fort. "Sie sagten schon mehrmals, Sie schenken mir Ihr unbedingtes Vertrauen. O tun Sie es in Wahrheit; glauben Sie meinen Worten und treffen Sie schleunigst Ihr Massregeln!"
"Gewiss, Josef, sei nicht kindisch, – steh auf! Was geht mich dein Baron von Brand an? Was er angerichtet hat, soll er verantworten. Und so will ich es gerade machen. – Aber steh' auf. Für deinen Eifer danke ich dir herzlich, danke ich dir wie ein Freund dem andern dankt." Bei diesen Worten zitterte seine stimme, und als er den Jäger empor hob, fühlte dieser einen festen Händedruck. – "Doch du bist mit deinen Unglücksbotschaften noch nicht zu Ende. Sprich weiter, ich bin auf Alles vorbereitet."
"O wenn es so wäre!" seufzte Josef. "Soeben kam mein Herr aus dem schloss; er hatte den Dienst; Sie wissen, Herr, dass man dort im Vorzimmer zuweilen Manches erfährt, was eigentlich verschwiegen bleiben sollte."
"Ja, ich weiss das," sagte der Andere aufmerksam.
"Der Polizei-Direktor war vor der Tafel bei Seiner Majestät."
"Nachmittags gegen fünf Uhr? – Eine aussergewöhnliche Stunde."
"So kam es dem Herrn Grafen auch vor; und ich glaube, es war Seiner Erlaucht auffallend genug, um darüber Erkundigungen einzuziehen."
"Bei dem Kammerdiener oder bei dem Polizei-Präsidenten selbst? O wenn die Stillschweigen gelernt hätten! – Nun, es wird 'was Unbedeutendes gewesen sein."
"Nein, Herr, es war etwas sehr Bedeutendes. – Sie kennen ein kleines Haus in der Schilderstrasse; gegenüber steht ein Brunnen."
"Ich kenne es nicht," entgegnete der Andere scheinbar unbefangen.
"Sie gingen oft dahin, Herr."
"Ich? – Niemals!"
"Ah! verzeihen Sie, ich meinte den Herrn Baron von Brand."
"Das ist etwas Anderes. – Aber weiter! weiter!" Obgleich die stimme des jungen Mannes wieder vollkommen ruhig geworden war, so atmete er doch fast hörbar, seine Augen glänzten und seine Finger irrten auf dem Griffe des Dolches hin und her.
"In dem haus," fuhr Josef mit festem Blicke fort, "hat die Polizei heute Nachforschungen gehalten."
"Die Polizei! – und wesshalb? – Wer gab ihr das Recht dazu? – Was fand sie?"
Achselzuckend fuhr der Jäger fort: "Ich weiss Ihnen nur die letzte Frage zu beantworten, Herr. Sie fanden in dem haus eine alte Frau, einen kleinen Knaben, einen jungen Mann – und eine Dame."
Bei jedem Worte, welches der Jäger aussprach, war der Andere sichtlich zusammengefahren, doch hatte er sich gewaltsam bezwungen, wobei er sich die Lippen fast blutig biss. Als aber Josef sagte: eine Dame, da behielt er seine mühsame Fassung nicht länger, er erbleichte auf eine furchtbare Art, seine Augen starrten weit aufgerissen, er fasste die Hand des Jägers mit zitternden Fingern und sprach fast lautlos: "Du hast gesagt: auch eine Dame –?"
"Eine Dame, Herr – die Frau Baronin von W., Gemahlin des früheren General-Adjutanten."
Bei diesen Worten war es, als wollte der Andere in die Kniee sinken; sein Körper schien sich unter dem Eindruck dieser Mitteilung förmlich zu beugen, er presste die hände vor das Gesicht und rief in herzzerreissendem Tone: "Meine Schwester! – o meine arme Schwester!"
Dieses Wort hatte Josef doch nicht erwartet. Ihn fasste ein jäher Schreck bei dem Ausrufe des Andern, es war ihm, als hebten sich rings herum schwarze Schleier, als stiegen wilde unheimliche Geister aus den Ecken des Zimmers. Der Luftzug, der durch den Kamin herabdrang, machte ihn schaudern. Er fühlte sich wie von Furchtbarem umgeben; es schien ihm, als bewegten sich die Fenstervorhänge und es dringe hie und da eine Faust durch die Scheiben und suchte tappend die schweren Riegel zu erfassen, um die Flügel zu öffnen, und einer unheilvollen Macht Eingang zu gestatten. Dann aber erfasste ihn wieder eine tiefe Wehmut, als er die kräftige Gestalt des jungen Mannes vor sich erblickte, die durch seine Mitteilungen vollständig gebrochen schien; als er bedachte, welch' gewaltiger Geist, welch' edles Herz und tiefes Gefühl in diesem kräftigen Körper wohnte, welchen Weg dieser Mann hätte gehen können, und wie er nun vor ihm stand, vielleicht schon von allen Seiten umgarnt, im nächsten Augenblicke vor der unerbittlichen Gerechtigkeit – die leider, leider diesmal nur gerecht zu nennen war! – Josef war kein gewöhnlicher Mensch, sein Eintritt in diese Welt hatte ihm Hoffnungen eröffnet, die leider nie in Erfüllung gingen. Und an alles dies denkend, hatte er seine hände gefaltet und langsam tropfte eine Träne um die andere aus seinen Augen und verlor sich in dem dichten, schwarzen Barte.
Der Andere hatte sich unterdessen wieder gefasst, doch als er die hände langsam von seinem Gesicht entfernte, fielen seine arme wie gelähmt herab. – Aber er lächelte. Doch dieses zuerst traurige und dann erschreckliche Lächeln schnitt dem Getreuen, der vor ihm stand, noch tiefer in die Seele, als vorhin der Ausbruch des wilden Schmerzes.
"Lass es gut sein, Josef," fuhr der junge Mann fort. "Jeder Mensch hat seine Schwächen, hat eine Stelle, an der er verwundbar ist. Du hast sie