Platz, für einen Mittelpunkt, der unser Alles ausmacht, für ein kleines Fleckchen Erde, in dem unser Liebstes ruht.
Von da an interessirt man sich auch für die anderen Gräber; – Alles, was sich auf dem Friedhofe befindet, scheint einer einzigen, grossen Familie zu gehören, der Verwandtschaft der toten. – – Man freut sich über bunte Blüten, die hier und dort entstehen, über einen neuen Stein, der aufgerichtet wird, über ein kleines ärmliches Gipsfigürchen, das einen betenden Engel vorstellt, und das herzliche Liebe auf ein stilles, lange verwildertes Grab gesetzt.
Es gibt Leute, welche sich am Liebsten auf dem Kirchhofe ergehen bei einem düsteren, melancholischen Wetter, wenn ein leiser Wind durch die Bäume rauscht, wenn einzelne schwere Regentropfen melancholisch herabrieseln, oder wenn an den umliegenden Bergen dichte Nebel hangen, die wie graue Schleier tief in das Tal herab hängen, und Monumente, Bäume, und Sträucher nur in undeutlichen Umrissen ahnen lassen: stilles, verdriessliches Wetter, wo die natur mit trauert, wo die Kapelle des Friedhofes wie ein nebelhaftes Gespenst aussieht, wo an den Brettern, Hauen und Schaufeln ein Tropfen nach dem andern hinabläuft, wo das offene Grab recht freundlich aussieht, wie ein trockener Zufluchtsort gegen die nasse und kalte Witterung draussen. – Wie gesagt, es gibt Leute, die dieser Ansicht sind. Wir aber können uns damit nicht einverstanden erklären; wir lieben den Kirchhof an einem klaren, heitern Tage, wie der des gegenwärtigen Kapitels ist, wo die Sonne mit aller Pracht aufsteigt. – – Auf dem Kreuze der Kapelle und dem Metalldache derselben funkeln Blitze, mit den Bergen rings umher liebäugelnd, die wie im rosigen Licht freundlich lächelnd in's Tal herab blicken.
Im hellen Glänze liegt die ganze Gegend, wie an einem Tag allgemeiner Freude. Obgleich es Winter ist, haben doch die Sonnenstrahlen seit einigen Tagen eine eigene Kraft; halbverwelkte Blätter scheinen ein neues Leben zu empfinden, ein paar frühzeitige Blumen haben unbesonnener Weise ihre Kelche geöffnet, um heute Nacht eines frühzeitigen Todes zu sterben; der Reif an den Bäumen löst sich auf und tropft als wasser herab; von dem weissen Schnee ist fast nichts mehr zu sehen, und wo noch hie und da in einer Vertiefung etwas liegen blieb, da unterbricht das nicht unangenehm den einförmigen, blätterlosen Kirchhof. Und doch ist hier Alles lebhafter, festlicher geschmückt, als in jedem anderen Garten, denn die vielen Kreuze und Steine brauchen nicht auf neue Blätter und Blumen zu warten, sie stehen da, immer fertig, immer geputzt, von der Sonne bestrahlt und von ihr mit tiefen, scharf ausgezackten Schatten geschmückt. – – Ja, die Immortellenkränze, die hier hängen, sind so warm und schön beleuchtet, dass man glauben könnte, die toten Strohblumen hätten sich eben jetzt geöffnet.
So liegt der Kirchhof da im hellen Morgensonnenscheine; die hohe Mauer, welche mit aus- und einspringenden Winkeln in einer ununterbrochen glänzenden Linie, hie und da tiefe Schatten werfend, ihn umgibt, scheint darauf stolz zu sein, und von ihrem rand glänzen glatte Kieselsteine, helle Glasscherben und dergleichen mehr gar wunderbar in der Sonne. – Und Alles ist hier so still und aufmerksam; die Arbeiter haben zwei Gräber beendigt, ein grosses auf dem schönsten und freiesten platz des Kirchhofs, ein kleines zwischen alten hölzernen und vermoderten Kreuzen und eingesunkenen Hügeln in einem entfernten Teile, wo man viele Gräber und wenig Wege sieht, wo die Besuchenden sparsam, der blühenden Blumen wenige sind.
Die subalternen Kirchhofbeamten sitzen auf der Treppe der Kapelle, sie haben fadenscheinige schwärze Fräcke an, und Einer lässt eine zinnerne Schnupftabaksdose herumgehen, welche mit den Emblemen seines Handwerks, einem Todtenkopf und zwei Knochen, geziert ist.
Jetzt schlagen die Glocken auf dem Kirchturme in der Stadt an, und der Schall dringt durch die klare Morgenluft recht hell herüber. Einige Augenblicke scheinen selbst die Kreuze und Steine diesen bekannten Klängen zu lauschen; man könnte glauben, hie und da strecke sich eines von ihnen, um auf den Weg zu schauen und früher zu erfahren, wer denn dort schon wieder gebracht werde.
Der geneigte Leser weiss es bereits, wenn er jetzt aus den Toren der Stadt zwei Züge hervorkommen sieht, an der Spitze des einen den grossen Trauerwagen mit den reich geschirrten Pferden, an der Spitze des anderen aber einen Kirchhofdiener, der unter seinem langen breiten Mantel Etwas trägt; er wird mit uns den ersteren Zug vorbei lassen: eine lange Reihe von reichen Equipagen mit bunten Wappenschildern am Schlag, Kutscher und Bediente in grosser Livree, und er will sich dem zweiten Zug anschliessen, welcher von dem Hauptwege, den jener andere stolz betritt, bescheiden abweicht und sich in den nämlichen Regionen des Kirchhofs verliert, von denen wir oben gesprochen. Bei beiden Zügen sieht man unter den Sacktüchern Tränen fliessen; wenn es aber von der tiefen Trauer der Anzüge abhinge, so müsste dort grösserer Schmerz zu finden sein als hier.
Hinter dem mann mit dem Mantel schreiten die beiden kleinen Geschwister, und die gute ältere Schwester hat das Mögliche getan, um sie der traurigen Handlung gemäss herauszuputzen. Das kleine Mädchen trägt ein schwarzes Merinokleid, das aber auf allen Nähten und den Aermeln schon stark in's Rötliche schimmert; dem hellbraunen Röckchen des Bübchens eine andere Farbe zu geben, war nicht wohl möglich, wesshalb sich Clara begnügt hatte, an seiner Mütze eine ziemlich lange Florschleife anzubringen, die an der Seite herunter hing und von dem kleinen Leidtragenden