf schlüpfrigem Bergrande stehe, schon hinabgleitend, ohne dass sich seinem suchenden Auge ein sicherer Anhaltspunkt, eine rettende Stütze gezeigt hätte. – Als er mit seinen Gedanken so weit gekommen war, dass er seine Lage klar erkannte, presste ein wilder Schmerz sein Herz zusammen und er musste gewaltsam einen Schrei der Verzweiflung unterdrücken, der sich nun momentan in ein schreckliches Gefühl verwandelte, und jede Muskel seines kräftigen Körpers erzittern machte. Das war der Augenblick, wo er, um Allem mit einem Male ein rasches Ende zu machen, an die tür zu klopfen versucht war, um sich seinen Verfolgern zu übergeben. Doch warf er in der nächsten Sekunde trotzig den Kopf in die Höhe und sprach zu sich selber: "Verdammt, dass ich mich auf dieser Feigheit ertappe, ein, wenn gleich verlorenes Spiel wegzuwerfen, da man nicht den Mut hat, es zu Ende zu führen. – Ah! wie konnte mir eine solche idee kommen! Nein, ich werde meine Zügel fest in der Hand behalten, ich werde die Räder meines Lebenswagens vor dem Sturz in d i e s e n Abgrund zu bewahren wissen, wenn mir auch drüben ein anderer nicht minder gefährlicher winkt. War es doch von jeher mein Grundsatz, das Angefangene zu beendigen. Also auch diese Partie bis zum letzten Stiche, bis zu meinem grossen Schlemm! Dann die Karten fein und säuberlich geordnet und zusammengelegt, das Conto bezahlt und – gute Nacht!"
Die Vier draussen hatten sich hinter ihren langen Ohren gekratzt, und Einer meinte, es sei doch wahr, was man vom Fuchsbau sage, dass dort der Teufel los sei. "Alles in Allem genommen, so mag der Henker wissen, was wir verfolgt, vielleicht eine Art Geist oder einen Schatten." Dagegen nun protestirte ein Anderer heftig und sagte zu seinen Kameraden: dass das kein Schatten gewesen sei, habe er bei dem Gaskandelaber drunten wohl gespürt; so sei er in seinem ganzen Leben noch nicht umgerannt worden. Brummend meinte er, dafür wären sie eigentlich nicht bezahlt, und wenn das noch einmal vorkäme, so könne Polizeidiener sein, wer Lust habe. Ein Dritter sprach, er glaube, da helfe Alles nichts mehr; möge es nun Schatten oder Mensch gewesen sein, er sei nun einmal unter sehr verdächtigen Umständen verschwunden am Gartenpavillon des Polizei-Präsidenten, und er halte dafür, die ganze Sache dem Kommissär zu melden und dessen Urteil zu hören. Der Vierte aber war der Klügste von Allen; er riet, so lange über die geschichte reinen Mund zu halten, bis sie den Garten untersucht hätten. Und zu dem Zweck sollten zwei hier bleiben, und zwei vorn zum haus hinein gehen, um, wohlverstanden, in aller Heimlichkeit nach dem Entflohenen zu fahnden. Fände man nichts, so bliebe die Sache auf sich beruhen und werde nicht weiter gemeldet. Dieser Vorschlag wurde angenommen und Zwei machten sich alsbald auf den ziemlich langen Weg nach der Polizeidirektion, zu welchem Zweck sie ein paar Stadtteile