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müsstest du als vorsichtige Dienerin tun. Aber du wirst heute Abend einmal unvorsichtig sein, vergesslich. Erst wenn fräulein von S. kostümirt ist, fällt es dir ein, dass du andere Achselbänder aufgeheftet. Hast du mich verstanden?"

"O ich verstehe Alles."

"Nun, so verstehe mich auch vollkommen und merke dir: es ist mein Wille, mein Befehl, dass es so geschieht, wie ich gesagt. Glaube nicht, dass dich diese Mauern schützen, wenn du meinem Befehl ungehorsam wärest. – Doch," setzte er mit weicher stimme hinzu, "ich will dir keine Furcht einflössen, ich will mich an deine Dankbarkeit wenden, und von diesem Gefühle in deinem Herzen bin ich überzeugt, dass es dir helfen wird, meinen Wunsch zu erfüllen." Er fasste bei diesen Worten ihre Hand, mit welcher sie sich fast gewaltsam am Tische festielt, und als sie bei dieser Berührung zusammenfuhr, sprach er mit einem angenehmen Lächeln: "Der kleine Dienst, den du mir leisten wirst, soll dein letzter für mich sein. Damals sagte ich dir, es sei unwahrscheinlich, aber doch möglich, dass ich dich nochmals wiedersähe, heute dagegen versichere ich dich auf's Bestimmteste, dass wir uns nie mehr begegnen werden, wenn du meinen Wunsch pünktlich erfüllst. – Etwas Anderes wäre es freilich," fuhr er mit gänzlich verändertem Tone fort, "wenn du an mir zur Verräterin werden wolltest. In dem Momente blicke um dich und schaudernd wirst du mich wiedersehen."

"Ah!" machte das geängstigte Mädchen und presste schmerzlich bewegt ihre beiden hände vor das Gesicht. Als sie dieselben langsam wieder sinken liess, war er verschwunden und sie sah an dem erschrockenen blick ihrer Freundin, welchen diese auf die nun wieder offene tür geheftet hielt, dass er das Zimmer verlassen. Henriette sank auf ihren Stuhl nieder, reichliche Tränen flossen über ihr Gesicht herab, wobei sie ausrief: "O ich wusste es wohl, dass dies glückliche, friedliche Leben von nicht langer Dauer sei! Sie wird mich von sich stossen, ich bin verloren!"

Draussen auf dem Korridor warf er den Mantel über die Schultern, so dass sein Gesicht fast von demselben verdeckt wurde, und dann verliess er, die hellerleuchteten Gänge und Treppen vermeidend, aus einer hinteren tür das Schloss. Auf der Strasse angekommen, schien er einen Augenblick unschlüssig, wohin er sich wenden solle. Er machte ein paar Schritte gegen den Kastellplatz zu, wandte aber gleich darauf wieder um, trat in eine der kleinen dunklen Strassen, von denen mehrere in der Nähe des Schlosses mündeten und ging auf dieser fort, der oberen Stadt zu.

Bald erreichte er eine Strasse, an deren Ende sich ein Springbrunnen befand, dortin wandte er seine Schritte, und bei dem Brunnen angekommen, stellte er sich mit dem rücken gegen denselben und blickte das gegenüber liegende Haus an; entweder war in keinem der Zimmer ein Licht oder man hatte dichte Vorhänge herabgelassen. "Ich weiss nicht, wie mir ist," sprach er zu sich selber und zog seine Uhr hervor, "jetzt treibt es mich diesen Abend schon zum dritten Male vor dies Hausunerklärlich! Gerne ginge ich einen Augenblick hinauf, doch ist mir mein Anzug hinderlich. Beil würde mich nicht geniren, aber die alte Frau und das Kind; und dann könnte auch sie wohl da sein." Er hielt das Zifferblatt der Uhr gegen die Gaslaterne. "Erst Sieben; ich könnte mich rasch umkleiden und dann einen Augenblick hinaufgehen. – Ah bah! Man muss sich von seinen Nerven nicht zwingen lassen. – Und doch war ich lange nicht so weich gestimmt, wie am heutigen Abend; ich glaube fast, meine Hand zittert. Ja, ich fühle mich aufgeregt; hätte das Mädchen im schloss mich mit Bitten bestürmt, ich hätte die Achselbänder des Herzogs zu allen Teufeln fahren lassen."

Der im Mantel hatte Recht, als er so vor sich sprach, denn wer ihn früher hätte nächtlich durch die Strassen dahin gehen oder beobachtend vor dem haus stehen sehen, würde wohl heute einen grossen Unterschied haben wahrnehmen können. Er spähte nicht eifrig umher, wie er sonst wohl zu tun pflegte, er hemmte nicht den Schritt und wandte den Kopf bei dem leisesten Geräusch, sondern er ging ganz gegen seine Gewohnheit wie träumend einher, den blick auf den Boden gesenkt, unachtsam, stolpernd. Sein Geist war offenbar beschäftigt und zerstreut, woher es denn auch wohl kommen mochte, dass er nicht gewahr wurde, wie sich während der Zeit, die er am Brunnen zubrachte, die Gestalt eines Menschen, welche im tiefsten Schatten des gegenüberliegenden Hauses versteckt stand, zuweilen gegen ihn vorbog und ihn während der ganzen Zeit, die er dort zubrachte, unablässig und aufmerksam anschaute. Ja, als er sich hinweg begab, folgte ihm die Gestalt, wobei dieselbe immerfort die Schatten der Häuser benützte, um nicht von ihm gesehen zu werden. Doch, wie schon bemerkt, sie hätte sich diese Vorsicht sparen können, denn er ging die Strasse hinab den Kopf gesenkt, nicht auf- noch rückwärts blickend.

Er wandte seine Schritte dem Fuchsbau zu und die Gestalt hinter ihm liess ihn nicht aus den Augen. Sie war ihm gefolgt, den Kopf vorgestreckt, die Augen weit geöffnet. Auf einmal aber stutzte sie und blieb stehen; sie wandte den Kopf jetzt halb rechts, jetzt halb links und stürzte darauf mit ein paar raschen