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, der einen Augenblick unbeweglich stehen blieb, dann das Treppengeländer erfasste, und sich nun mit solcher Gewalt die Treppe vollends hinab schwang, dass er zwei Männer, die dort Posto gefasst hatten, so vollkommen unvermutet überfiel, dass diese ihr Gleichgewicht verloren und schwerfällig die Treppe hinab kollerten, ihm nach, der schon mit leichtem Fuss die unterste Stufe erreicht hatte. Hier war der Fliehende nicht einen Augenblick zweifelhaft, welchen Weg er einzuschlagen habe. Eine tür, die er suchte, fand er unverzüglich, trat durch dieselbe in ein Gewölbe, glitt hier abermals einige Stufen hinab und erreichte nun einen weiten Keller, in dem er fortschritt.

Dieser hatte nach der Strasse einige halbkreisförmige Oeffnungen, die man übrigens kaum bemerken konnte, da die Nacht sehr finster war. An einer dieser Oeffnungen hatte man in der Mauer mehrere Steine weggebrochen und so eine förmliche Leiter gebildet, auf der ein gewandter Mann ohne grosse Mühe emporsteigen konnte. Ehe er sich aber vollständig dort hinaufschwang, horchte er aufmerksam, und erst, als sich in der engen Gasse, in welche diese Fenster mündeten, nicht das geringste Geräusch vernehmen liess, stieg er vorsichtig aus dem Keller empor.

Glücklicherweise warfen die nahestehenden Häuser, sowie ein Mauervorsprung neben dem Fenster einen so tiefen Schatten auf die Stelle, wo er emporgestiegen war, dass ihn selbst ein Späher hier nicht hätte entdecken können. Auch brauchte er die Vorsicht, eine Zeitlang unbeweglich stehen zu bleiben, worauf er endlich mit zwei grossen Schritten die andere Seite der Gasse erreichte. Hier blieb er abermals stehen und schaute nach dem haus zurück, doch fasste er im nächsten Augenblicke unwillkürlich den Griff seines Dolches, denn mit seinem scharfen Auge bemerkte er an zwei Stellen der dunklen Mauer des Hauses, von dem er eben herkam eine Bewegung, gerade als seien dort ein Paar Personen, die sich etwas von der Mauer entfernten. Sobald er aber regungslos stehen blieb, sah er auch drüben nichts mehr. – Und doch! er hatte sich nicht getäuscht. Kaum hatte er einen Schritt gemacht, so bewegten sich auch dort die beiden dunkeln Flecken wiederzwei Gestalten mit ihm im gleichen Masse fortschreitend. Das sind Aufpasser und Verfolger, dachte er sich. Was ist zu tun? Bei einem Ueberfall, den sie aber wahrscheinlich in der Nähe des Hauses nicht wagen, mich ihrer mit meinem Dolche entledigen; wenn sie mich aber verfolgen, sie, wenn es möglich ist, irre führen!

Das Letztere aber war ein schweres Unternehmen, denn wenn auch die beiden Gestalten nicht Willens schienen, die Entfernung zwischen sich und dem Andern zu kürzen, so liessen sie sie auch nicht vergrössern. Denn machte er längere und raschere Schritte, so taten sie das Gleiche, blieb er stehen, so machten sie es ebenso. Letzteres tat er mehrmals und überlegte sich dabei, ob es nicht besser wäre, umzuwenden und seinen Verfolgern direkt auf den Leib zu gehen. Dies zu tun war er schon im Begriff, doch hatte er mittlerweile die enge Gasse verlassen und eine breite, lange Strasse erreicht, die von mehreren Gaslampen hell beschienen war, und sah bei deren Licht dort zwei ähnliche verdächtige Gestalten, die ihm auf ein Zeichen seiner ersten Begleiter ebenfalls folgten. – Vier würden ein zu grosses aufsehen geben, dachte er bei sich. Also nichts von Gewalt; hier muss List entscheiden und Schnelligkeit. Behutsam warf er einen blick um sich; die letzten seiner Verfolger waren wohl zwanzig Schritte entfernt, die ersten schlichen auf der andern Seite der Strasse. Er beschleunigte seinen gang und als er eine enge Seitengasse erreicht hatte, schoss er dort mit einem gewaltigen Satze hinein. Doch mussten die vordern seiner Verfolger diese Absicht erraten haben, denn Einer stürzte ihm so rasch nach, dass er ihn in der nächsten Sekunde dicht an seiner Seite laufen hörte. Die Andern blieben nicht weniger zurück und er hörte deutlich ihre lauten Schritte auf dem Pflaster der sonst menschenleeren Strassen im schnellsten Tempo.

Vor allen Dingen galt es jetzt sich seines nächsten Verfolgers zu entledigen, und als er ein Mittel hiezu gefunden, musste er selbst darüber lächeln. Er wandte seinen Lauf etwas nach der Mitte der Strasse, gegen einen Gaskandelaber, so zwar, dass sich dieser jetzt zwischen ihm und seinem Verfolger befand. In diesem Augenblicke fasste er die eiserne Stange desselben mit der Hand, schwang sich um sie herum und traf den Andern dabei mit der ganzen Wucht seines Körpers, dass dieser laut dröhnend zu Boden stürzte. Hierauf änderte er die Direktion seines Weges abermals und flog nun in raschen Sätzen über die dunklen Strassen dahin, einem Stadtteile zu, wo wenig Verkehr war und spärliche Gasflammen brannten und wo an grosse herrschaftliche Häuser viele Gärten stiessen. Seine Verfolger blieben übrigens dicht hinter ihm und so stark und ausdauernd er auch war, so fühlte er doch nach und nach, wie ihm das Atmen schwerer wurde und wie es ihm grosse Mühe zu verursachen anfing, den beschleunigten Lauf fortzusetzen. Wohin sollte er sich wenden? Er hatte gehofft, seine Verfolger zu ermüden und ihnen auf diese Weise zu entgehen. – Vergebens. Wenn er auch zuweilen mehrere Schritte Vorsprung hatte, so strengten sich die Andern desto mehr an, in seine Nähe zu kommen, und sie hatten dies leichter, da sie sich teilen, ihm zuweilen den Weg abschneiden und so denselben für sich abkürzen konnten. Glücklicherweise hatte Keiner von ihnen Schiesswaffen bei sich, sie hätten es aber auch vielleicht nicht gewagt, davon Gebrauch zu machen, denn der da