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Schritten vorwärts, um hierauf abermals stehen zu bleiben. Als sie so zum zweiten Male stehen blieb, war das dicht vor der hohen Mauer eines Hauses, welches mit dem Fuchsbau zusammenhing. An dieser Mauer war der vor ihr Wandelnde verschwunden; der Teufel mochte wissen, wo er hingekommen war. Da befand sich weder tür noch Fenster, ja nicht einmal eine Spalte, wo eine Maus hätte durchkriechen können, der Verfolgte aber war verschwunden und der Verfolger stand kopfschüttelnd vor der hohen Mauer, ging erst zwanzig Schritte rechts, dann ebensoviele links, um vielleicht hier einen Eingang zu erspähen, umkreiste nach dieser vergeblichen Bemühung den ganzen Häuserkomplex und eilte dann mit ziemlich raschen Schritten nach der obern Stadt zurück.

Siebenundsiebenzigstes Kapitel.

Im Fuchsbau.

Der Andere war indessen durch den fast nur ihm allein bekannten sehr kunstreich versteckten Eingang in das Innere des Fuchsbaues gelangt, immer noch ohne Ahnung, dass ihn Jemand bis an die Mauern desselben verfolgt. Ein schmaler gang nahm ihn auf, der spärlich erhellt war von einer einzigen Lampe, die in einer Nische brannte. Neben sie legte er seinen Mantel hin, stieg langsam eine Treppe hinauf, und trat wenige Augenblicke nachher in das uns bekannte Zimmer. Hier befand sich Niemand, überhaupt herrschte im ganzen haus, wenigstens in diesem Teile desselben, die gewöhnliche tiefe Stille. Auf dem Tische brannten zwei Lichter, im Kamin loderte ein helles Feuer. Der Eingetretene legte seinen Hut auf den Tisch, fuhr sich mit der Hand über die Stirne, schränkte darauf die arme über der Brust, und ging mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab.

Ihn beschäftigte das Haus bei dem Brunnen in der oberen Stadt, er wusste selbst nicht warum. Er hätte so gerne Herrn Beil besucht und das Kind, und dass er es unterlassen, verursachte ihm jetzt ein unbehagliches Gefühl. Doch konnte er sich von diesem Gefühl keine Rechenschaft geben. Wie oft war er schon Nachts bei diesem haus vorübergegangen, ohne es zu betreten; er hatte die dunkeln Fenster gesehen wie heute, er hatte gedacht: sie schlafen schon oder befinden sich in den hinteren Zimmern; er war beruhigt fortgegangen, ja oftmals vor sich hin lächelnd, wenn er sich den guten Beil vorgestellt, wie er jetzt mit der wichtigen Miene eines Hofmeisters die Kapitel aus Geographie und geschichte seinem Zögling wiederholte, die er selbst am Morgen erst mühsam erlernt. Heute hatte er sich den Herrn Beil nicht in so behaglichem Zustande denken können. – "Bei Gott!" sprach er zu sich selber, "ein solches Gefühl hat mich noch selten getäuscht, es ist da etwas vorgefallen. Ich muss mir Gewissheit verschaffen." Er riss heftig an dem neben ihm befindlichen Glockenzug, und ein heller Klang ertönte augenblicklich darauf in dem Wirtszimmer.

Eine Weile darauf hörte man die eiligen Schritte eines Mannes, die tür wurde hastig geöffnet, und Herr Scharffer trat herein, ehrerbietig auf der Schwelle stehen bleibend. Er war etwas schnell gelaufen, sah echauffirt aus, und blies hastig den Atem von sich, so dass sein weit abstehender, schwarzer und struppiger Backenbart eine seltsame Bewegung machte.

Der Andere trat ihm rasch entgegen und sagte: "Matias soll herkommen."

"Matias?" fragte der Wirt erstaunt. "Der wird sobald nicht kommen können."

"Ah Teufel, wie konnte ich das vergessen, Meister Scharffer! Gewiss, ich habe heute Abend meine Gedanken nicht beisammen. Und doch beschäftigte ich mich fast den ganzen Tag mit Matias. Wie geht es ihm?"

Der Wirt zuckte die Achseln, verzog seinen breiten Mund und entgegnete: "Die Wahrheit zu sagen, Herrschlecht. Gott möge den verdammen, der den Stoss geführt; er ist tief, sehr tief gegangen. Er drang in die Seite ein und verletzte, wie der Chirurge sagte, die Lunge so schwer, dassja, ich kann's nicht verschweigen, sein Aufkommen sehr ungewiss ist."

Erschreckt trat der Andere einen halben Schritt zurück, fasste den Griff seines Dolches und biss sich heftig auf die Lippen.

"Er hat auch viel Blut verloren, ehe sie ihn herbrachten," fuhr Herr Scharffer fort. "Viel Blut; und das geht ihm beständig nach, denn er fällt von einer Ohnmacht in die andere, oder man könnte eher sagen, er kommt selten mehr zum Bewusstsein, denn er liegt die meiste Zeit schwer atmend da und mit geschlossenen Augen."

"So muss ich nach ihm sehen. Er ist doch gut verpflegt?"

"Wie können Sie zweifeln, Herr?" versetzte der Wirt im Tone eines leichten Vorwurfs. "Matias, der uns Allen in's Herz gewachsen ist! Ich versichere Sie, Alle im Fuchsbau sind voll Jammer und Betrübniss."

"Führt mich hinauf. Ich muss ihn sehen."

"Sogleich Herr. Aber ich vergass zu melden, dass Josef draussen ist; er suchte Sie schon seit mehreren Tagen und kam nun vor wenig Augenblicken, sah aber sehr bleich und erschreckt aus und wollte gleich zu Ihnen herein. Ich bemerkte ihm, es sei noch kein Zeichen mit der Glocke gegeben worden und Sie auch demnach noch nicht im haus. Darauf biss er sich heftig auf die Nägel und lief, allerlei murmelnd in der stube auf und ab. Sagen Sie mir doch, Herr," fuhr er mit einem lauernden Gesichtsausdruck fort, "trauen Sie dem Josef völlig?"

"Wie mir selbst. – Aber wozu