1854_Hacklnder_152_388.txt

auf der Strasse in der Nähe des Fuchsbaues Gesichter gesehen, die ihm gar nicht gefallen. Aber das ist noch nicht das Schlimmste, er brachte auch die Nachricht heim, dass der Sträuber eingesteckt Worden sei."

"Der Sträuber?" fragte der Andere, offenbar unangenehm überrascht, und zog dabei seine Augenbrauen finster zusammen. "Der Sträuber? – das ist fatal."

"Auf dem Bahnhof," fuhr Meister Scharffer fort, "er hatte sich gerade ein Billet gelöst."

"Wohin?"

"Nach St."

"Beim Teufel! Das ist schlimm. Also wollte er über die Grenze. Da hat der Schuft etwas angestellt, was ihn zwingt, Stadt und Land zu verlassen." Bei diesen Worten ging der junge Mann nachdenkend mit raschen Schritten auf und ab und der Wirt schaute ihm mit einem höchst überraschten gesicht zu, wobei er sich in dem schwarzen, buschigen Backenbarte kratzte. Er mochte Wohl denken: jetzt ist es keine Zeit zum Promeniren, jetzt sollte der da handeln. Doch tröstete er sich gleich darauf: er wird schon wissen, was zu tun ist. Der Andere trat wieder an den Tisch zurück und sagte achselzuckend: "Wohl möglich, dass sie wieder eine Hausaussuchung halten."

"Wie schon oft."

"Aber heute' ist das schlimmer."

"Warum? Wir haben nichts Verdächtiges im haus."

"Vergeht Ihr den Matias?" sagte der junge Mann mit sehr ernster stimme.

"Alle Heiligen! das ist wahr!" rief erbleichend der Wirt. "Wenn sie den finden mit seiner Wunde in der Seite, so sind wir verloren. O, wenn er nur schon tot wäre."

"Hol' Euch der Teufel, Meister! – Und warum das?"

"Sie wissen wohl, wir hätten dann ein gutes Versteck für ihn. Aber einen Lebenden kann man nicht da hinein postiren."

"Ehe ich das Haus verlasse, muss ich nach ihm sehen. Leuchtet mir hinauf."

"Lassen Sie das um Gotteswillen bleiben, Herr," bat der Wirt. "Nehmen Sie mir ein Wort nicht übelwer weiss, ob man es nicht auf Sie selbst abgesehen hat? Verlassen Sie das Haus, so lange es noch Zeit ist, schonen Sie sich für uns. – Horch! was war das?"

Von unten herauf liess sich ein dumpfes Krachen vernehmen. Beide lauschten und der junge Mann sagte: "Man bricht eine tür auf. Wahrhaftig, das scheint ernstlich zu sein. Haben sie Lichter bei sich?"

"Nein, darnach habe auch ich gleich gesehen."

"Wer ist von uns im haus?"

"Der Johann, der Schnapper und zwei fremde Gesellen, die heute mit guter Rekommandation ankamen. Als ich die sechs Andern eintreten sah, hiess ich sie auf ihr Zimmer gehen."

"Wo sind sie?"

"Auf Numero vier, über uns."

"Und Matias?"

"Auf Numero zwei. Ah! ich vergass, Fritz ist bei dem als Krankenwärter."

Der junge Mann stand da hoch aufgerichtet, sein blitzendes Auge blickte starr in eine Ecke des Zimmers, er zog seinen schwarzen Schnurrbart zu beiden Seiten des Mundes herunter und dachte nach. – "Das ist ganz einfach," sagte er nach einer Pause, "die Hauptsache ist: Matias muss weggeschafft werden, und das müssen Johann und Fritz besorgen. Beide sind stark, sie können ihn tragen. Freilich kann es ihn das Leben kosten," fuhr er fort, nachdem er die Augen einen Moment mit der Hand bedeckt hatte. "Aber was ist da zu machen? Lieber tot, es wäre grässlich, wenn er ihnen lebend in die hände fiele. Und Matias hat eine starke natur, er wird's vielleicht ertragen."

"Aber wohin mit ihm?" fragte zweifelnd der Wirt. "O, glauben Sie, Herr, die auf der Polizei sind auch klüger geworden. Sie werden ringsum das Haus besetzt haben."

"natürlich," erwiderte der Andere mit einem verächtlichen Lächeln. "Aber wir lassen uns doch nicht überlisten, und wenn Ihr genau meine Befehle befolgt, so kommt der arme Matias glücklich durch."

"Und Sie, Herr?"

"O, ich verschwinde wie gewöhnlich. – Ihr lasst den Matias auf Numero Eins bringen; dort, wisst Ihr, hängen an der Wand alte Landkarten. Nehmt sie ab und schlagt durch die ganz dünne Wand, die sich dort befindet, ein Loch, nicht grösser, als dass Johann und Fritz mit ihrer Last durchkommen."

"Aber in dem haus nebenan haben wir keine Verbindungen, Herr. Das ist ein Pietist, ein scheinheiliger Satan, der gleich Lärm machen wird."

Ohne auf diese Worte zu achten, hatte der Andere seinen Rock aufgeknöpft, und die Uhr hervorgezogen, von der er ein Petschaft löste. Dann fuhr er ruhig fort: "Auf das Geräusch des Wanddurchschlagens wird der Eigentümer augenblicklich erscheinen. Johann soll ihm dies übergeben und er wird für den Matias sorgen. Vergesst mir aber nicht, dass die grosse Landkarte wieder an ihren Platz gehängt wird."

Meister Scharffer empfing das Petschaft mit einem Blicke der Ehrfurcht, den er auf den jungen Mann warf. Er hatte den Nachbar immer gefürchtet, ja er hatte ihn gekannt als Jemand, der im Rufe der grössten Rechtlichkeit stehe, der das